Luis Quintero / Pexels

Berufliche Entwicklung in Zeiten gesellschaftlicher Transformation

Chancen und Gestaltungsoptionen für die Berufliche Orientierung
sowie Beratung für Bildung, Beruf und Beschäftigung

Jahrestagung am 14.-15. September 2026 in Oldenburg

mit

Verleihung des Josephine-Levy-Rathenau-Preises

KI-generiert

Gemeinsame Veranstaltung
von
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
WiN·BO – Wissenschaftliches Netzwerk Berufsorientierung

Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung (dvb)

Unter dem Titel: „Berufliche Entwicklung in Zeiten gesellschaftlicher Transformation – Chancen und Gestaltungsoptionen für die Berufliche Orientierung sowie Beratung für Bildung, Beruf und Beschäftigung“ fokussiert die Tagung unter anderem die Komplexität, Mehrdeutigkeit und Nicht-Planbarkeit der Arbeitswelt innerhalb sozialer, ökologischer, technologischer und ökonomischer Transformationsprozesse und die Folgen für die Berufliche Orientierung. Die damit verbundenen Unsicherheiten, tiefgreifenden Veränderungen und neuen Kompetenzanforderungen machen verstärkt Unterstützungs- und Beratungsangebote notwendig, die Deutungs- und Aushandlungsprozesse ermöglichen und sich an individuellen biografischen Verläufen in einer sich stark wandelnden Arbeitswelt orientieren.

Dies betrifft Lehrkräfte und Berater*innen in besonderer Weise: Als Ko-Konstruierende in beruflichen Orientierungs- und Entwicklungsprozessen nehmen sie das Spannungsfeld zwischen Unsicherheit und Gestaltungschancen auf und unterstützen je nach individuellen Bedürfnissen und situativen Gegebenheiten.

Ziel der gemeinsamen Tagung ist es, im Wissenschafts-Praxis-Dialog aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu diskutieren und Perspektiven für eine wirksame Berufliche Orientierung sowie Beratung für Bildung, Beruf und Beschäftigung in Zeiten gesellschaftlicher Transformation zu entwickeln.

Wir freuen uns auf Sie!

Tagungskomitee:
Prof. Dr. Katja Driesel-Lange, Beatrice Ehmke, Dr. Tina Fletemeyer, Stephan Jeske, Dr. Christoph Krause, Dr. Judith Moll, Wolfgang Oppacher, Prof. Dr. Rudolf Schröder, Iris Stolz, Torsten Tomenendal, Gabriele Witzenrath

Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
WiN·BO – Wissenschaftliches Netzwerk Berufsorientierung
Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung e. V. (dvb)

Montag, 14.09.2026

ab 09:30 Uhr     Anmeldung

10:30 Uhr          Begrüßung und Eröffnung der Tagung

Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung e.V.
WiN·BO Wissenschaftliches Netzwerk Berufsorientierung

11:00 Uhr Keynote 1

Keynote 1: Arbeitswelt 2040: Trends, Unsicherheiten und Konsequenzen für Berufsorientierung und -beratung

Dr. Tobias Maier, Bundesinstitut für Berufsbildung, Co-Leiter Arbeitsbereich 1.2 „Qualifikation, berufliche Integration und Erwerbstätigkeit“

Demografie, Digitalisierung und Dekarbonisierung prägen die zukünftige Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes, wirken jedoch auf unterschiedliche Weise. Auf Grundlage unterschiedlicher Szenarien im Rahmen der Qualifikations- und Berufsprojektionen (www.QuBe-Projekt.de) diskutiert der Vortrag drei zentrale Thesen: Erstens macht die schrumpfende Erwerbsbevölkerung Arbeitskräfte zunehmend zu einer knappen Ressource und erhöht damit die Bedeutung einer passgenauen Qualifizierung. Zweitens kann Digitalisierung – insbesondere der Einsatz Künstlicher Intelligenz – Arbeitskräfteengpässe teilweise abfedern und Produktivität steigern. Ihre tatsächlichen Beschäftigungswirkungen hängen jedoch davon ab, welche Tätigkeiten automatisierbar sind und in welchem Umfang technologische Möglichkeiten in Innovationen und neue Geschäftsmodelle übersetzt werden. Drittens erzeugt die Dekarbonisierung für sich genommen nur eine vergleichsweise geringe zusätzliche Erwerbstätigennachfrage, bleibt aber angesichts von Klimazielen, Versorgungssicherheit und internationaler Wettbewerbsfähigkeit eine notwendige Transformation.

Projektionen sind Wenn-Dann-Aussagen und daher stets vor dem Hintergrund der getroffenen Annahmen zu interpretieren. Ein rückläufiges Arbeitskräfteangebot führt zudem nicht automatisch zu Vollbeschäftigung: Fachkräfteengpässe und steigende Erwerbslosigkeit können gleichzeitig auftreten. Umso wichtiger wird es, vorhandene Erwerbspotenziale besser zu erschließen und mehr Menschen zu einem beruflichen Abschluss zu führen. Ansatzpunkte hierfür bestehen entlang der gesamten Bildungskette – von den Voraussetzungen für einen erfolgreichen Ausbildungsstart über die Berufsorientierung und Berufswahl bis zum erfolgreichen Abschluss einer beruflichen Qualifizierung.

12:00-13:30 Uhr          Veranstaltungssession I

5 zeitlich parallele Slots:
Slot 1: 3 Vorträge (a-c), dauern jeweils ca. 30 Minuten und laufen hintereinander ab
Slot 2: 3 Vorträge (a-c), dauern jeweils ca. 30 Minuten und laufen hintereinander ab
Slot 3: Symposium
Slot 4: Workshop
Slot 5: Workshop
Genauer Plan siehe Tagungsprogramm als PDF-Dokument

Session I, Slot 1, Vortrag a: Berufliche Orientierung als Übergangsgestaltung: Ein systemisch-transitionstheoretischer Zugang

Prof. Dr. Thorsten Bührmann, MSH Medical School Hamburg Fakultät Art, Health and Social Science
Femke Dumstrei, MSH Research, Development & Innovation gGmbH

Berufliche Orientierung wird in diesem Beitrag als spezifische Form der Gestaltung von Übergangen verstanden, die biographische und lebenslaufbezogene Bewegungssequenzen umfasst. In zunehmend weniger normierten Lebensverläufen sind solche Übergänge zu einem zentralen Muster der Biografieentwicklung geworden (von Felden et al. 2014): Lebensläufe werden offener, kontingenter und zugleich fragmentierter. Der biographische Bewältigungsprozess lässt sich dabei als sozial eingebetteter Aushandlungsprozess verstehen, in dem Handlungsoptionen, Selbstbilder und Zukunftsvorstellungen in Relation zu gesellschaftlich-strukturellen Rahmenbedingungen entwickelt werden (müssen).

Ansätze der Transitionsforschung bieten einen konzeptionellen Rahmen für die professionelle Gestaltung und Begleitung von Diskontinuitäten in Übergangsphasen (Schroer u.a. 2013) und die damit einhergehenden sozialen und biografischen Veränderungs- und Wandlungsprozesse. Zur analytischen Erfassung des Einflusses von den sozialen Begleitumständen wird häufig der ökosystemische Ansatz von Bronfenbrenner (1981) herangezogen. Dieser geht von einer reziproken Beziehung zwischen Individuum und Umwelt aus. Balz (2005) arbeitet in einem grundlegenden Beitrag zur systemischen Perspektive der Berufs- und Laufbahnberatung in diesem Zusammenhang die System-Umwelt-Differenz als zentrales Merkmal der Berufswahl heraus. Daraus lässt sich u.a. die Integrationsleistung als Gestaltungsprinzip gelingender Übergangsprozesse ableiten.

Der Beitrag bereitet solche Ansätze auf, die bislang in der Diskussion um Berufliche Orientierung nur begrenzt rezipiert wurden, jedoch ein besonderes Potenzial für die Gestaltung beruflicher Entwicklungen unter Bedingungen gesellschaftlicher Transformationen bietet. Damit versteht er sich als Ergänzung zu etablierten theoretischen Zugängen (z.B. differential-, entwicklungs-, lern- oder entscheidungstheoretischen Ansätzen) der Beruflichen Orientierung.

Kurzbiografie der Referierenden:
Prof. Dr. Thorsten Bührmann: Professur für Sozialwissenschaften und Forschungsmethodik an der MSH (seit 2016). Davor 18 Jahre am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn u.a. als Akademischer Rat. 2020 Gründung und wissenschaftliche Leitung der Berufswahl-SIEGEL Akademie.
Femke Dumstrei: Bachelor und Master in Sozialer Arbeit (MSH Medical School Hamburg). Seit 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der MSH in unterschiedlichen Forschungs- und Entwicklungsprojekten zur Beruflichen Orientierung. Wissenschaftliche Begleitung des Berufswahl-SIEGELs Deutschland.

Session I, Slot 1, Vortrag b: Transformationskompetenz für die Gestaltung von Bildungs- und Beratungsorganisationen

Prof. Dr. Peter C. Weber, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit Mannheim

Die digitale Transformation fordert auch Lehrende und Beratende heraus. Bisher wird in diesem Zusammenhang vor allem der Bedarf an Digital-Kompetenzen formuliert, um die eigene digitalisierte Arbeit zu bewältigen oder Menschen, die beruflich mit Herausforderungen der Digitalisierung konfrontiert sind zu bilden oder zu beraten. Die Herausforderung ist jedoch weitergehend: Die gesellschaftliche Transformation und insbesondere die Digitalisierung wirkt sich auf die berufliche Entwicklung von Beratenden und Lehrenden selbst aus und stellt diese mit Blick auf Automatisierung und Künstliche Intelligenz zunehmend in Frage.

Eine Lücke in der Diskussion besteht bezüglich der Frage wie Bildungs- und Beratungsorganisationen im Prozess der digitalen Transformation weiterentwickelt und gestaltet werden können und welche Kompetenzen auf Seiten der Lehrenden und Beraterenden notwendig sind. Damit wird eine weitere wichtigen Rolle für Lehrende und Beratende in den Blick genommen, nämlich die der aktiven Mitgestaltung der Organisation.

Der Beitrag widmet sich dieser organisationalen Perspektive. Die Kernthese ist, dass auch die Weiterentwicklung oder Transformation zu digitalen Organisationen eine Aufgabe ist, die aus professioneller Perspektive gestaltet und begleitet werden muss. Demgegenüber steht das Risiko, dass die technologische Ausrichtung maßgeblich aus der Technologie- oder Management-Perspektive gestaltet wird. Zugespitzt steht die Frage im Raum, ob die Transformation in Bildung und Beratung von Überlegungen zur Qualität und Wirksamkeit von professionellen Leistungen im Sinne des Auftrags einer Organisation oder durch Effizienzüberlegungen und die technische Machbarkeit bestimmt wird.

Ausgehend von vorliegender Forschung zur Gestaltung organisationalen Wandels und zu Kompetenzanforderungen in der digitalen Transformation wird untersucht, welche Kompetenzen notwendig sind und wie Organisationen die professionellen Leistungen der Bildung und der Beratung (mit)gestaltet werden können.

Kurzbiografie der Referierenden:
Prof. Dr. Peter C. Weber ist Professor für Beratungswissenschaften an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim. Forschungsschwerpunkte sind lebensbegleitende berufliche Beratung und Orientierung, Wissen und Kompetenz von Beratenden, Digitalisierung im Bereich Beratung sowie Organisations- und Politikentwicklung.
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Session I, Slot 1, Vortrag c: Berufliche Orientierung in Zeiten gesellschaftlicher Transformation – Ergebnisse einer Befragung koordinierender Lehrpersonen

Dr. Tina Fletemeyer, Universität Oldenburg
Prof. Dr. Vera Kirchner, Universität Potsdam
Prof. Dr. Isabelle Penning, Universität Potsdam

Vor dem Hintergrund tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationsprozesse, die auch den Arbeitsmarkt betreffen, kommt der Beruflichen Orientierung (BO) an Schulen eine zentrale Bedeutung zu. Für das Bundesland Brandenburg liegen bislang nur vereinzelte empirische Erkenntnisse zur konkreten Ausgestaltung schulischer BO vor (vgl. MBJS, 2021). Dies gilt insbesondere für die Perspektive der Lehrpersonen, die als BO-Koordinator:innen an den Schulen eine hervorgehobene Rolle einnehmen (vgl. Bassot et al., 2014 in Driesel-Lange, 2020, S. 32).

An diese Forschungslücke knüpft die Querschnittsstudie an, in deren Mittelpunkt die Frage steht, wie BO unter Bedingungen gesellschaftlichen Wandels schulisch gestaltet wird, welche Methoden und Inhalte eingesetzt werden, welche Zielsetzungen Lehrpersonen in ihrer Rolle als unterstützende Instanzen verfolgen und welchen Herausforderungen sie dabei begegnen.

Die Datenerhebung erfolgte im Herbst 2025 mittels eines onlinegestützten Fragebogens mit überwiegend geschlossenen sowie ergänzenden offenen Frageformaten. Eingesetzt wurden – neben neu entwickelten – bewährte Items zu fachdidaktischem Wissen und Können im Kontext der BO, zu Aspekten gendersensibler BO sowie zur unterrichtlichen Einbindung von berufs- und studienorientierenden Inhalten (vgl. Dreer, 2018; Dreer & Kracke, 2013; Pfäffli & Bacher, 2007). Zudem wurden Bedarfe und Herausforderungen bei der Umsetzung zentraler berufs- und studienorientierender Maßnahmen erfragt. Insgesamt konnten im Rahmen der Studie 165 Fragebögen ausgewertet werden (Oberschulen n=68, Gesamtschulen n=25, Gymnasien n=42, Förderschulen n=30). Die Ergebnisse geben Einblicke in die Ausgestaltung schulischer BO als pädagogische und didaktische Aufgabe im Kontext gesellschaftlicher Transformation in Brandenburg und zeigen Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung schulischer BO sowie für Professionalisierungs- und Unterstützungsbedarfe von Lehrkräften auf. Im Rahmen des Vortrags werden ausgewählte Ergebnisse präsentiert und sich daraus ableitende Implikationen für die Berufliche Orientierung an weiterführenden Schulen diskutiert.

Kurzbiografie der Referierenden:
Dr. Tina Fletemeyer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Oldenburg und Leiterin des Bereichs „Berufliche Orientierung“ am Institut für Ökonomische Bildung (IÖB). Forschungsschwerpunkte: Berufliche Orientierung, Methodik des Wirtschaftsunterrichts und die Professionalisierung von Lehrkräften
Prof. Dr. Vera Kirchner ist Professorin für Ökonomische Bildung an der Universität Potsdam. Forschungsschwerpunkte: Entrepreneurship Education, Finanzielle Allgemeinbildung, Berufliche Orientierung, Digitalisierung und digitales Lehren und Lernen, Lehrer:innenprofessionalität und -kompetenzen, fachdidaktisches Design von Lehr-Lern-Settings
Prof. Dr. Isabelle Penning ist Professorin für Didaktik der ökonomisch-technischen Bildung im inklusiven Kontext an der Universität Potsdam. Forschungsschwerpunkte: Inklusion in der technischen Bildung und Beruflichen Orientierung, Lehr-Lernlabore, Digitalisierung und digitales Lehren und Lernen, Reparaturkompetenzen von Lehramtsstudierenden

Session I, Slot 2, Vortrag a: Zeit für Veränderung: Nachwuchsgewinnung und Personalbindung bei der Polizei Niedersachsen

Kimberley Witt, Polizeikommissarin, Polizeiakademie Niedersachsen, Projekt GZP
Matthias Schwarze

Das Projekt „Generation Zukunft Polizei“ (GZP) wurde im Jahr 2023 implementiert, um eine strategische und umfassende Antwort auf die aktuellen Herausforderungen in der Personalgewinnung und -bindung zu geben. Angesichts der sinkenden Bewerbungszahlen, der steigenden Bewerbungsrücknahmen und der zunehmenden Zahl von Entlassungen auf eigenen Antrag, sieht sich die Polizei Niedersachsen mit einem akuten Nachwuchs- und Bindungsbedarf konfrontiert. In diesem Kontext zielt das Projekt darauf ab, die Polizei Niedersachsen als attraktiven Arbeitgeber zu positionieren und die Nachwuchsgewinnung und -bindung langfristig zu reformieren.

Berufsorientierung und Nachhaltige Nachwuchsgewinnung ist kein kurzfristiges Ziel, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Da Imagearbeit und Nachwuchsgewinnung nicht voneinander getrennt werden können, liegt der Fokus auf langfristiger Planung und kontinuierlicher Weiterentwicklung.

Angesichts dieser Herausforderungen setzt das Projekt GZP an einem ganzheitlichen Ansatz zur Nachwuchsgewinnung und -bindung an, der die spezifischen Bedürfnisse und Werte der neuen Generationen berücksichtigt. Außerdem trägt die gezielte Förderung von Demokratiebildung dazu bei, die Polizei als werteorientierten und gesellschaftlich verantwortlichen Arbeitgeber zu positionieren. Durch innovative und kreative Werbemaßnahmen und zielgruppenorientierte Ansprache, sowie eine verstärkte Einbindung digitaler und sozialer Medien, ist das Projekt darauf ausgelegt, Generationen wie Z und Alpha zu erreichen und diese dauerhaft für die Polizei Niedersachsen zu gewinnen.

Ist das der richtige Ansatz? Warum sind Imagearbeit und Nachwuchswerbung oft schwer voneinander zu trennen? Wie können wir die Generationen Z und Alpha wirklich erreichen? Und sollte die Polizei wirklich Marketing betreiben?

Gerne würden wir genau diese Fragen beantworten und unsere ersten Erkenntnisse aus der Projektarbeit auf der Tagung in Oldenburg mit euch teilen.

Kurzbiografie der Referierenden:
Kimberley Witt: Von 2013-2016 absolvierte Kimberley Witt ihr Studium an der Polizeiakademie Oldenburg. Danach war sie in unterschiedlichen Organisationseinheiten als Sachbearbeiterin in der Bereitschaftspolizei Hannover im Einsatz- und Streifendienst in Nordenham sowie Delmenhorst und als Einsatzleitbeamtin in der Leitstelle Oldenburg tätig.
Matthias Schwarze: Nach seinem Masterabschluss „Öffentliche Verwaltung – Polizeimanagement“ im Jahr 2021 war Matthias Schwarze als Leiter des Dezernats 20, das sich mit der Nachwuchsgewinnung und -werbung auseinandersetzt, tätig. Seit Beginn des landesweiten Projektes GZP im Jahr 2023 hat Matthias Schwarze die Projektleitung. Er nimmt neben dieser Aufgabe noch den Posten eines Dozenten mit Koordinierungsaufgaben im Studiengebiet 1, Kriminalwissenschaften, an der Polizeiakademie Hannoversch Münden wahr.

Session I, Slot 2, Vortrag b: Occupational Representations on TikTok. An exploratory study of the representation of the police on TikTok in Denmark and Germany

Dr. Jochen Karl Kinast, Department of Education, University of Münster, Germany, Department of Communication, University of Copenhagen, Denmark
Sif Sneum, B.A., Department of Education, University of Münster, Germany, Department of Communication, University of Copenhagen, Denmark

TikTok is highly popular in Denmark and Germany, especially among young audiences. According to recent studies, 49% of young Danes (Hyldig Hansen, 2025) and 50% of young Germans (Tippelt, 2025) use the Chinese-owned social media platform. Currently, TikTok is the subject of intense debate due its supposedly addictive and polarizing algorithm (European Commission 2026; Kinast & Marqauart, In press). However, scientific research on the platform is still surprisingly scarce. The available studies focus strongly on mental health  (Conte et al., 2025; Motta et al., 2024) and political communication in the context of elections (Cartes Barroso et al., 2025; Pinto et al., 2025). Other public actors, however, have not yet been scientifically investigated. We begin to address this gap by examining police-related content on the platform. This focus is particularly relevant, as user videos of alleged conflicts between oZicers and citizens tend to generate high engagement and, consequently, algorithmic traction. These media representations can impact young adults’ image of the occupation and in turn their career decisions (Rossmann, 2013; Shrum, 2004). Simultaneously, both the Danish and German police use the platform as part of their employer branding strategies (Politiets Online Patrulje 2025; Polizeiakademie Niedersachsen 2026).

In our exploratory study, we analyze 2,460 Danish and 103,451 German TikTok posts published in 2025 including the keywords ‚politi‘ and ‚polizei,‘ respectively. The data was obtained with the oZicial TikTok research API and analyzed in R. Our descriptive analysis provides an initial overview of the following. First, we examine the general visibility of the police on the platform. Second, we identify the accounts that most frequently post police-related content. Third, we analyze the contexts in which police oZicers are commonly represented. Fourth, we investigate how police agencies communicate themselves. Finally, we compare how the findings diZer between Denmark and Germany. We conclude by discussing how TikTok might shape young adult’s image of the police profession.

Session I, Slot 2, Vortrag c: Kleine und mittelständische Unternehmen des gewerblich-technischen Sektors: Auszubildende gesucht!

Heike Claßen, Bundesagentur für Arbeit

Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen des gewerblich-technischen Sektors stehen bei der Suche nach geeigneten Nachwuchskräften in Zeiten gesellschaftlicher Transformation vor einer besonderen Herausforderung. Bedingt durch den demografischen Wandel sank die Zahl der Schulabgänger*innen erheblich. Die Entwicklung des Ausbildungsmarktes zugunsten der Ausbildungssuchen- den, begleitet durch den zunehmenden Fachkräftemangel (vgl. IAB 2024, S. 8), führt inzwischen zu einem „War for Talents“ zwischen Unternehmen (vgl. Dewald 2021, S. 1).

Grundlage des Beitrags ist die 2025 abgeschlossene Promotion der Referentin zum Thema „Marketing Strategien für Ausbildungsberufe im Kontext der Berufsorientierung und Arbeitgeberwahl aus der Sicht kleiner und mittelständischer Unternehmen“ an der Universität Oldenburg in Kooperation mit der HdBA. Es wurde untersucht, inwieweit Elemente der Berufsorientierung und der Arbeitgeberwahl sinnvoll in das Ausbildungsmarketing integriert werden müssen. Vor dem Hintergrund verschiedener Berufswahltheorien und Theorien der Arbeitgeberwahl wurden mit einem qualitativen Forschungsansatz Marketingstrategien kleiner und mittelständischer Unternehmen des gewerblich-technischen Sektors untersucht sowie Empfehlungen für das Personalmanagement entwickelt. U.a. wurde aufgezeigt, dass Theorien der Berufs- und Arbeitgeberwahl deutliche Parallelen aufweisen und daher nicht unabhängig voneinander betrachtet werden dürfen (vgl. Claßen 2025).

Dieser Beitrag berücksichtigt Perspektiven unterschiedlicher Akteure innerhalb des Berufsorientierungsprozesses Jugendlicher, z.B. Ausbildungsverantwortliche, Arbeitsvermittler*innen und Berufsberater*innen der Bundesagentur für Arbeit, Eltern sowie Lehrkräfte. Es werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie Ansätze der Berufsorientierung und Arbeitgeberwahl sinnvoll miteinander verknüpft und die Nachwuchskräftegewinnung der Unternehmen unterstützen können.

Kurzbiografie der Referierenden:
Heike Claßen hat „Arbeitsmarktmanagement“ (HdBA) sowie „Personalentwicklung“ (TU Kaiserslautern) studiert und arbeitet seit 2013 als Beratungsfachkraft für Arbeitsvermittlung und Leistungsrecht im Jobcenter Mannheim. 2025 hat sie an der Universität Oldenburg in Kooperation mit der HdBA zum Ausbildungsmarketing von Unternehmen promoviert.

Session I, Slot 3, Symposium: Anerkennungssensible Berufsorientierung

Dr. Janina Beckmann, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
Berufsbildungsforschung und Berufsbildungsmonitoring, Arbeitsbereich Kompetenzentwicklung
Dr. Mona Granato, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Berufsbildungsforschung und Berufsbildungsmonitoring, Arbeitsbereich Kompetenzentwicklung
Prof. Dr.  Birgit Ziegler, Berufspädagogik und Berufsbildungsforschung, Technische Universität Darmstadt

Ein Großteil der etablierten Maßnahmen zur beruflichen Orientierung basiert auf strukturtheoretischen Annahmen und soll Jugendliche dabei unterstützen, am Ende der Schulzeit eine zu ihren Fähigkeiten und Interessen passende berufliche Entscheidung zu treffen (Ziegler, 2023). Jedoch ist Berufswahl für Jugendliche auch fundamental für die Entwicklung ihrer sozialen Identität (Hannover et al., 2018). Daher ist für sie nicht nur die Passung zu Tätigkeitsinteressen und Fähigkeiten relevant, sondern sie lassen sich vielmehr von ihren globalen Vorstellungen über Berufe, deren Stellung in der Gesellschaft sowie den damit verbundenen Zukunftsversprechungen leiten (Gottfredson, 2005; Edwards & Shipp, 2007). Bekanntlich ist das Berufswissen von Jugendlichen meist relativ beschränkt, was sich regelmäßig in einem engen Spektrum an Berufswünschen zeigt. Zudem hat die Unsicherheit bezüglich der eigenen beruflichen Ziele in den letzten 20 Jahren unter Jugendlichen kontinuierlich zugenommen (OECD, 2025). Anerkennungssensible Berufsorientierung versteht sich als Ansatz, der sowohl der Frage nachgeht, inwieweit sich Jugendliche bei ihren Berufswünschen durch soziale Merkmale von Berufen, wie Prestige und Gender, sowie vom sozialen Umfeld beeinflussen lassen, als auch die Identitätsrelevanz der Berufswahl systematisch in Konzepte zur Berufsorientierung zu integrieren versucht. Im Symposium werden drei Beiträge präsentiert zu aktuellen empirischen Befunden sowie zu einem gerade entwickelten Konzept eines digital gestützten anerkennungssensiblen Workshops, das an zwei anerkennungssensible Präsenzangebote zum einen den „Ausbildungs- und Studienbotschafter“ sowie dem „Workshop Logiken der Berufswahl“ anknüpft.

Session I, Slot 4, Workshop: „Mission ICH“: Selbstreflexion als Schlüssel Beruflicher Orientierung in Zeiten der Transformation

Anja Krüger, Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit und Leben Mecklenburg-Vorpommern e.V., Projekt ProBO-neT II, Mission ICH
Tobias Prill, Landesarbeitsgemeinschaft Arbeit und Leben Mecklenburg-Vorpommern e.V., Projekt ProBO-neT II, Mission ICH

Gesellschaftliche Transformationen fordern Jugendliche heraus, ihren beruflichen Weg nicht nur zu definieren, sondern auch aktiv und perspektivisch anders zu gestalten. Berufliche Orientierung (BO) und Entwicklung werden damit zu einem kontinuierlichen Aushandlungsprozess zwischen individuellen Erfahrungen, persönlichen Zukunftsvorstellungen und einer zunehmend komplexen und nicht planbaren Arbeitswelt.

Vor diesem Hintergrund bedarf es Unterstützungs- und Beratungsangebote, die Schüler:innen Reflexionsprozesse ermöglichen, an individuelle Lebensverläufe anknüpfen und dabei begleiten, veränderte berufliche Perspektiven in individuelle Lebenskontexte zu integrieren (vgl. Sommer, Rennert, 2020; Driesel-Lange et al., 2023). BO steht vor der Aufgabe, Offenheit und Neugier gegenüber der Arbeitswelt zu fördern, Lust auf Mitgestaltung zu wecken sowie Selbstreflexion und -sicherheit in Übergangssituationen zu stärken.

Der Praxisworkshop „Mission ICH“ setzt hier an. Das zugrunde liegende Konzept verbindet klassische Elemente der Potenzialanalyse mit einer längerfristigen Kompetenzentwicklung. Schüler:innen der 7. bis 9. Jahrgangsstufe erhalten wiederholt Zeit und Raum, eigene Talente, Interessen und Fähigkeiten zu entdecken, zu reflektieren und ihr Selbstwissen aufzubauen (vgl. Kalisch et al., 2020). Im Rahmen vielfältiger Aufgabenformate erleben sie sich als aktive Gestalter:innen ihres Berufswahlprozesses und entwickeln Selbstwirksamkeit als Ressource für berufliche Übergänge (vgl. Kalisch et al., 2023). So entsteht eine fundierte Grundlage für eigenständige, reflektierte Entscheidungen in einer sich wandelnden Arbeitswelt.

Im Workshop erproben die Teilnehmenden nach einem einleitenden Input zum Konzept von „Mission ICH“ und dessen theoretischer Verortung in einer praxisorientierten Arbeitsphase ausgewählte „Mission ICH“-Aufgaben, reflektieren deren Wirkung auf Erleben und Motivation und diskutieren die Bedeutung der interpersonalen Begegnung in BO- und Bildungsprozessen.

Kurzbiografie der Referierenden:
Anja Krüger: Projektmitarbeiterin bei Arbeit und Leben M-V e.V., Projekt ProBO-neT II (Professionalisierung Beruflicher Orientierung durch Vernetzung und Transfer). Coach für Persönlichkeitsentwicklung & Lehrtrainerin Schulfach Glück & Promotionsstudentin (Schulpädagogik) an der Universität Rostock
Tobias Prill: Projektmitarbeiter bei Arbeit und Leben M-V e.V., Projekt ProBO-neT II (Professionalisierung Beruflicher Orientierung durch Vernetzung und Transfer) & Promotionsstudent (Philosophie) an der Universität Rostock

Session I, Slot 5, Workshop: Qualitätsentwicklung als Professionalisierung in der BBB-Beratung. Veränderungen durch gesellschaftliche Transformationen?

Dr. Martin Reuter, Justus-Liebig-Universität Gießen
Henrik Weitzel, M.A., Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

In der Forschung besteht weitgehend Konsens, dass „Qualität“ im von vielfältigen Akteur*innen und Dynamiken geprägten Feld der Erwachsenen- und Weiterbildung kein absoluter Standard ist (Hartz 2011). Qualität gilt vielmehr als relational, standortgebunden und veränderlich. Fragen nach Qualität sind daher stets auch im Kontext gesellschaftlicher Transformationsprozesse – etwa Digitalisierung oder KI – zu diskutieren.

Zwar existieren unterschiedliche Qualitätssicherungssysteme, die jedoch überwiegend von einzelnen Anbietern oder professionellen Organisationen entwickelt wurden und meist nur innerhalb der jeweiligen Verbände oder Institutionen Gültigkeit besitzen. Qualitätsentwicklung erfolgt dadurch häufig fragmentiert. Mit den BeQu-Standards wurden erstmals übergreifende Qualitätsstandards für Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung formuliert (nfb 2014).

Professionalität in der Beratung umfasst neben Anforderungen an Planung, Organisation, Leitung und Evaluation auch die systematische Sicherung und Weiterentwicklung von Qualität (Weitzel 2026). Qualitätsentwicklung kann somit als zentrale Dimension professionellen Handelns in Bildungs- und Beratungsprozessen verstanden werden (Arnold/Nolda/Nuissl 2001; Arnold/Nuissl/Schrader 2023). Zugleich gilt kontinuierliche Qualitätsentwicklung als Impuls für organisationale Lern- und Veränderungsprozesse (Weber & Katsarov 2013).

Der Workshop geht der Frage nach, ob und inwiefern gesellschaftliche Transformationsprozesse Veränderungen für die professionelle Qualitätsentwicklung in der BBB-Beratung mit sich bringen und welche Konsequenzen sich daraus für Praxis und Professionalisierung ergeben. Auf Grundlage aktueller Diskurse werden Ansätze der Qualitätsentwicklung mit etablierten Qualitäts- und Qualitätsmanagementmodellen kontrastiert (u.a. BeQu, LQW, KQB) und gemeinsam mit den Teilnehmenden vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Transformationen diskutiert. Ziel ist es, den fachlichen Austausch zu fördern und Perspektiven für zukünftige Qualitätsentwicklungsprozesse in der Beratung im gemeinsamen Austausch weiterzudenken.

Kurzbiografie der Referierenden:
Martin Reuter ist seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Weiterbildung. Seine Forschungsschwerpunkte sind Qualitätsmanagement, pädagogische Organisationsforschung, Struktur und Governance des Weiterbildungssystems, lebenslanges Lernen und pädagogische Beratung.
Henrik Weitzel ist seit 2022 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Erwachsenen/Weiterbildung der JGU Mainz. Seine Forschungsthemen liegen in der Digitalisierung von Beratung, insb. in Hinblick auf den Einsatz von KI. Zudem hat er Berufserfahrung in der Beratung von Unternehmen und Teams..

13:30-14:30 Uhr           Mittagessen und Austausch im Foyer

14:30-16:00 Uhr          Veranstaltungssession II

5 zeitlich parallele Slots:
Slot 1: 3 Vorträge (a-c), dauern jeweils ca. 30 Minuten und laufen hintereinander ab
Slot 2: 3 Vorträge (a-c), dauern jeweils ca. 30 Minuten und laufen hintereinander ab
Slot 3: Symposium
Slot 4: Workshop
Slot 5: Workshop
Genauer Plan siehe Tagungsprogramm als PDF-Dokument

Session II, Slot 1, Vortrag a: Ausbildungsmessen in Zeiten von Transformationen zwischen betrieblichen Selbstdarstellungen und interpersonalen Berufsorientierungen

Prof. Dr. Tim Stanik, Universität Münster

Die duale Berufsausbildung steht seit mehreren Jahren vor großen Herausforderungen: Ausbildungsstellen können vielfach nicht mit geeigneten Bewerber*innen besetzt werden, zwischen Betrieben und jungen Menschen bestehen Passungsprobleme, sodass hohe Vertragsauflösungsquoten zu verzeichnen sind (BMFSFJ 2025). Diese skizzierten Aspekte stellen Unternehmen vor die Aufgabe, für ihre Ausbildungsangebote zu werben, sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren und Wege der Ansprache von potenziellen Auszubildenden zu finden. Ausbildungsmessen sind ein etabliertes Format des Ausbildungsmarketings. Für Judendliche sind sie ein niederschwelliges Angebot, um sich an einem Ort über das regionale und überregionale Angebot an dualen, schulischen Ausbildungsmöglichkeiten sowie (dualen) Studiengängen informieren zu können. So sind Ausbildungsmessen für junge Menschen auch ein wichtiger Kanal der Berufsorientierung, den 76,5% eine sehr hohe oder hohe Bedeutung zumessen (Bertelsmann Stiftung 2024). Ausbildungsmessen sind im Bezug zum CfP somit als Orte der persönlichen Begegnung zur beruflichen Orientierung in Zeiten gesellschaftlicher Transformationen zu betrachten.

Trotz dieser Bedeutung und der flächendeckenden Verbreitung finden sich bislang keine wissenschaftlichen Analysen zu Ausbildungsmessen. Der Beitrag greift dieses empirische Desiderat auf und präsentiert Befunde eines laufenden Forschungsprojekts, in dem auf Basis von Interviews und nicht-teilnehmenden Beobachtungen u.a. folgenden Fragestellungen bearbeitet werden:

  • Wie gestalten die betrieblichen Austeller die Ansprache der Jugendlichen auf den Messen?
  • Welche Interaktions- und Rollenmuster werden auf den Messen kommunikativ hergestellt?

Hierzu wurden neben den räumlichen, symbolischen betrieblichen Präsentationen insbesondere die Interaktionen und sozialen Konstellationen auf den Messen in den Blick genommen. Die mit Hilfe der Grounded-Theory (Strauss & Corbin 1996) gewonnenen Ergebnisse zeigen u.a. die betrieblichen Selbstdarstellungen in Zeiten (digitaler) Transformationen, verschiedene Rollenmuster der betrieblichen Vertreter*innen, Strategien des Einsatzes von Werbegeschenken und die Rolle der Eltern bei den Messekontakten auf. Ausbildungsmessen lassen sich vor diesem Hintergrund als gekoppelte Praktiken der Berufsorientierung, der Erziehung und eines zielgruppenspezifischen Employerbrandings rekonstruieren. Auch wird deutlich, dass entsprechende Messebesuche durch professionelle Berufsberatungen strukturiert zu begleiten sind, um ihre Potenziale für die Berufsorientierung entfalten zu können.

Kurzbiografie der Referierenden:
Prof. Dr. Tim Stanik, Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung, Didaktik in der Weiterbildung, Pädagogische Professionalität

Session II, Slot 1, Vortrag b: Übergänge in die Ausbildung in Zeiten gesellschaftlicher Transformation: Praktika als Chance für benachteiligte Jugendliche? Einblicke in die Sicht von Ausbildungsbetrieben

Hochmuth, Melanie, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Der demografische Wandel, der Fachkräftemangel und sich ändernde Anforderungen verschärfen die Barrieren beim Übergang von der Schule in die Ausbildung. Jugendliche mit geringeren Qualifikationen und Migrationshintergrund haben weiterhin höhere Zugangshürden und nehmen öfter Übergangsmaßnahmen wahr (Bundesagentur für Arbeit, 2021). Praktika sind im Übergangssystem ein wesentliches Instrument, um Jugendlichen Einblicke in Arbeitsprozesse zu geben, und können einen stärkeren Einfluss auf den Einstieg in die Ausbildung haben als schulische Weiterqualifizierungen (Fitzenberger, 2015; Meliani et al., 2019). Dies gilt insbesondere für benachteiligte Jugendliche und bietet ihnen die Möglichkeit, Kompetenzen sichtbar zu machen, die in formalen Abschlüssen oder Bewerbungsunterlagen nur begrenzt dargestellt werden (Solga & Kohlrausch, 2013). Zudem fördern Praktika die berufliche Selbstwirksamkeit Jugendlicher (Driesel-Lange & Klein, 2024). Jedoch gibt es bislang kaum Studien, die betriebliche Perspektiven auf die Chancen von Praktika im Rahmen der Berufsorientierung beleuchten.

Dieser Beitrag analysiert daher aus der Perspektive von Ausbildungsverantwortlichen in Betrieben, wie Praktika den Übergang benachteiligter Jugendlicher in eine Berufsausbildung erleichtern, welche Herausforderungen Betriebe dabei sehen und welche Barrieren durch die fortschreitende Transformation der Arbeitswelt entstehen. Die theoretische Grundlage bilden die Signaling-Theorie (Spence, 1978) und das Job-Fit-Konzept (Kristof-Brown et al., 2005). Praktische Erfahrungen werden dabei als Signal betrachtet, um Informationsungleichheiten zwischen Betrieben und Bewerbern zu verringern und Passungsprozesse zu unterstützen. Angelehnt an den „Klebeeffekt“ (Buschfeld, 2006) können Praktika so alternative Zugänge in die Ausbildung ermöglichen. Die empirische Basis sind teilstandardisierte qualitative Interviews mit 20 Ausbildungsbetrieben (Datenerhebung 04/2025–06/2025, laufend). Mit einer strukturierenden sowie explikativen qualitativen Inhaltsanalyse (Mayring & Fenzl, 2019) wird untersucht, inwiefern Praktika eine beidseitige Job-Fit-Abstimmung ermöglichen, welche Best Practices sowie Herausforderungen auftreten.

Kurzbiografie der Referierenden:
Melanie Hochmuth ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf Bildungs- und Berufsverläufen, Übergängen von der Schule in Ausbildung sowie Ungleichheiten und Diskriminierungsprozessen in der Berufsbildung.

Session II, Slot 1, Vortrag c: Empowerment trifft Berufsschule – Biografieorientierte Ausbildungsvorbereitung von jungen Frauen mit Migrationsgeschichte

Natalie Henrichs, Katholisches Jugendwerk Förderband Siegen-Wittgenstein e.V.
Prof. Marcel Martsch, Universität Siegen, Professur für Schul- und Unterrichtsentwicklung am Berufskolleg
Prof. Erika Gericke, Universität Siegen, Professur für Schul- und Unterrichtsentwicklung am Berufskolleg

Frauen mit Migrationsgeschichte sind beim Einmünden in den deutschen Arbeitsmarkt nach wie vor benachteiligt (Brücker et al., 2024). Diese Ergebnisse decken sich mit der internationalen Literatur, wonach female migrants aufgrund des Migrationshintergrundes und des Geschlechts eine doppelte Diskriminierung erfahren (Anastasiadou, 2024). Der Status quo wirft die übergeordnete Forschungsfrage auf, wie sich Zugangsbarrieren wirksam abbauen und die Bildungsteilhabe sowie Integration von jungen zugewanderten Frauen in den Arbeitsmarkt nachhaltig erhöhen lässt. Ein vielversprechender Zugang manifestiert sich in der adressatengerechten Ausgestaltung von berufsorientierenden Maßnahmen im Übergangssystem Schule-Beruf (Kohlrausch, 2012). Diese fußen bestenfalls auf einem vertieften Verständnis der individuellen (Förder-)Bedarfe der Zielgruppe. Bislang fehlt es jedoch – trotz einer zunehmenden Sensibilität für die spezifischen Bildungsbedürfnisse – an einer fundierten empirischen Datenbasis zur Orientierung.

Der Beitrag greift dieses Forschungsdesiderat auf. Dem Ansatz der biografischen Forschung (Rosenthal, 2018) folgend wurden 14 episodische Interviews (Flick, 2022) mit Schülerinnen der Zielgruppe an einem Berufskolleg (BK) in NRW geführt und inhaltsanalytisch (Mayring, 2015) ausgewertet. Die Ergebnisse zu den Herausforderungen, Bedürfnissen, Stärken und Ressourcen sowie Bildungszielen und beruflichen (Vor-)Orientierung werden präsentiert. Darüber hinaus wird aufgezeigt, wie diese in die Entwicklung und Ausgestaltung von empowerment-wirksamen Handlungsräumen am BK einfließen. Diese werden in den Ausbildungsplan einer Internationalen Förderklasse (MSW, 2016) des BK eingebettet und im Schuljahr 2025/26 in 64 Unterrichtsstunden erprobt. Der Beitrag konzentriert sich auf die Details der Implementierung sowie die Methoden der gender- und migrationssensiblen Unterrichtspraxis. Ein anschließender Ausblick adressiert die Evaluation und Anschlussfähigkeit des Projektvorhabens.

Kurzbiografie der Referierenden:
Nathalie Henrichs ist Schulsozialarbeiterin beim Katholischen Jugendwerk Förderband Siegen Wittgenstein e.V. Mit viel Erfahrung und einem intersektionalen Blick auf Bildungsprozesse gestaltet sie kreative, partizipative Lernräume, in denen Empowerment nicht nur ein Ziel, sondern gelebte Praxis ist.
Marcel Martsch ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Schul- und Unterrichtsentwicklung am Berufskolleg an der Universität Siegen. Seine thematischen Schwerpunkte liegen im Bereich der Konzeption, Implementierung und Evaluation von beruflichen Aus- und Fortbildungsmaßnahmen

Session II, Slot 2, Vortrag a: Berufsorientierung an Förderschulen stärken

Prof.in Dr. Jane Porath, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA) Schwerin
Prof. Dr. Matthias Kohl, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA) Schwerin
Kevin Huhs, M.A., wiss. Mitarbeiter, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA) Schwerin

Der Übergang von der Schule in die Arbeitswelt ist eine der zentralen Bildungs- und Entwicklungsaufgaben junger Menschen. Die Agenturen für Arbeit bieten ihren Kund*innen berufliche Orientierung und professionelle Beratung entlang der gesamten Bildungs- und Erwerbsbiografie. Damit kommt die BA ihrem gesetzlichen Auftrag zur Berufsberatung (§ 29 Abs. 1 SGB III) und Berufsorientierung (§ 33 SGB III) von jungen Menschen und Erwachsenen nach.

Für Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf gestalten sich diese Übergänge jedoch vielfach schwieriger, häufig geprägt von exklusiven Automatismen, die zu einem direkten Übergang in Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) führen. Ein Ausbau des Angebots für diese jungen Menschen könnten u.a. Eintritte in die WfbM verringert und ein inklusives Muster zur Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt etabliert werden. Das Projekt „Berufsorientierung an Förderschulen stärken“ (BO FöS) der BA hat das Ziel, diese Schieflage strukturell zu adressieren und ein neues, systematisch gestuftes Angebot intensiver Berufsorientierung/-beratung für Jugendliche mit Förderschwerpunkt zu erproben und anschließend bundesweit zu pilotieren.

Die HdBA übernimmt hierbei die qualitative Evaluation. Ziel ist es, zu erfassen, ob das Angebot zu einer verbesserten beruflichen Orientierung führt – etwa durch realistischere Zielsetzungen, erweiterte Alternativen und eine erhöhte Selbstwirksamkeit. Darüber hinaus wird untersucht, inwieweit das Angebot passgenau ausgestaltet und von den Beteiligten akzeptiert wird.

Die Evaluation erfolgt mit 360-Grad-Blick für alle Förderschwerpunkte im Experimentaldesign durch haptisch-narrative Interviews mit Schüler*innen und teilstandardisierte Interviews mit Beratungsfachkräften, Eltern, Lehrkräften und ggf. weiteren Stakeholdern. Erhoben werden Aspekte der Implementierung und Prozesse, Akzeptanz und Passung sowie subjektiven Wirkungen. Im Vortrag werden die methodische Vorgehensweise und Erkenntnisse der Erprobungsphase fokussiert.

Kurzbiografie der Referierenden:
Prof. Dr. Jane Porath ist Professorin für Pädagogik, insb. Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der HdBA Schwerin. Ihr Forschungsfokus sind u.a. Arbeits-/Berufsorientierung (und Mediennutzung), Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung und Professionalisierung von Bildungs- und Beratungspersonal.
Prof. Dr. Matthias Kohl ist Professor für Pädagogik, insb. Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der HdBA Schwerin. Er beschäftigt sich in Forschung und Lehre u.a. mit der Modernisierung und digitaler Transformation beruflicher Aus- und Weiterbildung und Professionalisierung von Berufsbildungspersonal.
Kevin Huhs war als Berufsberater und Rehaberater in der Ersteingliederung der Arbeitsagentur Kiel tätig. Aktuell ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HdBA Schwerin und in diesem Rahmen an der Begleitforschung des Projektes Berufsorientierung an Förderschulen stärken (BO FöS) beteiligt.

Session II, Slot 2, Vortrag b: Berufsorientierte Interessenförderung in der Grundschule

Sabrina Happe, wiss. Mitarbeiterin der AG-Schulforschung K-7, Institut für Erziehungswissenschaften, Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg Essen
Prof. Dr. Ingelore Mammes, Professorin für Schulforschung (K-7) unter besonderer Berücksichtigung früher Bildungsprozesse, Institut für Erziehungswissenschaften, Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen

Geschlechtsspezifisches Berufswahlverhalten geht einerseits aus Geschlechterstereotypen hervor, die sich bereits früh ausbilden (Bischof-Köhler 2002). Auch Interessen beeinflussen die Berufsorientierung (Mohr 2022). Nach Gottfredson (2002) ordnen Kinder zwischen sechs und acht Jahren Berufe geschlechtsspezifisch und grenzen mögliche Berufswahlen ein (Gottfredson 2002). Studien zeigen zugleich, dass Kinder mehr Berufe in Betracht ziehen, wenn sie früh motivierend aufbereitete Informationen über Berufe erhalten, wozu auch die Förderung von Interessen gehört (Krapp 1999; Vogt 2007). Berufsbezogene Interessen und Berufsbilder im Grundschulalter verstehen sich dabei als frühe Grundlage, die spätere Berufsorientierungsprozesse im Jugendalter mitprägt. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Transformation wird untersucht, inwiefern berufsorientierende Interventionen bereits früh Offenheit, Selbstwirksamkeit und weniger stereotype Vorstellungen von beruflichen Möglichkeiten anbahnen können.

Fragestellung: Welche Effekte zeigen sich hinsichtlich der Interessen und Berufsbilder durchschnittlich achtjähriger Grundschulkinder nach einer berufsorientierenden Intervention und wie unterscheiden sich diese, wenn die Intervention zum einen von der Lehrkraft und zu anderen von Role Models durchgeführt wird?

Methodik: Es wurde eine (quasi-)experimentelle Pre-Post-Studie mit zwei Treatmentgruppen (A und B) und einer Kontrollgruppe, bestehend aus achtjährigen Grundschulkindern, eingesetzt. Nach Fragebögen und Interviews zu Interessen und Berufsbildern nahmen die Kinder der Gruppen A und B an einer Projektwoche zu Berufen teil. In Gruppe A wurde diese von der Klassenlehrerin angeleitet, in Gruppe B von gemischtgeschlechtlichen Role-Model-Teams.

Zwischenergebnisse: Bisherige Ergebnisse zeigen, dass sich eher Interessen in Gruppe A verstärkt haben. Dahingegen konnten die Berufsbilder, insbesondere in Gruppe B, von einer stereotypen zu einer gleichberechtigteren Sichtweise verändert werden.

Kurzbiografie der Referierenden:
Sabrina Happe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der AG Schulforschung K-7 unter der Leitung von Prof. Dr. Ingelore Mammes an der Universität Duisburg-Essen. Frau Happe beschäftigt sich im Kontext ihrer Dissertation mit der berufsorientierten Interessenförderung in der Grundschule.

Session II, Slot 2, Vortrag c: Demokratieförderung und berufliche Orientierung für Lernende im Übergangssektor

Dr. Eva Anslinger, Zentrum für Arbeit und Politik der Universität Bremen

Vor dem Hintergrund der öffentlichen Diskussion um gesellschaftlichen Zusammenhalt, die vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier mit der Forderung nach einem verpflichtenden sozialen Jahr für alle (jungen) Menschen und mit der Wiedereinsetzung der Wehrpflicht im Sommer 2025 nochmals untermauert wurde, wird die Bedeutung freiwilligen Engagements und gesellschaftlicher Beteiligungsprozesse in den Kontext von politischer Bildung sowie Demokratieförderung gestellt und  am Übergang Schule-Beruf verortet. Studien zeigen jedoch, dass speziell die heterogene Zielgruppe im Übergangssektor im Hinblick auf demokratiefördernde Gestaltungsspielräume als abgehängt bezeichnet werden kann (vgl. Schneekloth/Albert 2024; Autor*innengruppe Bildungsberichterstattung 2022; Achour/Wagner 2020).

Im Rahmen der im Vortrag vorgestellten Studie (vgl. Anslinger/Klee 2023) wurde anhand von Expert*inneninterviews herausgearbeitet, dass Konzeptionen zur Demokratieförderung im Übergangssektor bislang curricular nicht ausreichend hinterlegt sind, meist fragmentarisch erscheinen und zu wenig auf die Situation junger Menschen im Übergangssektor ausgerichtet sind. Zugleich ist eine defizitorientierte Rahmung zielgruppenspezifischer Angebote kritisch zu reflektieren, da sie zur Reproduktion sozialer Stereotype beitragen kann (Jugel/Hölzel/Besand 2020). Die Zielgruppe im Übergangssektor verfügt meist über keinen oder einen gering qualifizierenden Schulabschluss und konnte an der ersten Schwelle nicht in das reguläre Berufsbildungssystem einmünden. Des Weiteren bestehen bei der Gruppe weitere Risikofaktoren, wie beispielsweise eine soziale oder individuelle Beeinträchtigung, diverse Flucht- und Migrationsgeschichten oder fehlende Berufswahlkompetenzen. Politische Bildungsarbeit im Übergangssektor erfordert daher ressourcen- und lebensweltorientierte Ansätze, die die subjektiven Erfahrungsräume der Lernenden ernst nehmen und an den Alltags-, Berufs- und Zukunftsperspektiven anknüpfen. Die Auseinandersetzung mit Arbeitswelt, Mitbestimmung, sozialer Sicherung, ökonomischen Strukturen und Fragen der Gerechtigkeit eröffnen Lerngelegenheiten, bei denen demokratische Kompetenzen, Urteilsfähigkeit und Teilhabebewusstsein in berufliche Orientierung eingebettet werden kann. Sie soll dazu beitragen, (politische) Resilienz bei der Zielgruppe zu stärken und die Einbindung in berufsförmige Arbeitsstrukturen zu unterstützen.

Kurzbiografie der Referierenden:
Dr. Eva Anslinger ist stellvertretende Direktorin am Zentrum für Arbeit und Politik der Universität Bremen. Forschungsschwerpunkte sind Theorie und Praxis der beruflichen Aus- und Weiterbildung, Intersektionalität und Diversity, Berufsorientierung, politische Bildung und Demokratieförderung.

Session II, Slot 3, Symposium: Berufliche Orientierung von Schüler*innen mit sonderpädagogischer Unterstützung – theoretische und empirische Einblicke

Dr. Lena Bömelburg, Lehrerin für Sonderpädagogik; Tätigkeit an einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt, geistige Entwicklung in Nordrhein-Westfalen
Dr. Jan Jochmaring. C. v. O. Universität Oldenburg, Fakultät I – Bildungs- und Sozialwissenschaften; Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik, Pädagogik und Didaktik bei Beeinträchtigungen der geistigen Entwicklung unter besonderer, Berücksichtigung inklusiver Bildungsprozesse
Dirk Sponholz, Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau, Institut für Sonderpädagogik
Prof. Dr. Teresa Sansour, C. v. O. Universität Oldenburg, Fakultät I – Bildungs- und Sozialwissenschaften; Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik, Pädagogik und Didaktik bei Beeinträchtigungen der geistigen Entwicklung unter besonderer, Berücksichtigung inklusiver Bildungsprozesse
Prof. Dr. Philine Zölls-Kaser, Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Inklusion, Evangelische Hochschule Ludwigsburg

Die Berufsorientierung und Übergänge in die Arbeitswelt von Schülerinnen mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf erfahren in jüngerer Zeit verstärkte wissenschaftliche Aufmerksamkeit (Thielen et al 2025; Zölls-Kaser 2023; Jochmaring 2022; Blanck 2020). Das Panel setzt sich zum Ziel, die in sich heterogene Schülerinnenschaft vor dem Hintergrund aktueller beruflicher Entwicklungs- und Transformationsprozesse in den Blick zu nehmen. Drei Beiträge behandeln qualitative Forschungszugänge und theoretische Diskurse des Status quo der Wissenschaftsdiskussion.

Beitrag 1: Inklusive Berufsorientierung im Kontext von Transformation (Jochmaring/Sponholz/Bömelburg)
Schulabgängerinnen sind durch den Wandel der nachschulischen Lebens- und Arbeitswelt mit großen Herausforderungen bei der Bewältigung des Übergangs konfrontiert. Insbesondere in der Arbeit mit behinderten und benachteiligten Jugendlichen wird die Frage nach einer Berufsorientierung, die individuelle Voraussetzungen und gesellschaftliche Rahmenbedingungen berücksichtigt, bedeutsam (Jochmaring et al 2022). Der Vortrag behandelt, was inklusive Übergänge eigentlich sind und welche Anforderungen daran gestellt werden. Herausforderungen und Handlungsoptionen im Zuge transformativer Veränderungen werden vor der Leitfrage thematisiert, wie ein inklusiver Einstieg in die Arbeitswelt für alle Jugendlichen gelingen kann.

Beitrag 2: Transitionsprozesse von Schülerinnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf geistige Entwicklung (Zölls-Kaser/Jochmaring)
Strukturell benachteiligte Übergangsmöglichkeiten in die Arbeitswelt zeigen sich für Schülerinnen im Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“ (GE) – die insbesondere durch unzureichende berufliche Explorationsmöglichkeiten abseits der Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) gekennzeichnet sind. Die Vortragenden geben empirisch-qualitative Einblicke aus Fallstudien und Interviewmaterial, die zum einen die Subjektperspektive der Schülerinnen und ihrer Berufswünsche fokussieren und zum anderen die Rolle der beteiligten Akteurinnen im Transitionsprozess – wie Reha-Beratern, Lehrkräften, Erziehungsberechtigten – beleuchten (Zölls-Kaser/Jochmaring i.E.).

Beitrag 3: Fachpraktikerausbildungen als Chance für GE Schülerinnen? (Sansour/Jochmaring)
Der Vortrag widmet sich den beruflichen Anschlussoptionen jenseits der WfbM für Schülerinnen aus dem Schwerpunkt GE. Dabei wird die Fachpraktikerausbildung (theoriereduziert nach §66 BBiG/§42r HwO), die häufig außerbetrieblich in Berufsbildungswerken (BBW) stattfindet, sowie damit einhergehende Beschäftigungspotentiale des Personenkreises fokussiert. Forschungsperspektiven zum Themenkomplex werden vorgestellt und mit den Panel-Teilnehmerinnen diskutiert, auch hinsichtlich möglicher Öffnungsschritte der BBW für den Personenkreis.

Kurzbiografie der Referierenden:
Dr. Jan Jochmaring arbeitet am Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik (Fachgruppe GE inklusiv) der Uni Oldenburg. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind u.a. Transitions- und Ungleichheitsforschung bei Behinderung sowie Teilhabe am Arbeitsleben und berufliche Rehabilitation.
Dirk Sponholz arbeitet an der RPTU-Landau am Institut für Sonderpädagogik. Seine Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind der Übergang Schule-Beruf aus der Perspektive sozialer Benachteiligung oder schwerer Behinderung sowie Transitionsprozesse aus habitustheoretischer Perspektive.
Prof. Dr. Teresa Sansour ist Professorin für Pädagogik und Didaktik bei Beeinträchtigungen der geistigen Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung inklusiver Bildungsprozesse am Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik der Uni Oldenburg. Sie forscht zu Teilhabe und Bildung von Menschen mit sog. geistiger Behinderung.
Prof. Dr. Philine Zölls-Kaser ist Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Inklusion an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg sowie Enthinderungsbeauftragte der Hochschule. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind Übergänge von Förderschüler*innen und Möglichkeiten der beruflichen Teilhabe.

Session II, Slot 4, Workshop: „Green Guidance“ – Ansatzmöglichkeiten für BBB-Beratung in der sozial-ökologischen Transformation

Ann-Marie Olthoff, Bundesagentur für Arbeit/Agentur für Arbeit Osnabrück

Die sozial-ökologische Transformation geht mit tiefgreifenden Veränderungen für die Gesellschaft , Wirtschaft und den Arbeitsmarkt einher (Anger et al., 2025; Brixy et al., 2023; Schulz & Trappmann, 2023). Als Bestandteil des gesellschaftlichen Kontextes arbeitsmarktbezogener Beratung (Schiersmann, 2013) betrifft sie Beratungskontexte vor dem Erwerbsleben ebenso wie die Beratung von Personen im Erwerbsleben. Für Berater*innen für Bildung, Beruf und Beschäftigung stellt sich insofern die Frage nach dem Umgang mit Nachhaltigkeits- und Transformationsthemen in der eigenen beraterischen Tätigkeit. Vor diesem Hintergrund stellt „Green Guidance“ einen Beratungsansatz dar, der den gesellschaftlichen Kontext arbeitsmarktbezogener Beratung und das Thema der ökologischen Nachhaltigkeit explizit einbezieht und darauf abzielt, berufliche Entscheidungen und Tätigkeiten in ihren Implikationen über die ratsuchende Person hinaus zu denken (Bakke et al., 2024; Lucas Casanova et al., 2025; Plant, 2014, 2020). Der Praxisworkshop vermittelt einen Überblick über den Hintergrund und Kernelemente von „Green Guidance“ und bietet methodische Impulse, wie der Ansatz für verschiedene Zielgruppen und den eigenen Beratungskontext praktisch nutzbar gemacht werden kann. Teilnehmer*innen erhalten Einblick in eine „Green Guidance“-Toolbox mit Werkzeugen für die Arbeit in Individual- und Gruppensettings (Green Guidance, o. J.), setzen sich mit einzelnen Tools vertieft auseinander und haben die Möglichkeit, ihr beraterisches Selbstverständnis vor dem Hintergrund sozial-ökologischer Transformationsprozesse zu reflektieren.

Kurzbiografie der Referierenden:
Ann-Marie Olthoff, M.A., ist Berufsberaterin und hat Beratungs- und Erziehungswissenschaften in Mannheim, Osnabrück und Brighton studiert. Ihre Forschungsinteressen betreffen BBB-Beratung im Kontext sozialer und ökologischer Transformationsprozesse sowie die Kritische Beratungsforschung

Session II, Slot 5, Workshop: Digital und persönlich? Beziehungsarbeit in individualisierten Prozessen Beruflicher Orientierung

Frank Neises, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
Sonja Sas, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
Prof. Ulrich Weiß, Kolping Hochschule
Yvonne Hausmann, Kolping Bildungswerk Essen

Berufliche Orientierung ist ein herausfordernder Teil der Lebensphase Jugend und ist eingebunden in existenzielle Fragen der Persönlichkeitsentwicklung. Pädagog*innen stehen vor der schwierigen Aufgabe, Jugendliche gleichzeitig individuell zu begleiten und gesellschaftliche Normalitätserwartungen zu berücksichtigen. Im Workshop werden diese Spannung ins Zentrum einer wissenschaftlichen und handlungspraktischen Diskussion gestellt und der Frage nachgegangen, wie digitale Angebote Reflexionsprozesse und die Beziehungsarbeit flankieren können. Das Portal zynd.de wird als Tool vorgestellt, Berufsorientierung als gemeinschaftlichen Arbeitsprozess zu etablieren; interaktive Erprobungen und Reflexionen regen die Diskussion um digitale Tools in der pädagogischen Arbeit sowie die Rolle von Beratenden an.

Kurzbiografie der Referierenden:
Frank Neises arbeitet beim Bundesinstitut für Berufsbildung in der Abteilung Initiativen für die Berufsbildung im Arbeitsbereich Übergangsgestaltung und Berufseinstieg.

Sonja Sas arbeitet beim Bundesinstitut für Berufsbildung.
Prof. Ulrich Weiß arbeitet bei Kolping Hochschule Gesundheit und Soziales als Leiter des Studiengangs „Soziale Arbeit“.
Yvonne Hausmann arbeitet als Bereichsleitung Jugendhilfe & Jugendberufshilfe bei Kolping-Bildungswerk DV Essen GmbH.

16:00-16:30 Uhr           Pause und Austausch im Foyer

16:30-18:00 Uhr          Veranstaltungssession III

5 zeitlich parallele Slots:
Slot 1: 3 Vorträge (a-c), dauern jeweils ca. 30 Minuten und laufen hintereinander ab
Slot 2: 3 Vorträge (a-c), dauern jeweils ca. 30 Minuten und laufen hintereinander ab
Slot 3: Symposium
Slot 4: Workshop
Slot 5: Workshop
Genauer Plan siehe Tagungsprogramm als PDF-Dokument

Session III, Slot 1, Vortrag a: Elterliche Unterstützung in der Berufsorientierung Jugendlicher: qualitative Perspektiven auf MINT-Bildungswege

Thorsten Wenner, Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau

Transformationsprozesse wie Digitalisierung, Fachkräftemangel und veränderte Bildungsanforderungen verstärken die Unsicherheit beruflicher Entscheidungen. Berufliche Orientierung erfolgt im familialen Kontext. Eltern spielen im Übergang von Schule in Ausbildung eine zentrale Rolle, da Bildungsentscheidungen eng mit familialen Ressourcen und Unterstützungspraktiken verknüpft sind (Neuenschwander 2008; Gutfleisch & Kogan 2022). Elterliche Begleitung kann stabilisieren oder Entscheidungsdruck erzeugen (Knauf, Maschetzke & Rosowski 2009).

Während quantitative Studien differenzierte elterliche Bewertungsmuster beruflicher Optionen nachzeichnen (Driesel-Lange et al. 2024, S. 9–11), ist bislang wenig qualitativ untersucht, wie diese im familialen Alltag gedeutet und in Unterstützungshandeln übersetzt werden. Qualitative Analysen elterlicher Perspektiven bleiben im deutschsprachigen Raum selten (Boockmann 2017, S. 7–9; Ohlemann 2021, S. 41–44).

Auf Basis problemzentrierter Interviews mit Eltern von Jugendlichen der Sekundarstufe I werden wiederkehrende Deutungs- und Bewertungsmuster rekonstruiert, die das Unterstützungsverhalten strukturieren. Die Auswertung erfolgt mittels inhaltlich strukturierender qualitativer Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker 2022).

Theoretisch wird elterliches Handeln im Rahmen des sozialökologischen Modells (Bronfenbrenner 1981) kontextualisiert und durch eine sozialkognitive Perspektive auf Selbstwirksamkeit (Bandura 1997; Lent et al. 1994) ergänzt. Der Beitrag zeigt, wie Eltern in einem Spannungsfeld aus gesellschaftlicher Verunsicherung, biografischen Erwartungen und schulischen Kontexten berufliche Optionen rahmen. Die Rekonstruktion differenzierbarer Orientierungsweisen verdeutlicht, welche impliziten Deutungsmuster in Beratungs- und Orientierungsprozessen wirksam werden und wie diese professionell aufgegriffen werden können, um Selbstwirksamkeit und Handlungssicherheit in Übergangssituationen zu stärken.

Kurzbiografie der Referierenden:
Thorsten Wenner ist externer Doktorand im Fachgebiet Pädagogik an der RPTU Kaiserslautern-Landau. Seine Forschung rekonstruiert elterliche Handlungslogiken im Berufsorientierungsprozess mit besonderem Blick auf MINT-bezogene Bildungswege und deren kontextuelle Einbettung.

Session III, Slot 1, Vortrag b: Zwischen Faszination und Vorbehalt: Schüler*innenvorstellungen zu MINT-Berufen und ihre Konsequenzen für Maßnahmen der Beruflichen Orientierung

Tobias Geike, Institut für Ökonomische Bildung Oldenburg
Josephine Steier-Fahldieck, Institut für Ökonomische Bildung Oldenburg
Dr. Tina Fletemeyer, Institut für Ökonomische Bildung Oldenburg

Die tiefgreifende Transformation der Arbeitswelt stellt Unternehmen vor die Herausforderung, sich an Dynamiken der Globalisierung oder der Demografie anzupassen (vgl. Demary et al. 2024). Hinzu kommt ein politischer und gesellschaftlicher Wertewandel, der die Arbeitswelt um Aspekte wie Klima- und Datenschutz ergänzt (vgl. Freiling et al. 2025). Gleichzeitig eröffnen diese Veränderungen neue Chancen für wirtschaftlichen Fortschritt und Innovation. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem MINT-Sektor zu, der maßgeblich zur Innovationskraft und zur infrastrukturellen Leistungsfähigkeit moderner Volkswirtschaften beiträgt (vgl. Anger et al. 2025). Vor diesem Hintergrund ist der MINT-Bereich nicht nur Treiber der Transformation, sondern auch besonders stark von ihr geprägt: Durch teils demografisch bedingte Ersatzbedarfe entstehen für junge Fachkräfte zusätzliche Arbeitsmarktchancen, die durch attraktive Arbeitsbedingungen und Einkommensperspektiven flankiert werden (vgl. ebd.). Trotz der vorteilhaften Aussichten sinken jedoch Erstsemesterzahlen und Ausbildungsverträge im MINT-Sektor (Statistisches Bundesamt 2025; 2026). Parallel dazu verzeichnen internationale Vergleichsstudien, wie PISA, rückläufige Kompetenzen in den MINT-Fächern (vgl. Lewalter et al. 2023). Die MINT-Fachkräftelücke wächst somit kontinuierlich. Historisch gesehen wurden in den letzten Jahren viele MINT-Maßnahmen zur Beruflichen Orientierung initiiert, die jedoch entsprechend dem Arbeitsmarkt nicht den gewünschten Effekt zeigen (vgl. Mohr 2022).

An diesem Desiderat setzt der vorliegende Beitrag an. Im Rahmen des Projektes „MINT-Matchmaking-Berufsorientierung optimieren“ (gefördert durch die NORDMETALL-Stiftung) werden Vorstellungen zu MINT-Berufen von Schüler*innen der Sekundarstufe I in Anlehnung an den „Draw-A-Scientist-Test“ (Chambers 1983) sowie durch Mindmaps und Fragebögen erhoben. Ziel der Studie ist es, Schüler*innenvorstellungen, mögliche stereotype Zuschreibungen sowie Attraktions- und Aversionsfaktoren in Bezug auf die Wahl von MINT-Berufen zu eruieren und damit Ansatzpunkte für eine evidenzbasierte Weiterentwicklung der Beruflichen Orientierung im MINT-Bereich zu identifizieren. Im Rahmen des Vortrags sollen erste Ergebnisse präsentiert und diskutiert werden.

Kurzbiografie der Referierenden:
Tobias Geike ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ökonomische Bildung (IÖB) in Oldenburg. Er schloss 2025 sein Studium in Anglistik und Politik-Wirtschaft für gymnasiales Lehramt ab. Sein Forschungsschwerpunkt liegt bei der Beruflicher Orientierung, insbesondere im MINT-Bereich.
Josephine Steier-Fahldieck ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ökonomische Bildung (IfÖB) an der Universität Oldenburg. Sie ist Soziologin mit dem Schwerpunkt in quantitativer Sozialforschung. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der empirischen Lehr-Lern-Forschung.

Dr. Tina Fletemeyer ist Leiterin des Bereichs Berufliche Orientierung am An-Institut für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Beruflichen Orientierung, in der Professionalisierung von Lehrpersonen sowie in der Methodik des Wirtschaftsunterrichts.

Session III, Slot 1, Vortrag c: Berufsorientierung überinstitutionell denken – Das Projekt „MINT-Brücken“ als Schnittstellenformat zwischen Ausbildung, Studium und Schule

Lukas Hobeck, M.Ed., Chemiedidaktik Universität Osnabrück
Marco Beeken, Chemiedidaktik Universität Osnabrück

Die Phase der Berufsorientierung stellt für viele Jugendliche einen zentralen, zugleich jedoch häufig unsicheren Übergang im Bildungssystem dar. Studien zeigen, dass ein erheblicher Anteil junger Menschen Schwierigkeiten hat, passende berufliche Perspektiven zu identifizieren und unterschiedliche Bildungswege realistisch einzuschätzen (vgl. Barlovic et al., 2024). Vor dem Hintergrund einer zunehmend ausdifferenzierten Bildungslandschaft und steigender Anforderungen des Arbeitsmarktes gewinnen daher praxisnahe, niedrigschwellige und authentische Formate der Berufsorientierung an Bedeutung.

Hier setzt das Projekt MINT-Kommunikationsbrücken an. Sein innovativer Ansatz besteht darin, Berufsorientierung konsequent über institutionelle Grenzen hinweg zu denken und Auszubildende und Studierende systematisch zusammenzubringen. Beide Gruppen entwickeln im Rahmen einer universitären Lehrveranstaltung gemeinsam handlungsorientierte Wissenschaftskommunikationsformate zu MINT- und handwerklichen Ausbildungsberufen. Während Studierende ihre wissenschaftliche Perspektive und didaktische Kompetenzen einbringen, steuern Auszubildende ihre unmittelbaren Erfahrungen aus der beruflichen Praxis bei. Dadurch entstehen Formate, die sowohl fachlich fundiert als auch authentisch und lebensnah sind.

Die gemeinsam entwickelten Angebote werden für Schülerinnen und Schüler ab der Jahrgangsstufe 8 aufbereitet und im Rahmen eines MINT-Handwerkertages erprobt. Dort können die Jugendlichen die entwickelten Formate selbst ausprobieren und zugleich in einen direkten Austausch mit Auszubildenden und Studierenden treten. Durch diese Peer-Perspektive werden Bildungswege, Studien- und Ausbildungsentscheidungen sowie berufliche Entwicklungsmöglichkeiten nachvollziehbar und greifbar.

Der Vortrag stellt das Projektkonzept sowie die Kooperation der beteiligten Akteursgruppen aus Schule, Hochschule und Ausbildung vor und präsentiert Ergebnisse der begleitenden Evaluation. Berichtet werden qualitative Befunde aus leitfadengestützten Interviews mit Ausbildungsleitungen und Studierenden sowie quantitative Ergebnisse einer Fragebogenstudie mit teilnehmenden Schülerinnen und Schülern. Die Ergebnisse geben Einblick in die wahrgenommenen Wirkungen dieses überinstitutionellen Peer-Ansatzes auf Berufsorientierung, Interessenentwicklung und Zugänge zu MINT-Berufen.

Kurzbiografie der Referierenden:
Lukas Hobeck (*1998) studierte Chemie und Geographie für das Gymnasiallehramt in Osnabrück und schloss 2024 mit dem Master of Education ab. Seit Juni 2024 promoviert er in der Chemiedidaktik und Wissenschaftskommunikation zu innovativen Berufsorientierungsprojekten mit regionalen Akteuren.
Marco Beeken (*1981) studierte Chemie und Biologie für das Gymnasiallehramt in Oldenburg. Promotion 2010 an der Universität Oldenburg. Nach dem Referendariat war er Studienrat in Rhauderfehn und Cloppenburg. Seit 2015 ist er Professor für Didaktik der Chemie und Wissenschaftskommunikation an der Universität Osnabrück.

Session III, Slot 2, Vortrag a: Einfluss von Leitungskräften auf das Beratungshandeln schulischer Berufsberatender in NRW

Christian Sommer, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit

Vor dem Hintergrund tiefgreifender Transformationsprozesse der Arbeitswelt und der zunehmenden Bedeutung lebenslanger beruflicher Orientierung stellt sich die Frage, unter welchen organisationalen Bedingungen und persönlichen Dispositionen schulische Berufsberatende junge Menschen in ihrer beruflichen Entwicklung wirksam unterstützen können. Anknüpfend an Clements Verständnis beruflicher Sozialisation als lebenslange, orientierende und lernende Identitätsbildung sowie an das systemische Kontextmodell von Beratung nach Schiersmann und Thiel wird Berufsorientierung als biografisch eingebetteter und durch organisationale, institutionelle wie gesellschaftlich Bedingungen geprägter Prozess der Ko-Konstruktion verstanden. Ein bislang wenig beleuchteter Einflussfaktor dieses Prozesses ist die Führungs- und Organisationsumwelt schulischer Berufsberatender. Es wird untersucht, inwiefern und wodurch (erweiterte) Schulleitungen sowie Teamleitungen der Bundesagentur für Arbeit und der kommunalen Koordinierung schulische Berufsberatende befähigen, begrenzen, motivieren und führen. Grundlage sind 28 Interviews mit Expert:innen aus Schule, Berufsberatung und kommunalem Übergangsmanagement. Die Auswertung erfolgt mittels induktiv-deduktiver Inhaltsanalyse nach Mayring. Erste Ergebnisse verweisen auf die zentrale Bedeutung von Führungsverständnis, Rollenklärung, Kooperationsstrukturen und organisationaler Rückendeckung für die Qualität beruflicher Orientierung. Zugleich erschweren persönliche Dissonanzen, institutionelle Fragmentierungen und divergierende Ziellogiken eine kontinuierliche sowie biografisch anschlussfähige Begleitung beruflicher Entwicklungs- und Neuorientierungsprozesse.

Kurzbiografie der Referierenden:
Christian Sommer: Ausbildung zum und Arbeit als Bankkaufmann (Sparkasse Soest), Studium B.Ed. & M.Ed. Lehramt BK (WiWi & Deutsch), SHK/WHB (WiPäd, DaZ, VWL, Linguistik) sowie WiMi und Doktorand (BP) an der Universität Paderborn, Wissenschaftliche Lehrkraft für besondere Aufgaben (BWP) an der HdBA.

Session III, Slot 2, Vortrag b: Karriereberatung an Hochschulen:  Arbeitsmarktintegration mit dem „Digital Career Guide“ für internationale Studierende

Jessica Kalus, Ruhr-Universität Bochum, Student Lifecycle Services – Career Service, „mycareer@RUB“ – Digital Career Guide für internationale Studierende

Rund zwei Drittel der internationalen Studierenden möchte nach dem Studium im deutschen Arbeitsmarkt verbleiben. Bereits jetzt konnte eine Bleibequote von rund 45 Prozent nach zehn Jahren (Jahrgang 2010) nachgewiesen werden – eine große Chance für Deutschlands Wirtschaftswachstum in Zeiten der gesellschaftlichen Transformation (s. IWKurzbericht Nr. 27). Ganz aktuell stellt der Arbeitsmarkt Studierende und Absolvent*innen vor Herausforderungen, insbesondere diese mit internationaler Herkunft. Wie können also Beratende die berufliche Orientierung (durch Digitalisierung) sicherstellen?

Getreu dem Tagungsmotto „Chancen und Gestaltungsoptionen für die Berufliche Orientierung“ bedarf es einer stärkeren Ausrichtung auf langlebige und flexible Beratungsangebote, die diese Zielgruppe an die Hand nimmt und individuell fördert. Neben den alltäglichen Herausforderungen von Studierenden, gilt es für internationale Studierende zugleich kulturelle, sprachliche und strukturelle Barrieren in Deutschland zu überwinden. Mit einem Grundangebot an Hochschulen können Wirtschaft, Politik und Kommunen weitere Maßnahmen treffen und einen Beratungskreislauf für die Zielgruppe schaffen.

Vor diesem Hintergrund beleuchtet der Beitrag, wie digitale Angebote bei der Karriereförderung funktionieren, welche Chancen sie für Beratende bieten aber auch welche Grenzen die Digitalisierung mit sich bringt. Am Beispiel des Digital Career Guide des Career Service der RuhrUniversität Bochum wird gezeigt, wie E-Learning Elementen und Open Educational Resources (OER) den Berufseinstieg in Deutschland erleichtern können. Der hier vorgestellte Moodle-Kurs bietet Module zu Bewerbungskompetenz, Netzwerkstrategien, Sprach- und Kulturwissen sowie zur Bedeutung Future Skills. Der Beitrag liefert damit einen Einblick in die Möglichkeiten für digitale und flexible Beratungsangebote im Kontext eines dynamischen Arbeitsmarktes und einer sich ebenfalls verändernden Demografie.

Kurzbiografie der Referierenden:
Jessica Kalus (M. A. European Studies) leitet das vom MKW geförderte Projekt „mycareer@RUB“ an der Ruhr-Universität in Bochum. Mit der Position im Career Service unterstützt sie internationale Studierende durch digitale Elemente und bedarfsgerechte Beratungsangebote.

Session III, Slot 2, Vortrag c: Geschlechtsuntypische Ausbildungs- und Studienwahl im Kontext langfristiger Beratung

Dennis Krell, Westfälische Hochschule – NRW-Zentrum für Talentförderung

Die berufliche Orientierung (Ausbildungs- und Studienfachwahl) junger Erwachsener unterliegt in Deutschland nach wie vor einer vergeschlechtlichten Logik (Faulstich-Wieland & Scholand, 2017), die zugleich durch die soziale Herkunft strukturiert wird (Helbig et al., 2026). Geschlecht und soziales Milieu wirken dabei intersektional als strukturgebende Dimensionen beruflicher Entscheidungen (Loge, 2021). Eine berufliche Orientierung, die junge Erwachsene darin unterstützt, ihre Ausbildungs- und Studienwahl unabhängig von Geschlecht und sozialer Herkunft zu treffen, kann so auch zur Transformation der Arbeitswelt beitragen. Das seit 2021 landesweit verstetigte NRW-Talentscouting ist ein Begleitprogramm, in dem Schüler*innen der Oberstufe, insbesondere aus nichtakademischen Familien, individuell, ergebnisoffen und langfristig beraten werden (Bienek & Kottmann, 2025). Eine Evaluation zeigt, dass das Programm herkunftsbedingte Ungleichheiten im Hochschulzugang reduziert (Pietrzyk et al., 2025) und zugleich einen signifikanten geschlechts-desegregierenden Effekt auf die Studienfachwahl aufweist (Erdmann et al., 2023). Welche Aspekte wirksam sind, bleibt offen (ebd.). Das Promotionsvorhaben greift dieses Desiderat auf und untersucht mittels dokumentarischer Methode (Bohnsack et al., 2013; Nohl, 2017), wie Teilnehmende des NRW-Talentscoutings, die sich geschlechtsuntypisch entschieden haben, ihre akademische oder berufliche Ausbildungsentscheidung verhandeln. Der Vortrag stellt erste Ergebnisse vor und rekonstruiert anhand ausgewählter Fälle die handlungsleitenden Orientierungen, die der Ausbildungs- und Studienwahl der Teilnehmenden zugrunde liegen. Zudem wird die Bedeutung herausgearbeitet, die dem Talentscouting in diesen Aushandlungsprozessen zukommt und wie die Teilnehmenden ihre Entscheidung mit Blick auf die eigene berufliche Entwicklung verhandeln. Die Befunde werden an der Schnittstelle von Geschlecht, sozialer Herkunft und beruflicher Orientierung diskutiert.

Kurzbiografie der Referierenden:
Dennis Krell (M.A. Bildungswissenschaften) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des NRWZentrums für Talentförderung der Westfälischen Hochschule. Er forscht zur akademischen und beruflichen Ausbildungswahl von Jugendlichen unter der Berücksichtigung der Dimensionen Geschlecht und soziale Herkunft.

Session III, Slot 3, Symposium: Elterliche Unterstützung gestalten – Perspektiven auf Wahrnehmung, Kompetenz und schulische Praxis

Antonia Landgraf,, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Jerusha Klein, Universität Münster

Die zunehmende Dynamik gesellschaftlicher und technologischer Transformationsprozesse verändert die Anforderungen an Berufsorientierung (BO) in Schule und Familie grundlegend. Jugendliche sehen sich mit einer wachsenden Vielfalt an Bildungswegen, Ausbildungsformaten und Berufsbildern konfrontiert, deren Passung und Stabilität unsicherer geworden sind. Orientierung im Übergang Schule–Beruf wird dadurch zu einer anspruchsvolleren Entwicklungsaufgabe, die nicht allein institutionell, sondern auch im familiären Kontext bewältigt werden muss. Eltern übernehmen dabei eine zentrale Rolle als unterstützende Akteure und werden zunehmend als bedeutsame Partner schulischer Berufsorientierung anerkannt. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie Schulen Eltern so einbinden können, dass Orientierung und Selbstständigkeit junger Menschen gleichermaßen gestärkt werden.

Das Symposium beleuchtet elterliche Unterstützung im Berufswahlprozess in drei Schritten: von den Wünschen Jugendlicher über die Entwicklung eines Erhebungsinstruments zur Erfassung wahrgenommener Unterstützung, bis zur Umsetzung einer schulischen Intervention.

Zunächst wird untersucht, welche Wünsche Jugendliche an ihre Eltern im BO-Prozess richten. Mithilfe einer quantitativen Befragung werden Formen elterlicher Unterstützung sichtbar gemacht und Unterschiede zwischen Schulformen, Geschlechtern und individuellen Unterstützungsbedarfen herausgearbeitet. Der Beitrag identifiziert Ansatzpunkte für gezielte Fördermaßnahmen.

Anschließend wird die Entwicklung und Validierung eines Instruments zur Erfassung elterlicher Berufswahlbegleitungskompetenz (BWBK) aus Jugendperspektive vorgestellt. Auf Basis eines bestehenden Elternfragebogens wird ein Modell geprüft, das emotionale, sachorientierte und instrumentelle Unterstützung sowie die Fähigkeit zur Dezentrierung abbildet.

Im letzten Beitrag steht die schulische Praxis im Zentrum. Vorgestellt wird eine Intervention, die Eltern über Gesprächsformate und umfassende Materialien systematisch in den BO-Prozess einbindet. Das Konzept soll auch Eltern ansprechen, die über klassische schulische Formate schwer erreichbar sind. Die geplante Evaluation beleuchtet Akzeptanz, Durchführbarkeit und mögliche Wirkmechanismen der Intervention.

Gemeinsam zeichnen die Beiträge ein mehrdimensionales Bild elterlicher Unterstützung im Berufswahlprozess. Sie zeigen, wie Bedürfnisse Jugendlicher erhoben, Kompetenzen elterlicher Begleitung erfasst und daraus schulische Handlungsansätze abgeleitet werden können. Damit liefert das Symposium theoretische, methodische und praxisnahe Impulse zur Gestaltung gelingender Berufsorientierung im Zusammenspiel von Familie und Schule.

Session III, Slot 4, Workshop: Förderung benachteiligter Jugendlicher: Selbstwertsteigerung durch Einsatz digitaler Formate in der Berufsorientierung

Dipl.-Päd. Carolin Striewisch, MSH-Research, Development & Innovation gGmbH
Prof. Dr. Thorsten Bührmann, MSH Medical School Hamburg, Fakultät Art, Health and Social Science
Johannes Wellmann, Erich-Kästner-Schule Bochum
Bastian Arnholdt, Erich-Kästner-Schule Bochum

Wie können digitale Formate der Beruflichen Orientierung Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen wirkungsvoll in ihrer Reflexionsfähigkeit unterstützen? Im Projekt „Entwicklungswerkstatt Digitale BO“ im bundesweiten Netzwerk Berufswahl-SIEGEL haben 10 Schulen 2 Jahre unter wissenschaftlicher Begleitung sowie Prozessmoderation hierfür passgenaue Konzepte entwickelt, in der Praxis erprobt, evaluiert und schulstrukturell verankert.

Basis bildet ein transitionstheoretisches Prozessmodell der Beruflichen Orientierung und ein darauf aufbauendes mehrdimensionales Raster zur Einschätzung von Wirkungen bezogen auf die Berufswahlkompetenz-Zieldimensionen Motivation und Reflexion. Grundlage hierfür sind modifizierte Messinstrumente der ISPA-Studie (Sommer/Rennert 2020; vgl. Bührmann u.a. 2026). Dieses wird zum Einstieg des Workshops vorgestellt und zur Systematisierung des Erfahrungshintergrunds der Teilnehmenden genutzt.

Anschließend wird ein Praxisbeispiel einer Gesamtschule vorgestellt: Ein digitales Praktikumsbegleitportfolio mit TaskCard für Schüler:innen mit gefährdeter Abschlussprognose und den Förderbedarfen Lernen und Sprache im Langzeitpraktikum. Neben praktischen Einblicken erfolgt eine konzeptionelle Einordnung in den wissenschaftlichen Diskussionsstand (z.B. Driesel-Lange u.a. 2024; Knickrehm u.a. 2023) sowie eine kritische Reflexion anhand der vorliegenden Evaluationsergebnisse. Das Praxisbeispiel zeigt, dass ein einfaches Tool eingebettet in ein zielgerichtetes pädagogisches Konzept wirkungsvoll Reflexionsfähigkeit und Motivation bei Schüler:innen fördern kann, es zeigt aber auch die Relevanz einer engagierten pädagogischen Begleitung.

Vor diesem Hintergrund werden gemeinsam mit den Teilnehmenden Chancen und Gestaltungsoptionen für die digital gestützte Berufliche Orientierung herausgearbeitet, die insbesondere beruflichen Entwicklungen von benachteiligten Jugendlichen in Zeiten gesellschaftlicher Transformationen gerecht werden.

Kurzbiografie der Referierenden:
Carolin Striewisch, wissenschaftliche Mitarbeiterin MSH Medical School Hamburg (seit 2021). Davor Tätigkeit in der psychosozialen Studienberatung FH Bielefeld (4 Jahre). Ausgebildete Prozessmoderatorin, Begleitung schulischer Veränderungsprozesse im Kontext Berufliche Orientierung.
Thorsten Bührmann, Professur für Sozialwissenschaften und Forschungsmethodik an der MSH (seit 2016). Davor 18 Jahre am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn u.a. als Akademischer Rat. 2020 Gründung und wissenschaftliche Leitung der Berufswahl-SIEGEL Akademie.

Session III, Slot 5, Workshop: wird noch belegt

18:00-18:30 Uhr           Verleihung des Josephine-Levy-Rathenau-Preises

Laudatio der Jury und Vortrag des Preisträgers/der Preisträgerin zu seiner/ihrer Abschlussarbeit

18:30-19:30 Uhr      Jubiläumsfeier: 70 Jahre dvb

19:30-22:00 Uhr Abendprogramm im Foyer in A14 (Hörsaalgebäude) mit Buffet und musikalischer Begleitung

Dienstag, 15.09.2026

09:00 Uhr           Anmeldung zur Tagung

09:30-10:30 Uhr Keynote 2

Keynote 2: Laufbahnberatung als Navigieren im Ungewissen: Vom Plan zur Geschichte

Prof. Dr. Marc Schreiber (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW, Professur für Persönlichkeits- und Laufbahnpsychologie)

In einer Welt, in der die äußere Sicherheit durch einen planbaren Arbeitsmarkt schwindet, stehen wir vor einer großen Herausforderung. Doch wir sollten das fehlende Vertrauen in eine sichere Zukunft nicht nur als Bürde, sondern auch als Chance betrachten: Die Chance, uns von festgefahrenen Pfaden zu lösen und neue Freiheiten wiederzuerlangen.

Dies gilt gleichermaßen für die Laufbahnberatung wie für Personalabteilungen: Klassische Ansätze wie SMART-Ziele, Arbeitsmarktprognosen oder Personalentwicklungspläne stoßen an ihre Grenzen, da sie eine Planbarkeit voraussetzen, die nicht mehr existiert. Hinzu kommt, dass Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT zunehmend Fachwissen oder gar den ganzen Beratungsprozess ersetzen. Daraus ergibt sich die existenzielle Frage: Wie können wir in der Laufbahnberatung dazu beitragen, Sicherheit „von innen“ zu generieren?

In diesem Beitrag plädiere ich für einen notwendigen Paradigmenwechsel: Weg von der reinen Komplexitätsreduktion, hin zur Laufbahnberatung als Narration. Beratung als Ko-Konstruktion in einem sozialen Raum, in dem Klient*innen das nächste Kapitel ihrer eigenen Geschichte schreiben. Sicherheit wird dabei nicht vorhergesagt, sondern gemeinsam erschaffen.

Kurzbiografie des Referierenden:
Marc Schreiber ist Professor für Persönlichkeits- und Laufbahnpsychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Als Berater und Forscher fokussiert er auf narrative Ansätze in der Laufbahnberatung sowie auf die Chancen und Herausforderungen durch Künstliche Intelligenz in Beratungsprozessen.

10:30-12:00 Uhr          Veranstaltungssession IV

5 zeitlich parallele Slots:
Slot 1: 3 Vorträge (a-c), dauern jeweils ca. 30 Minuten und laufen hintereinander ab
Slot 2: 3 Vorträge (a-c), dauern jeweils ca. 30 Minuten und laufen hintereinander ab
Slot 3: Symposium
Slot 4: Workshop
Slot 5: Workshop
Genauer Plan siehe Tagungsprogramm als PDF-Dokument

Session IV, Slot 1, Vortrag a: Determinanten emotionaler Belastung von Jugendlichen: Stresserleben in der Berufsorientierung

Dr. Carina Hübner, Universität Siegen
Dr. Annika Krause, Universität Oldenburg

Jugendliche sind zunehmend psychisch belastet (Kaman et al., 2023). Psychische Belastungen können sich u. a. negativ auf den Lernerfolg und die Bewältigung von Entwicklungsaufgaben im Jugendalter auswirken (WHO, 2024). Besonders die Bewältigung der Entwicklungsaufgabe der Berufsorientierung ist aus Sicht Jugendlicher mit dem Status eines sonderpädagogischen Förderbedarfs (SPF) zentral, um gesellschaftliche Teilhabe zu erlangen und künftige Lebensperspektiven zu entwickeln (Hübner, 2023). Ein nicht Bewältigen von Entwicklungsaufgaben erhöht das Risiko von problematischen

Ausprägungen des Verhaltens, welches mit erheblichen Schwierigkeiten im Individuations- und Integrationsprozess einhergeht und ungünstige Konsequenzen für die weitere Persönlichkeitsentwicklung und die Gesundheit nach sich ziehen kann (Gander et al., 2025; Quenzel & Hurrelmann, 2022, S. 202; Quenzel, 2015; Weichold & Blumenthal, 2018). Über das Belastungserleben von Schüler*innen in der Inklusion und dessen Bedeutung für den Übergang Schule – Beruf ist wenig bekannt.

Der Vortrag fokussiert die Pilotierungsergebnisse der multimethodalen Querschnittstudie REAL TALK und deren vorläufige Ergebnisse zur quantitativen Verteilung des subjektiven Belastungserlebens, insbesondere im Hinblick auf stressbezogene Belastungsdimensionen, aus der Perspektive Jugendlicher mit und ohne SPF an allgemeinbildenden Schulen. Die Grundlage dafür bildet die Erhebung von Stress und Stressbewältigung mithilfe des SSKJ-3-8 R (Lohaus et al., 2018). Die Ergebnisse beziehen sich unter anderem auf die Determinanten emotionaler Belastung von Jugendlichen vor dem Schulabgang sowie auf die Bedeutung mentaler Gesundheit für die Bewältigung der Berufsorientierung in dieser Entwicklungsphase.

Abschließend werden Ansätze diskutiert, die zur Weiterentwicklung einer wirksamen pädagogischen Begleitung Jugendlicher mit einem SPF in allen Schulsystemen beitragen können.

Kurzbiografie der Referierenden:
Dr. Carina Hübner ist Studienrätin im Hochschuldienst und verwaltet aktuell die Professur Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Förderpädagogik („Emotionale und soziale Entwicklung“) an der Universität Siegen.
Dr. Annika Krause ist ausgebildete Förderschullehrerin und verwaltet aktuell die Professur „Pädagogik bei Verhaltensstörungen“ am Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik der Universität Oldenburg.

Session IV, Slot 1, Vortrag b: Gründe individueller Unsicherheit in Biografien von Studienaussteiger/-innen und Auswirkungen auf die Berufsorientierung

Vera Braun, Universität Hamburg

Studienaussteiger/-innen (SA), verstanden als Personen, die das Hochschulsystem ohne ersten Abschluss verlassen, vollziehen den Übergang von der Hochschule in den Beruf auf einem normativ-institutionell nicht vorgesehenen Weg. Dieser Übergang geht häufig mit ausgeprägter Orientierungslosigkeit einher: SA zeigen Unklarheit über eigene Interessen und Fähigkeiten, haben Schwierigkeiten, verfügbare Optionen zu überblicken (Heublein et al. 2018), und werden auch von Beratungsinstitutionen als wenig zielorientiert wahrgenommen (Heublein et al. 2017). Während Unsicherheiten in Übergangssituationen meist im Kontext struktureller und gesellschaftlicher Faktoren diskutiert werden, ist bislang ungeklärt, welche Rolle individuelle, innere Unsicherheiten (Bähr et al. 2026) bei der Neuorientierung von SA spielen – und welche Implikationen dies für die berufsorientierende Beratung von SA hat.

Die vorliegende Pilotstudie geht dieser Frage nach. In n=6 narrativen Interviews mit SA, die nach dem Studienausstieg eine duale Berufsausbildung absolvier(t)en, wurden biografieanalytische Auswertungen (Schütze 1983) vorgenommen.

Die Ergebnisse zeigen, dass individuelle Unsicherheit bei allen Befragten vorliegt. Sie ist bereits vor dem Studienausstieg vorhanden und äußert sich in Passivität und reaktivem Verhalten. Die Gründe liegen in (emotional) nicht verfügbaren Eltern(-teilen) sowie im erlebten Nicht-Genügen gegenüber der gesellschaftlichen Norm, einen Studienabschluss vorzuweisen. Unsicherheiten im Kontext gesellschaftlicher Transformation spielt demgegenüber kaum eine Rolle. Zugleich zeigt sich, dass die duale Berufsausbildung aufgrund ihrer spezifischen Strukturen und der Ermöglichung stärkender Erlebnisse eine sicherheitsstiftende Wirkung entfaltet. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass für innerlich unsichere SA vor allem soziale Eingebundenheit, vorgegebene Strukturen, die Übertragung von Verantwortung und wertschätzendes Feedback gewinnbringend sind. Das Thema der Kongruenz von Interessen und Stärken einerseits und Anforderungen von Berufen andererseits (Nauta 2010; Holland 1959) wird nicht als relevant dargestellt.

Kurzbiografie der Referierenden:
Vera Braun ist Juniorprofessorin für Wirtschaftspädagogik an der Universität Hamburg. Ihre Forschungsinteressen liegen in der international vergleichenden Berufsbildungsforschung mit den Schwerpunkten Biografien, Wertschätzung beruflicher Bildung und berufliche Lehrerbildung
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Session IV, Slot 1, Vortrag c: Studienabbruch als Transformationserfahrung: Transformatives Lernen in Prozessen beruflicher Neuorientierung

Marie-Therese Arnold, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung
Ronny Heinemann, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung
Kristin Henke, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Universität Rostock, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Institut für Wirtschaftspädagogik

Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Transformationsprozesse gewinnen berufliche (Neu-)Orientierungen über die Biografie hinweg an Bedeutung. Damit stellt sich die Frage, welche theoretischen Perspektiven geeignet sind, um individuelle Veränderungsprozesse in Phasen beruflicher Übergänge besser zu verstehen und welche Impulse sich daraus für die Gestaltung beruflicher Orientierungs- und Beratungsprozesse ableiten lassen.

Der Beitrag greift das Konzept des transformativen Lernens (Mezirow 1991) als theoretische Perspektive auf und untersucht, inwiefern sich berufliche Neuorientierungsprozesse nach einem Studienabbruch mit zentralen Annahmen dieser Theorie in Verbindung bringen lassen. Studienabbrüche werden häufig als Abweichung von linearen Bildungsbiografien interpretiert. Aus subjektwissenschaftlicher Perspektive können sie jedoch als biografische Transformationserfahrungen verstanden werden, in denen bestehende Selbstbilder, Erwartungen und Zukunftsvorstellungen irritiert werden und reflexive Lernprozesse entstehen.

Untersucht wird, inwiefern sich im Prozess des Studienabbruchs transformative Lernprozesse rekonstruieren lassen, welche Kompetenzen dabei entstehen und wie diese Prozesse die Entwicklung beruflicher Identität beim Übergang in eine duale Ausbildung beeinflussen. Der Übergang wird dabei als Orientierungsphase verstanden, in der individuelle Deutungs- und Begründungsmuster aus Erfahrungen von Krise und Unsicherheit eine zentrale Rolle für biographische Entscheidungsprozesse spielen.

Empirische Grundlage bilden qualitative Interviews mit Auszubildenden nach einem Studienabbruch sowie mit Berufsschullehrkräften und Ausbildungsverantwortlichen, die Erfahrungen mit dieser Zielgruppe gemacht haben. Die Auswertung erfolgt mittels qualitativer Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker 2024). Ergänzend werden quantitative Daten einer Unternehmensbefragung trianguliert (Arnold/Henke/Heinemann, eingereicht).

Der Beitrag stellt dar, inwiefern das Konzept des transformativen Lernens einen theoretischen Zugang zur Analyse beruflicher Neuorientierung in nicht-linearen Bildungsbiografien bietet, und diskutiert Implikationen für die pädagogische Gestaltung von Orientierungs- und Beratungsprozessen.

Kurzbiografie der Referierenden:
Marie-Therese Arnold ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) gGmbH im Bereich Durchlässigkeit des Bildungssystems sowie Migration und Arbeitsmarkt. Sie studierte Erziehungs- und Bildungswissenschaft in Augsburg, Berlin und Kopenhagen.
Ronny Heinemann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) am Standort in Berlin und arbeitet zu Themen von Übergängen in Bildung und Beruf.
Kristin Henke beschäftigt sich mit beruflicher Identitätsentwicklung im Studienabbruchkontext. Nach Studium der Allgemeinen Erziehungswissenschaft und langjähriger Projektarbeit im außerhochschulischen Bereich ist sie seit 2024 am Institut für Wirtschaftspädagogik der Universität Rostock tätig.

Session IV, Slot 2, Vortrag a: Berufliche Orientierung und Übergangsbegleitung: Standardangebote und personenbezogene Settings am Beispiel von KAoA

Dörthe Koch, G.I.B. – Gestaltung, Innovation und Beratung in der Arbeits- und Sozialpolitik GmbH
Joachim Liesenfeld, G.I.B. – Gestaltung, Innovation und Beratung in der Arbeits- und Sozialpolitik GmbH

Transformation vollzieht sich auf vielen Ebenen und in bestimmbaren Wirkmechanismen (vgl. Rosa 2016).  Sie präformiert individuelle Erwerbsperspektiven und Berufsverläufe (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2022, BIBB 2023, Bosch 2014). Mit Instrumenten der Bildungs- und Arbeitspolitik werden strukturelle Anpassungen gestaltet, die zugleich die Ansprüche der Individuen an sozialer Chancengerechtigkeit und Teilhabe zur Geltung bringen sollen (vgl. Baethge et al. 2016).

Im Vortrag wird am Beispiel der Landesinitiative Kein Abschluss ohne Anschluss (KAoA) aufgezeigt, wie auf die Herausforderungen der Transformation am Übergang Schule Beruf reagiert wird und welche neuen Antworten zur Begleitung der Jugendlichen in NRW auf dem Weg in zunehmend unwägbare Arbeitswelten gefunden werden (vgl. Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW 2026). In den 2010er Jahren wurde ein standardisiertes System zur Berufs- und Studienorientierung auf den Weg gebracht (in verschiedenen Handlungsfeldern – u.a. Berufliche Orientierung und Übergangsgestaltung). Seitdem hat sich die Transformation z.T. krisenbedingt beschleunigt. Die individuellen Perspektiven junger Menschen in der (Erwerbs)Gesellschaft sind von Unsicherheit geprägt und drohen vielfach durch Transformationsprozesse in Mitleidenschaft gezogen zu werden (vgl. Baethge et al. 2016). KAoA wird deshalb weiterentwickelt unter Betrachtung der Möglichkeiten von Individualisierung, Flexibilisierung und Digitalisierung. Damit sollen gelingende Übergänge in den Beruf, gleiche Übergangschancen und Möglichkeiten zur Teilhabe erreicht werden. Im Vortrag wird diese Weiterentwicklung beispielhaft erläutert (Dualisierung/Praktikumsphasen, Portfolioinstrument BWApp, Verantwortungskette Sek. I und II, Ausbildungscoaches, Laborräume Jugend in Beruf). Die Arbeitshypothese: es braucht einerseits ein stabiles Fundament an verlässlichen Angeboten in der Übergangsbegleitung und andererseits flexible Instrumenten- und Methodensettings, um individuellen Unterstützungsbedarfen gerecht werden zu können (vgl. BMBF 2020, Heinrich et al. 2026). Ein solches, auf Resilienz zielendes Angebot (vgl. Esser 2026) erfordert eine erhebliche Koordination zwischen staatlichen, kommunalen und wirtschaftlichen Akteuren in Verantwortungsgemeinschaft (vgl. Stuhldreier et al. 2024).

Kurzbiografie der Referierenden:
Dörthe Koch, Diplom-Sozialpädagogin, seit 2013 Beraterin bei der G.I.B. NRW (Gestaltung, Innovation und Beratung in der Arbeits- und Sozialpolitik), seit 2021 Leiterin der Abteilung Jugend und Ausbildung, Übergang Schule – Beruf
Joachim Liesenfeld, Diplom-Sozialwissenschaftler, seit 2019 Berater bei der G.I.B. NRW, Abteilung Jugend und Ausbildung, Übergang Schule – Beruf

Session IV, Slot 2, Vortrag b: Kinderschutzthematiken als übersehenes Hemmnis in der (inklusiven) Berufsorientierung

Prof. Dr. phil. Volker Jörn Walpuski, Professor für Supervision und Coaching, Evangelische Hochschule Freiburg

Supervisionen mit Berufsberater*innen (BBvE und Reha) lassen sichtbar werden, dass die BBvE/Reha durch biografische Einzelfallarbeit regelmäßig mit Fragen des Kinderschutzes konfrontiert wird. Anhand anonymisierter Kasuistiken aus Supervisionen, die damit als Forschungsinstrument dienen (vgl. Walpuski 2024), kann dies empirisch gezeigt und deutlich gemacht werden, dass hier weitere Forschung notwendig ist.

Deutlich wird bereits, dass diese Thematiken bisher vollständig an Schule und Schulsozialarbeit delegiert werden. Kenntnisse über § 8a SGB VIII sind in der BBvE in der Regel nur durch eine berufliche Ausbildung oder Tätigkeit in sozialarbeiterischen Feldern vorhanden. Gleichzeitig wird sichtbar, dass Kinderschutzthematiken (vgl. Kindler et al. 2006) wie bspw. die Erfahrung häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt,

Suchterkrankungen oder Vernachlässigung multiple Vermittlungshemmnisse darstellen und einer Berufsorientierung im Wege stehen. In Hinblick auf die Berufsberater*innen werden die große Handlungsunsicherheit und hoher moralischer Stress in diesen Fällen erkennbar (vgl. Kadera et al. 2024): Betroffene vertrauen sich den Beratenden an, zugleich fehlen den Beratenden aber Wissen und Strukturen, fach- und sachgerecht mit dem anvertrauten Wissen zu arbeiten. Neben dem Kinderschutz selbst, der prioritär zu wahren ist, kann die Integration von Kinderschutz-Wissensbeständen in die Berufsorientierung und die Einbindung der Beratenden in Kinderschutz-Netzwerke deshalb helfen, dass sich durch Kinderschutzthematiken benachteiligte Kinder und Jugendliche überhaupt für eine berufliche Orientierung öffnen. Erst dann können weiterführende Ziele wie Beratung zu Bildung, Beruf und Beschäftigung verfolgt werden. Deshalb ist es zentral, dass Berufsberatende in den Beratungsfeldern BBvE und Reha-Ersteingliederung, Kinderschutzthematiken kompetent erkennen und über Verweiswissen zu deren weiterer Bearbeitung verfügen.

Kurzbiografie der Referierenden:
Walpuski, Volker Jörn, Dr. phil., Professor für Supervision und Coaching an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Promoviert in Erziehungswissenschaften, u. a. Studium der Mehrdimensionalen Organisationsberatung (Universität Kassel), freiberuflich Supervisor und Coach (DGSv).

Session IV, Slot 2, Vortrag c: Berufliche (Neu-)Orientierungsprozesse: Neue Realitäten und ihre Folgen – Ein Diskurs am Beispiel der Pflegeausbildung

Prof. Dr. Philipp Struck, Katholische Hochschule Mainz

Zielsetzung: Die Berufswahlentscheidung ist kein einmaliger Wahlakt im Jugendalter und konstante Erwerbsbiografien ohne Brüche oder (Berufs- / Arbeitgeber-)Wechsel sind statistisch eher die Ausnahme (Struck et al., 2026). Vertragslösungen liegen branchenübergreifend in Deutschland bei knapp 30% (Uhly & Neises, 2023), ein vergleichbarer Wert findet sich auch in der Pflege (Garcia-González & Peters, 2021). Zugleich kann die heutige und zukünftige Generation zwischen vielfältigen Angeboten zur beruflichen Aus-, Fort- und Weiterbildung wählen.

Anhand von 37 Auszubildenden der Pflege soll untersucht werden, wie ihre persönliche Berufswahl erfolgt ist und warum sie bereits während der Ausbildung über berufliche Alternativen oder weiterführende Perspektiven nachdenken.

Die illustrierten Beispiele werden hinsichtlich ihrer Bedeutung für die verschiedenen Akteure in der Beruflichen Orientierung diskutiert. Ferner ist auch eine gesamt-gesellschaftliche Betrachtung dieser Prozesse auf volkswirtschaftlicher Ebene von Relevanz.

Methodischer Zugang: Das übergeordnete Thema soll hier am Beispiel der Pflege diskutiert werden. Dafür liegt ein Datensatz mit 37 leitfadengestützten Interviews (Witzel, 2000) mit Pflegeauszubildenden (Verteilung auf die Ausbildungsjahre: n1 = 16, n2 = 9, n3 = 12) vor, welche entlang der inhaltlich strukturierenden Inhaltsanalyse (Kuckartz & Rädiker, 2022) ausgewertet wurden.

Schlussfolgerungen: Die Interviews zeigen die vielfältigen Wünsche und Perspektiven (z.B. Studium der Medizin, Pflegepädagogik) auf. Manche wollen der „Branche“ treu bleiben, aber in der Tätigkeit und Position (z.B. Pflegedienstleitung) aufsteigen, andere in einer anderen beruflichen Tätigkeit neu starten. Diese individuellen beruflichen Wünsche und Vorstellungen können und sollten fortlaufend in der Beruflichen Orientierung thematisiert werden, demgegenüber stehen (aber) für das Beispiel Pflege vielfältige Maßnahmen des Bundes, den Fachkräftemangel auszugleichen.

Kurzbiografie der Referierenden:
Philipp Struck ist Professor für Berufspädagogik an der KH Mainz. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte umfassen die Lehrer*innenbildung und Unterrichtsgestaltung, die Berufswahl- und Berufsbildungsforschung, die Berufliche Bildung im Gesundheitswesen und die Berufliche Förderpädagogik.

Session IV, Slot 3, Symposium: Berufliche Orientierung und Schulentwicklung: Befunde und Strategien zur Etablierung individueller Förderung

Prof. Dr. Katja Driesel-Lange, Universität Münster

Jugendliche beim Übergang in eine Berufs- und Arbeitswelt zu unterstützen, die auf Grund enormer gesellschaftlicher Herausforderungen einer großen Veränderungsdynamik unterliegt, erfordert gleichzeitig die Adressierung individueller Bedarfe und der Anbahnung von Kompetenzen, mit nicht vollständig planbaren Perspektiven umzugehen. Ziel schulischer Beruflicher Orientierung ist es daher, junge Menschen zu befähigen, ihren eigenen (beruflichen) Lebensweg zu finden, ihre berufliche Entwicklung eigenverantwortlich zu verfolgen sowie mit Unsicherheiten und neuen Chancen souverän umzugehen. Auf diese Weise können auch langfristig berufliche Integration und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht werden.

In diesem Symposium werden die Notwendigkeit nach individueller Förderung in der Beruflichen Orientierung und Wege konzeptioneller, personeller und institutioneller Gestaltung in drei aufeinander aufbauenden Beiträgen beleuchtet: Beitrag 1 unterstreicht die Unabdingbarkeit individueller Förderung von Berufswahlkompetenz anhand empirischer Daten zu differenzierten Entwicklungsverläufen bei Jugendlichen an Polytechnischen Schulen, die kurz vor dem Übergang Schule-Beruf stehen.

Der zweite Beitrag zeigt u.a. auf, welchen Herausforderungen Schulleitungen, BO-Koordinator:innen und Fachlehrkräfte begegnen, die (individualisierte) Angebote der Beruflichen Orientierung jahrgangsstufen- und fachübergreifend sowohl im Schulprogramm als auch im Schulalltag umsetzen wollen.

Im dritten Beitrag wird ausgehend von einem theoretisch fundierten und digital gestützten Evaluations- und Förderkonzept aus dem Forschungsprojekt DIGIBO BEST! dargestellt, wie Berufliche Orientierung als gesamtschulische Entwicklungsaufgabe bewältigt werden kann. Es wird gezeigt, wie die beteiligten Schulen datenbasiert schulische Entwicklungsprozesse initiieren und mit welchen Strategien die Umsetzung erarbeiten.

Kurzbiografie der Referierenden:
Julia Niederfriniger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der PH Salzburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Schulentwicklungsberatung, Schul- und Unterrichtsentwicklung, Berufsorientierung und Transition.
Silvio Kaak ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Erfurt. Seine Forschungsschwerpunkte sind Berufs- und Studienorientierung, Lehrkräfteprofessionalisierung, pädagogisch-psychologische Diagnostik und Evaluationsmethoden der empirischen Bildungsforschung.
Karin Heinrichs ist Professorin für berufliches Lehren und Lernen an der PH Oberösterreich. Ihre Forschungsschwerpunkte sind berufliche Übergänge von Schule in Ausbildung und Beruf und Wert- und Moralerziehung in der Berufsbildung.
Bärbel Kracke ist Professorin an der Universität Jena. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Berufswahlforschung, Diagnose und Förderung selbstgesteuerter Lernprozesse, Gelingensbedingungen des Gemeinsamen Unterrichts und Inklusionskompetenz in der Lehrerbildung.
Claudia Kalisch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Berufspädagogik der Universität Rostock. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind u.a. Berufswahl- und Berufsorientierungsforschung sowie Lehrkräftebildung.
Emmy Cherfoaui ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt ProBO-neT/“Mission ICH“ am Institut für Berufspädagogik der Universität Rostock.
Friederike Grosse ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt ProBO-neT/“Mission ICH“ am Institut für Berufspädagogik der Universität Rostock.
Jerusha Klein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Münster. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Risikofaktoren für die berufliche Entwicklung, Evaluation und Instrumentenentwicklung sowie Berufliche Orientierung als Schulentwicklungsaufgabe.
Meike Nienkötter ist wiss. Mitarbeiterin an der Universität Münster. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. a. Berufliche Entwicklung in Schule und Betrieb.
Katja Driesel-Lange ist Professorin für Berufsorientierung an der Universität Münster. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u. a. Berufliche Orientierung als Aufgabe der Schulentwicklung.

Session IV, Slot 4, Workshop: Vom Experiment zum Beruf – Berufsorientierung im Schülerlabor am Beispiel des IndustrialLab

Lukas Hobeck. M.Ed., Chemiedidaktik Universität Osnabrück
Marco Beeken, Chemiedidaktik Universität Osnabrück

Der zunehmende Fachkräftebedarf in technischen und naturwissenschaftlichen Berufsfeldern stellt Industrie und Wirtschaft ebenso vor Herausforderungen wie das Bildungssystem. Gleichzeitig stehen Jugendliche vor einer immer größeren Vielfalt an möglichen Bildungs- und Berufswegen und berichten trotz zahlreicher

Informationsangebote häufig von Unsicherheiten bei der Wahl von Ausbildung oder Studium. Vor diesem Hintergrund gewinnen erfahrungsbasierte Formate der Berufsorientierung an Bedeutung, die berufliche Tätigkeiten nicht nur beschreiben, sondern praktisch erlebbar machen.

Schülerlabore bieten hierfür besonders geeignete Rahmenbedingungen. Durch handlungsorientiertes und experimentelles Arbeiten ermöglichen sie Einblicke in naturwissenschaftliche und technische Arbeitsweisen und können damit schulische Berufsorientierung sinnvoll ergänzen. Gerade in Kooperation mit Ausbildungsbetrieben und Hochschulen eröffnen sie authentische Zugänge zu industriellen Prozessen und beruflichen Tätigkeitsfeldern im MINT-Bereich.

An dieser Schnittstelle setzt das Schülerlabor „IndustrialLab – Berufsorientierung im Labor“ an. Ziel des Formats ist es, MINT-bezogene Berufsfelder für Schülerinnen und Schüler erfahrbar zu machen und Einblicke in reale Arbeits- und Denkweisen technischer Berufe zu ermöglichen. In modular aufgebauten Stationen bearbeiten die Teilnehmenden Experimentier- und Erkundungsaufgaben zu unterschiedlichen industriellen Tätigkeitsfeldern. Die Aufgaben werden gemeinsam von Auszubildenden und Studierenden entwickelt und verbinden experimentelles Arbeiten mit Einblicken in konkrete berufliche Handlungssituationen. Zentrale didaktische Prinzipien sind eigenständiges Experimentieren, der Einsatz authentischer Materialien sowie die Verknüpfung naturwissenschaftlicher Inhalte mit realen beruflichen Kontexten.

Im Forschungsworkshop werden Konzept, Struktur und didaktische Leitlinien des IndustrialLab vorgestellt sowie ausgewählte Materialien präsentiert. Anschließend erproben die Teilnehmenden exemplarische Stationen selbst und diskutieren Einsatzmöglichkeiten, Gelingensbedingungen und Entwicklungspotenziale solcher Formate. Ziel ist ein fachlicher Austausch zur Weiterentwicklung berufsorientierender Angebote im Schülerlabor und zur Stärkung praxisnaher Zugänge zu MINT-Berufen.

Kurzbiografie der Referierenden:
Lukas Hobeck (*1998) studierte Chemie und Geographie für das Gymnasiallehramt in Osnabrück und schloss 2024 mit dem Master of Education ab. Seit Juni 2024 promoviert er in der Chemiedidaktik und Wissenschaftskommunikation zu innovativen Berufsorientierungsprojekten mit regionalen Akteuren.
Marco Beeken (*1981) studierte Chemie und Biologie für das Gymnasiallehramt in Oldenburg. Promotion 2010 an der Universität Oldenburg. Nach dem Referendariat war er Studienrat in Rhauderfehn und Cloppenburg. Seit 2015 ist er Professor für Didaktik der Chemie und Wissenschaftskommunikation an der Universität Osnabrück.

Session IV, Slot 5, Workshop: Win-Win in der sozialökologischen Transformation? Teilhabe von Frauen mit und ohne Migrationsgeschichte am Arbeitsmarkt

Lisa Häfner, LIFE Bildung Umwelt Chancengleichheit e. V.

Die sozial-ökologische Transformation der Wirtschaft schafft neue Berufsfelder, Quereinstiegsmöglichkeiten und Chancen für Frauen mit und ohne Migrationsgeschichte. Doch wie können sie diese aktiv mitgestalten? Welche besonderen Möglichkeiten und Chancen liefert die Transformation für Frauen, wie verändern sich Teilhabemöglichkeiten? Welche Gestaltungsmöglichkeiten für Frauen entstehen, und welche besonderen Potenziale bringen sie in die Arbeitsmärkte der Zukunft ein? LIFE entwickelt seit 30 Jahren Programme zur Unterstützung von Frauen in der beruflichen Orientierung und Weiterbildung und setzt sich ebenso lange für die sozial-ökologische Transformation ein. In Workshops, Weiterbildungen und Exkursionen informieren wir über, Einstiegsmöglichkeiten und Entwicklungen in Umwelt- und Klimaschutz. Durch Austausch mit Role Models und direkte Vernetzung mit Unternehmen erhalten Frauen konkrete Einblicke und Kontakte. Dabei berücksichtigen wir individuelle Lebensumstände und Bedarfe speziell von Frauen.

Im Workshop möchten wir Potenziale, Bedarfe und Erfahrungen von Frauen im grünen Arbeitsmarkt beleuchten und erörtern, welche besonderen Chancen die Transformation für sie eröffnet und welche besonderen Beiträge Frauen für den Arbeitsmarkt der Zukunft liefern. Nach einem kurzen Input, basierend auf vielfältigen Erfahrungen mit diversen Zielgruppen von Frauen diskutieren wir aus zwei Perspektiven in wechselnden Kleingruppen, wie der sozialökologische Arbeitsmarkt zum Win-Win für Nachhaltigkeit und Gleichberechtigung wird. 1. Was sind die strukturellen, betrieblichen und politischen Hebel, um im Zuge der Transformation den Zugang zum Arbeitsmarkt zu verbessern. 2. Wie können berufliche Beratung und Weiterbildung – insbesondere für Frauen – die sozialökologische Transformation gezielt aufgreifen, um neue berufliche Zugänge zu eröffnen und Motivation zu steigern? Die doppelte Annäherung ermöglicht es Synergien und Konflikte in der Transformation produktiv zu adressieren.

Kurzbiografie der Referierenden:
Lisa Häfner Leitet den BBNE-Bereich bei LIFE und entwickelt Konzepte, Kurse und Materialien im Bereich beruflicher Bildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) zur Sensibilisierung unterschiedlicher Akteure im Greening der Berufe.

12:00-13:00 Uhr           Mittagessen und Austausch im Foyer

13:00-14:00 Uhr          Postersession

Postersession

  • Grosse, F., Cherfaoui, E.  & Kalisch, C.: „Mission ICH“ in der Beruflichen Orientierung: Wirkung auf Berufswahlkompetenzen und Lehrkräftehandeln
  • Kayser, L.-S. & Diethelm, I.: Informatikunterricht als Schlüssel zur Entwicklung von Zukunftskompetenzen
  • Kayser, L.-S., Porsch, T. & Diethelm, I.: Was wünschen sich die Lernenden? Berufsorientierende Gestaltung des Informatikunterrichts aus Lernendenperspektive
  • Laurich, A.-S., Laurich, L.-M., Brämer, S., Vieback, L. & Zopff, A.: Erfolgsfaktoren für die Einbindung von Eltern zur/und Optimierung von außerschulisch-schulischen Kooperationen im MINT-Bildungsprozess (MINTogether)
  • Schneider, S.: Wie der Vater, so der Sohn, wie die Mutter, so die Tochter? Eine quantitative Analyse geschlechts(un)typischer beruflicher Aspirationen von Adoleszenten
  • Schneider, S.: Lehrer/-in, Mechaniker/-in, Bankkauffrau/ -mann oder Tierpfleger/-in? Zu beruflichen Aspirationen, Studien und Ausbildungsintentionen von Jugendlichen im regionalen Kontext
  • Weber, P.: KI-gestützte Berufsorientierung in der Schule: Evaluation eines Augmentations-Tools für Beratende

Genauer Plan siehe Tagungsprogramm als PDF-Dokument

14:00-15:30 Uhr          Veranstaltungssession V

5 zeitlich parallele Slots:
Slot 1: 3 Vorträge (a-c), dauern jeweils ca. 30 Minuten und laufen hintereinander ab
Slot 2: 3 Vorträge (a-c), dauern jeweils ca. 30 Minuten und laufen hintereinander ab
Slot 3: 3 Vorträge (a-c), dauern jeweils ca. 30 Minuten und laufen hintereinander ab
Slot 4: Workshop
Slot 5: Workshop
Genauer Plan siehe Tagungsprogramm als PDF-Dokument

Session V, Slot 1, Vortrag a: Qualität statt Hype: Der EdTech-Index als Kompass für digitale Bildungsmaßnahmen am Beispiel der Beruflichen Orientierung

Marie Tuchscherer-Schad, PH Karlsruhe
Prof. Dr. Claudia Wiepcke, PH Karlsruhe

Die fortschreitende Digitalisierung des Bildungsbereichs geht mit einer stetig wachsenden Zahl digitaler Bildungsmaßnahmen und bildungstechnologischer Angebote einher. Damit stehen Lehrpersonen sowie Schüler:innen zunehmend vor der Herausforderung, geeignete Anwendungen für den Unterricht oder den persönlichen Einsatz auszuwählen (Eickelmann et al., 2019; OECD, 2021; Tuchscherer & Wiepcke, 2025). Viele dieser Angebote stammen aus der EdTech-Branche, wobei eine systematische Qualitätssicherung und wissenschaftliche Fundierung aufgrund begrenzter pädagogischer Expertise nicht durchgängig gewährleistet ist (Brüggemann & Wiepcke, 2023).

Vor dem Hintergrund tiefgreifender digitaler Transformationsprozesse im Bildungswesen rückt damit die professionelle Urteils- und Handlungskompetenz der beteiligten Akteur:innen in den Mittelpunkt. Auch im Feld der Beruflichen Orientierung gewinnt die Frage nach belastbaren Qualitätskriterien zur Beurteilung bildungstechnologischer Lösungen an Relevanz. Für eine differenzierte Bewertung digitaler Bildungsmaßnahmen ist ein begründetes Verständnis von Qualitätskriterien erforderlich, die sowohl didaktisch als auch mediendidaktisch und fachdidaktisch anschlussfähig sind. In der allgemeinen Didaktik, der Mediendidaktik und in spezifischen Fachdomänen liegen hierfür etablierte Modelle zur Analyse und Bewertung vor. Aufbauend auf diesen Ansätzen entwickelten Brüggemann und Wiepcke (2023) einen Kriterienkatalog zur strukturierten Beurteilung von Bildungstechnologie im Kontext der Beruflichen Orientierung: den EdTech-Index. Der EdTech-Index ermöglicht eine systematische IST-Stand-Analyse und unterstützt Reflexionsprozesse sowie fundierte Qualitätsentscheidungen bei der Auswahl und Implementierung digitaler Bildungsangebote.

Der Beitrag gibt einen Überblick über zentrale Qualitätskriterien digitaler Bildungsmaßnahmen am Beispiel der Beruflichen Orientierung. Der EdTech-Index wird exemplarisch vorgestellt und anhand konkreter Anwendungsfälle (u. a. Meister-Power) praktisch erprobt, um Vorgehen, Analysepotenziale und Entscheidungshilfen des Instruments zu verdeutlichen (Fischer, 2026).

Kurzbiografie der Referierenden:
Marie Tuchscherer-Schad ist akademische Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe im Institut für Ökonomie und ihre Didaktik und lehrt sowie promoviert in diesem Rahmen.
Dr. Dr. h.c. Claudia Wiepcke ist Professorin und Leiterin des Instituts für Ökonomie und ihre Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe.

Session V, Slot 1, Vortrag b: Potenziale generativer KI zur Systematisierung berufskundlicher Daten

Anne-Marie Schlenzka, Universität Leipzig, Institut für Wirtschaftspädagogik
Max Freiberg, ICM − Institut Chemnitzer Maschinen- und Anlagenbau
Dr. Andreas Fischer, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb)

Jugendliche nutzen Chatbots wie ChatGPT, um sich zu Karrierewegen beraten zu lassen. Um Halluzinationen bestmöglich zu reduzieren, müssen KI-generierte Aussagen mit Fakten abgeglichen werden. Hierzu als technische Lösung in der Praxis verbreitet ist der “RetrievalAugmented Generation“-Prozess. Big-Data-Methoden ermöglichen es ferner, große Mengen an Textdaten differenziert strukturiert zu verarbeiten (siehe KI-basierte Inhaltsanalyse nach Fischer), so dass Textdaten sogar speziell aufbereitet nach endogenen Berufswahlfaktoren an einen Chatbot übergeben werden könnten. Diese technische Option soll am Beispiel „Beruflicher Interessen” erprobt werden. Berufliche Interessen als Konstrukt können beschrieben werden als Kombination von Gegenständen und Aktivitäten bzw. als Frage „Was möchte ich mit einem Gegenstand tun?“. Diese Beschreibung eröffnet eine Systematisierung von Textdaten nach ”Gegenständen” und “Aktivitäten” (siehe Matching-Modell SIEH). Um Matching zwischen den beruflichen Interessen der Chatbot-User und Berufen durchzuführen, benötigt es zuverlässige Kategorien für “Gegenstände” und “Aktivitäten” aus Berufsbeschreibungen (hier von BERUFENET). Doch inwieweit lässt sich unter Verwendung der KI-basierten Inhaltsanalyse (Fischer, 2025) für Berufsbeschreibungen ein solches Kategoriensystem bilden, das den Qualitätskriterien der qualitativen Forschung entspricht? Dazu wurden Kategoriensysteme auf verschiedenen Wegen entwickelt, einmal durch menschliche Kodierer:innen und einmal durch verschiedene Sprachmodelle, und sollen anhand der Qualitätskriterien nach Kuckartz (2018) bewertet werden. Im Vortrag sollen erste Ergebnisse präsentiert werden. Wenn zuverlässige Kategorien für umfassende Textdaten entwickelt werden können, wäre dies ein Gewinn für die gezielte Zusammenführung von Informationsmaterial und Jugendlichen sowie für die Stärkung von Chatbots.

Kurzbiografie der Referierenden:
Anne-Marie Schlenzka, M. A. „Begabungsforschung und Kompetenzentwicklung“, ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Promovierende am Institut für Wirtschaftspädagogik der Universität Leipzig.
Max Freiberg, M. Sc. „Informatik“ an der Universität Leipzig, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am ICM − Institut Chemnitzer Maschinen- und Anlagenbau und der technische Entwickler des Prototyps von SIEH.
Dr. Andreas Fischer, Promotion an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (2010-2015), ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut Betriebliche Bildung, forscht zu KI-basierter Inhaltsanalyse, Berufsbildung, Problemlösen.

Session V, Slot 1, Vortrag c: E-Portfolioarbeit mit der „MissionICH-BOx“ als Ansatz der Beruflichen Orientierung angesichts gesellschaftlicher und arbeitsweltlicher Transformationen

Dr. Christian Staden, Institut Technik und Bildung, Universität Bildung
Tobias Prill, Arbeit und Leben M-V e.V.

Stetige Veränderungen der Arbeitswelt stellen die Berufliche Orientierung (BO) Jugendlicher vor neue Herausforderungen. Angesichts von Mehrdeutigkeit und Nicht-Planbarkeit beruflicher Wege gewinnen Ansätze an Bedeutung, die Jugendliche als selbstwirksame Gestalter:innen ihres Berufswahlprozesses adressieren und Kontinuität in einem dynamischen Übergangsgeschehen ermöglichen.

Eine solche Möglichkeit stellt die Arbeit mit E-Portfolios dar. Der Beitrag stellt die „MissionICH-BOx MV“ als digitales Portfolio-Instrument vor, welches auf dem im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern eingesetzten Konzept „Mission ICH“ beruht und für Schüler:innen der Klassenstufen 7–9 allgemeinbildender Schulen konzipiert ist. Die „MissionICH-BOx“ basiert auf der „Future-Box“, einem webbasierten E-Portfolio-System, das mit einer adaptierten Didaktik der Portfolioarbeit Dokumentations, Reflexions-, Entwicklungs- und Präsentationsfunktionen für die BO vereint. Durch die prozessbegleitende digitale Arbeit werden Selbstwirksamkeitserfahrungen von Schüler:innen systematisch in den Orientierungsprozess integriert.

Methodisch folgt das Vorhaben einem Design-Based Research-Ansatz mit ausgewählten Pilotschulen und begleitender Evaluation. Der Beitrag präsentiert erste Erkenntnisse zur Erprobung, zum Transfer in die Schulpraxis sowie zur anstehenden landesweiten Implementierung. Dabei werden neben der didaktischen, organisatorischen und systemischen Ebene der E-Portfolio-Arbeit auch die Implikationen der arbeitsweltlichen Transformation und die sich wandelnden Anforderungen an die Jugendlichen diskutiert.

Kurzbiografie der Referierenden:
Dr. Christian Staden: Lektor für Berufs- und Medienpädagogik an der Universität Bremen, Digital Media Coordinator am Institut Technik und Bildung (ITB) sowie Senior Researcher am Zentrum für Medien-, Kommunikations- und Informationsforschung (ZeMKI) an der Universität Bremen. Tobias Prill: Projektmitarbeiter bei Arbeit und Leben M-V e.V., Projekt ProBO-neT II (Professionalisierung Beruflicher Orientierung durch Vernetzung und Transfer) & Promotionsstudent (Philosophie) an der Universität Rostock.

Session V, Slot 2, Vortrag a: Berufliche Orientierung im Kontext digitaler Transformation: Ausgewählte Befunde zu einer Unterrichtseinheit in Gymnasien

Nicole Heesch, M. A., Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Philosophische Fakultät, Institut für Pädagogik, Abteilung Berufs- und Wirtschaftspädagogik
Prof. Dr. Andrea Burda-Zoyke, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Philosophische Fakultät, Institut für Pädagogik, Abteilung Berufs- und Wirtschaftspädagogik

Die digitale Transformation der Arbeitswelt verändert berufliche Anforderungen und Chancen und kann Unsicherheiten in Berufsorientierungsprozessen von Jugendlichen erzeugen oder verstärken. Daher wurde im Rahmen eines gestaltungsorientierten Forschungsansatzes die Unterrichtseinheit „BO- SEK II“ für die Oberstufe allgemeinbildender Gymnasien entwickelt. Auf Grundlage ausgewählter didaktischer Leittheorien u. a. zur digitalen Transformation, zur Social Cognitive Career Theory (Lent et al., 1994) sowie zur Berufsorientierungsforschung wurden erste Gestaltungsprinzipien formuliert und die teils situierte Unterrichtseinheit konzipiert. Diese soll schulische Deutungs- und Aushandlungsprozesse zum Berufswunsch von Schüler:innen im Kontext von digitaler Transformation strukturieren und Lehrkräfte in ihrer Rolle als „ko-konstruierende“ Lernbegleitung unterstützen.

Die Unterrichtseinheit wurde in drei Gymnasien in Schleswig-Holstein erprobt. Das Forschungsdesign umfasst Interventions- und Kontrollgruppen (IG n = 60, KG n = 96), Prä- und Post-Befragungen mit theoriegeleitet adaptierten Items zur Berufswahlkompetenz (in Anlehnung an den BO-Index, Driesel Lange et al., 2023) sowie zur beruflichen, insbesondere berufsorientierungsbezogenen Selbstwirksamkeitserwartung (Knispel et al., 2021), prozessbegleitende Kurzabfragen (n ≈ 60) der Schüler:innen zu ausgewählten Gestaltungselementen unter unterschiedlichen Implementationsbedingungen und leitfadengestützte Interviews mit drei Lehrkräften und neun Schüler:innen.

Der Beitrag präsentiert ausgewählte quantitative Ergebnisse. Im Fokus stehen die Veränderungen zentraler Facetten der Berufswahlkompetenz und der berufsorientierungsbezogenen Selbstwirksamkeitserwartungen sowie die Einschätzungen zu den Gestaltungselementen . Die Befunde werden im Hinblick auf förderliche und hemmende Kontextfaktoren diskutiert und bezüglich einer Weiterentwicklung der Unterrichtseinheit reflektiert.

Kurzbiografie der Referierenden:
Nicole Heesch, Dipl.-Betriebswirtin (BA) und M. A. in Pädagogik, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der CAU Kiel. Sie verfügt über mehr als 20 Jahre Berufserfahrung in digitalisierten Arbeits- und Organisationskontexten. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Berufliche Orientierung im Kontext gesellschaftlicher Transformation und gestaltungsorientierte Unterrichtsentwicklung.
Prof. Dr. Andrea Burda-Zoyke ist studierte Dipl.-Handelslehrerin und Professorin für Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der Universität zu Kiel. Ihre Forschungsschwerpunkte sind u.a.: Didaktischer Umgang mit Heterogenität, berufliche Orientierung, Lehrkräfteprofessionalisierung sowie Design Based-Research.

Session V, Slot 2, Vortrag b: Wie wirken Orientierungsprogramme weiter? Ergebnisse einer Alumnibefragung

Helena Kaiser, FernUniversität in Hagen
Birgitta Kinscher, HTW Berlin

Orientierungsangebote möchten Bildungsprozesse und Übergänge begleiten und so Menschen darin unterstützen, sich in einer zunehmend komplexen und nicht‑planbaren Berufswelt zurechtzufinden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen Orientierung als gelungen gilt und wie Teilnehmende ihre berufliche Orientierung in Zeiten gesellschaftlicher Transformation erleben und gestalten.

Seit Dezember 2019 werden im Rahmen des vom BMBF geförderten Modellvorhabens „VerOnika“ verzahnte Orientierungsprogramme zur beruflichen und akademischen Ausbildung entwickelt und erprobt. Im Rahmen dieser Orientierungsprogramme sollen Hochschulzugangsberechtigte authentische Lern- und Praxiserfahrungen in beruflichen und akademischen Bildungseinrichtungen sowie in betrieblichen Tätigkeitsfeldern sammeln, um auf dieser Grundlage Offenheit für die verschiedenen Bildungswege zu erlangen und eine erfahrungsbasierte Wahl treffen zu können.

Mit Start der zweiten Projektlaufzeit im Oktober 2023 (jetzt gefördert vom BMBFSFJ) wurde durch die Gründung einer Arbeitsgruppe Evaluation mit einer umfassenden Teilnehmendenevaluation begonnen, mit Erhebungszeitpunkten jeweils zum Start und Abschluss der

Orientierungsprogramme. Um den weiteren Verlauf der individuellen Bildungswege analysieren zu können, wurde Ende 2025 eine repräsentative Befragung von Alumni durchgeführt. 79 Personen haben an der Befragung teilgenommen, was einer Rücklaufquote von 29 % entspricht. Durchgeführt wurde die Befragung als Online-Erhebung mit quantitativen und qualitativen Elementen. Inhaltlich umfasst sie die drei Bereiche: 1. nachhaltige Programmeffekte, 2. getroffene Bildungswegentscheidungen (Passung) und deren Umsetzung sowie 3. den weiteren Verlauf nach dem Orientierungsprogramm inklusive aktuellem Stand.

Der geplante Beitrag präsentiert die Ergebnisse dieser Alumnibefragung und zielt darauf ab, die Effekte von verzahnten Orientierungsprogrammen zu betrachten: Welche Orientierungsimpulse wirken über die Teilnahme hinaus fort und inwiefern beeinflussen sie Bildungs- und Berufsentscheidungen? Wie bewerten die Alumni ihre Erfahrungen in den Orientierungsprogrammen nun aus ihrer Sicht als Teilnehmende der transformierenden Bildungs- und Berufswelt?

Kurzbiografie der Referierenden:
Helena Kaiser seit 2023 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt VerOnika up! an der FernUniversität in Hagen Studium der Erziehungswissenschaft (BA und MA) an der TU Dortmund
Birgitta Kinscher seit 2019 Verbundkoordinatorin im Projekt VerOnika und VerOnika up! an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, Studium der internationalen Agrarentwicklung und Aufbaustudium Weiterbildungsmanagement an der TU Berlin

Session V, Slot 2, Vortrag c: Berufliche Orientierung in Zeiten von Transformation: Konzepte und Heraus-forderungen an Hamburger Startchancen-Schulen

Lucas Jacobsen, Universität Hamburg
Merten Keil, Prof. Dr. Kira Weber, Universität Hamburg

Gesellschaftliche Transformationsprozesse erhöhen die Anforderungen an berufliche Orientierung. An sozial benachteiligten Schulstandorten wird der Bedarf an tragfähigen Unterstützungsstrukturen dabei besonders sichtbar (Bigos, 2020; Bundesregierung, 2024; SWK, 2025). Deshalb untersucht der vorliegende Beitrag schulformspezifische Konzepte, Herausforderungen und Entwicklungsbedarfe der beruflichen Orientierung an Hamburger Startchancen-Schulen und fragt, welche Anforderungen sich daraus für eine App zur Unterstützung ableiten lassen. Datengrundlage sind 11 Expert:inneninterviews mit in der beruflichen Orientierung tätigen Lehrkräften bzw. Abteilungsleitungen an vier Stadtteilschulen, zwei Gymnasien und fünf berufsbildenden Schulen. Die Auswertung erfolgte in MAXQDA mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018).

Die Ergebnisse zeigen erstens schulform- und standortspezifische Unterschiede in Maßnahmen, Zielsetzungen und Problemlagen. Zugleich treten schulformübergreifende Muster hervor. Etwa die hohe Bedeutung individueller Begleitung, praxisnaher Lerngelegenheiten, multiprofessioneller Kooperation und gelingender Übergänge. Zweitens verweisen die Befunde auf Herausforderungen durch heterogene Schülerschaften, begrenzte Ressourcen, belastete soziale Lagen sowie Spannungen zwischen Abschluss- und Anschlussorientierung. Drittens wird eine digitale App als sinnvoll eingeschätzt, sofern sie kompakt, niedrigschwellig, aktuell, filterbar und praxisnah gestaltet ist. Als zentraler Mehrwert gelten evidenzbasierte und adaptierbare Materialien, Best-Practice-Beispiele, transparente Informationen zu Angeboten und Akteur:innen sowie Austauschmöglichkeiten zwischen Schulen und Unterstützungssystemen.

Der Beitrag macht damit Chancen und Grenzen digital gestützter beruflicher Orientierung sichtbar und legt nahe, dass digitale Unterstützung nur dann wirksam werden kann, wenn sie schulformsensibel und anschlussfähig gestaltet wird und persönliche Beratung ergänzt, nicht ersetzt.

Kurzbiografie der Referierenden:
Lucas Jacobsen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hamburg. Er forscht zur Professionalisierung angehender Lehrkräfte, digitalen Bildungstechnologien, insbesondere der Rolle von KI, Feedback und beruflicher Orientierung. Im Startchancen Programm berät er Bundesländer bezüglich BO.
Merten Keil ist ausgebildeter Elektro- und Informationstechniker und angehende Lehrkraft der beruflichen Bildung mit unterrichtlichem Fokus auf sozialwissenschaftliche Themen und Prozesse der beruflichen Orientierung.
Kira Weber ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Berufsbildung und lebenslanges Lernen. Ihre Forschung umfasst die Professionalisierung von Lehrkräften, digitale Bildungstechnologien, (KI-)Feedback, berufliche Orientierung und berufliches Wohlbefinden von Lehrkräften.

Session V, Slot 3, Vortrag a: Individuelle Begleitung in Schule und beim Berufseinstieg: Ein Beitrag zur Fachkräftesicherung?

Sven Wagner, Imke Goßmann, Prof. Dr. Michaela Schulze, Prof. Dr. Ingo Matuschek, Prof. Dr. Sebastian Brandl, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, Campus Schwerin
Prof. Dr. Ralph Conrads, Ian Grondey, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit, Campus Mannheim

Mit dem demografischen Wandel steigt der Bedarf an qualifizierten Nachwuchskräften. Gleichzeitig bleibt die Zahl der Jugendlichen hoch bzw. steigt noch an, die die Schule ohne Abschluss verlassen, in das Übergangssystem wechseln oder ihre Ausbildungs- bzw. Studienwege abbrechen. Auch mehren sich die Anzeichen, dass immer mehr Jugendliche einen direkten Einstieg ins Erwerbsleben anstreben, statt eine Ausbildung als Schritt in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu beginnen. Die Jugendlichen scheinen zunehmend Schwierigkeiten im Kontext Berufsorientierung und Ausbildungsfähigkeit zu haben und der Wert einer soliden beruflichen Grundqualifikation droht zu schwinden.

Besonders leistungsschwächere, abschluss- oder abbruchgefährdete Schülerinnen und Schüler bzw. Auszubildende werden mit Konzepten zumeist individuell unterstützender Interventionen adressiert. Im BA-Kontext sind dies die Ansätze von AsAflex (Assistierte Ausbildung) und BerEb (Berufseinstiegsbegleitung), welche im Zusammenspiel mit Schulen, Trägern, Unternehmen und Dienststellen der BA den Problemlagen entgegenwirken. Solche Ansätze sind aufwändig, stehen in der Kritik und müssen sich vor dem Hintergrund öffentlicher Finanzen beweisen. Generell sind sie ineinandergreifende wie aufeinander aufbauende Angebote zur Stärkung von Ausbildungsreife und Resilienz junger Menschen.

Vor diesem Hintergrund widmet sich der Vortrag – basierend auf zwei aktuellen Evaluationen an der HdBA – der Konzeption, Umsetzung und Wirkung individueller Begleitmaßnahmen für leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler sowie Auszubildende. Im Mittelpunkt steht die Frage, inwieweit individuelle, langfristig angelegte Begleitungen („Coaching“), einen Beitrag zur erfolgreichen Berufseinmündung und Ausbildungsstabilisierung leisten kann, welche Restrukturierungen angezeigt sind und inwiefern damit ein relevanter Beitrag zur Bewältigung des Fachkräftemangels im Zuge des demografischen Wandels geleistet werden kann.

Kurzbiografie der Referierenden:
Sebastian Brandl, Professor für Soziologie (Schwerpunkt Arbeitssoziologie und Sozialpolitik) an der HdBA Schwerin. Forschungsgebiete neben Q-E-BerEb: u.a. Interaktive Arbeit in Netzwerken, Beraterhandeln & Integration Langzeitarbeitsloser, Arbeit und Demografie.
Sven Wagner, Soziale Arbeit & Bildung M.A., wissenschaftlicher Mitarbeiter HdBA Schwerin (Q-E-BerEb). Zuvor seit 2015 als Arbeitsvermittler und Berufsberater bei der BA tätig. Arbeitsschwerpunkte: Übergänge in Ausbildung & Beruf sowie Unterstützung beim Berufseinstieg.
Ralph Conrads, Professor für Integration in Arbeit an der HdBA Mannheim. Forschungsgebiete neben der Begleitforschung zur Assistierten Ausbildung u.a. arbeitsplatznahe Lernformen, Konzepte der Arbeitsvermittlung und Transformation der Arbeitswelt.
Ian Grondey, Arbeitsmarktorientierte Beratung M.A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter HdBA Mannheim (AsA Begleitforschung). Zuvor seit 2017 als Arbeitsvermittler und Berufsberater bei der BA tätig.

Session V, Slot 3, Vortrag b: Maritime Berufe und ihre Wahrnehmung durch Jugendliche – Ergebnisse einer Interviewstudie und ihre Bedeutung für Unterricht und Beratung

Dr. Rebecca Lembke, Institut für Ökonomische Bildung Oldenburg
Prof. Dr. Tobias Wiemer, Universität Potsdam
Prof. Dr. Diederich Bakker, Hanze University of Applied Sciences
Kevin Berger, Universität Potsdam

Das Image einer Branche sowie die Vorstellungen junger Menschen über Berufe haben einen wichtigen Einfluss auf berufliche Orientierungsprozesse (vgl. Eberhard et al. 2009). Berufe in der maritimen Wirtschaft werden einerseits mit Internationalität, technischer Innovation und vergleichsweise attraktiven Einkommensmöglichkeiten assoziiert, andererseits aber auch mit langen Abwesenheiten von der Familie und physisch anspruchsvollen Tätigkeiten (vgl. Gundic. et al. 2025). Gleichzeitig ist das Wissen über die Vielfalt maritimer Tätigkeitsfelder, etwa in Hafenwirtschaft, Logistik oder maritimer Technologie, unter Jugendlichen häufig begrenzt (vgl. bdew 2024).

Nach dem Modell des Self-to-Prototype-Matching gehen Jugendliche bei der Beruflichen Orientierung implizit der Frage nach, inwiefern ihr Selbstbild mit dem wahrgenommenen Prototyp einer Berufsgruppe übereinstimmt (Hannover & Kessels 2002; Kessels 2015). Berufliche Interessen entstehen demnach besonders dann, wenn eine wahrgenommene Passung zwischen eigener Identität und den stereotypen Vorstellungen eines Berufsfeldes besteht. Umgekehrt können negative oder stereotype Berufsimages dazu führen, dass bestimmte Gruppen sich trotz vorhandener Fähigkeiten nicht mit einem Beruf identifizieren.

Vor diesem Hintergrund untersucht eine Interviewstudie innerhalb des deutsch-niederländischen Interreg-VIa-Projekts „Young Maritime Talents“, das junge Menschen für die maritime Branche begeistern und auf die beruflichen Anforderungen der Zukunft vorbereiten möchte, wie Schüler*innen aus Deutschland und den Niederlanden die maritime Branche wahrnehmen und welches Images sowie welche Assoziationen und beruflichen Vorstellungen sie mit maritimen Tätigkeiten verbinden. Vorstellungen stellen einen relevanten Faktor für Lernerfahrungen dar und werden nach Gropengießer (2008) als subjektive gedankliche Prozesse und Dispositionen verstanden, die Einfluss auf das Lernen und den Erwerb neuen Wissens haben. Sie werden von der Person selbst konstruiert, die sie in eine Lernsituation mit hineinbringen (vgl. Hammann/Asshoff 2015, 15).

Im konkreten Beitrag sollen die Ergebnisse dieser Studie mit deutschen und niederländischen Schüler*innen der Sekundarstufe I und II vorgestellt und diskutiert werden. Die beteiligten Schüler*innen wurden in problemzentrierten Einzel-Interviews mittels deduktivem Kategoriensystem befragt (vgl. Witzel 1985).

Kurzbiografie der Referierenden:
Dr. Rebecca Lembke leitet am An-Institut für Ökonomische Bildung der Universität Oldenburg das Projekt- und Wissenschaftsmanagement. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Berufliche Orientierung von Jugendlichen und die damit einhergehende Professionalisierung von Lehrpersonen.
Prof. Dr. Tobias Wiemer ist Professor für Technik und Technische Bildung an der Universität Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen berufliche Orientierung, Makerspaces und technische Kreativität sowie im Einsatz von Augmented Reality in der technischen Bildung.

Prof. Dr. Diederich Bakker ist Professor für International Business an der Hanze University of Applied Sciences, Groningen. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte liegen in europäischen Projekten zur interregionalen Zusammenarbeit mit dem Ziel, die Innovationskraft von Regionen zu stärken.

Session V, Slot 3, Vortrag c: Arbeitsmarktdrehscheiben als Weg zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit in der Transformation

Linda Heuer, Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB)
Emilie Dobrovolski, Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB)
Paul Malschinger, Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB)

Umfassende wirtschaftliche Umbrüche, Krisen, sowie Transformationsprozesse stellen Unternehmen in Deutschland zunehmend unter Handlungsdruck. Dabei gibt es sowohl Unternehmen, die von Schrumpfungsprozessen betroffen sind, als auch Unternehmen im Wachstum. In der Folge kommt es zu veränderten Kompetenzanforderungen in den Tätigkeiten von Arbeitnehmer:innen und notwendigen beruflichen Neuorientierungsprozessen.

In diesem Zusammenhang werden sogenannte „Job-to-Job“-Vermittlungsangebote, die Arbeitnehmer:innen beraten, einen schnellen Übergang ermöglichen und abgebende und aufnehmende Firmen miteinander verbinden, zunehmend von Bedeutung. Das hier vorgestellte Forschungsprojekt fokussiert sich auf Arbeitsmarktdrehscheiben (AMDS), die in Zusammenarbeit mit den Agenturen für Arbeit angeboten werden. Ziel ist es, abgebende Unternehmen mit suchenden Unternehmen in Kontakt zu bringen, um die Jobsuche von Arbeitnehmer:innen zu unterstützen. Die AMDS stellen somit eine besondere Angebotsform der beruflichen Orientierung für Betroffene hochskaliger Umstrukturierungen dar.

Im Rahmen eines Evaluationsprojektes untersuchen wir die praktische Umsetzung der AMDS, mit besonderem Blick auf die funktionale Analyse im Sinne von Robert Merton (1968) funktionale und dysfunktionale Praktiken sowie deren Folgen und beleuchten Fragestellungen wie: Welche Erfolgsfaktoren lassen sich für gelingende Drehscheiben finden? Wie beeinflussen Arbeitsmarktdrehscheiben die berufliche Orientierung von teilnehmenden Arbeitnehmer:innen?

Das Forschungsprojekt ist als Mixed-Method-Studie angelegt. Die qualitativ explorative, auf regionalen Fallstudien basierende Evaluation der Drehscheiben für Agenturen, Unternehmen und Beschäftigte wird mit einer quantitativen Befragung von Agenturmitarbeitenden zur praktischen Umsetzung der Drehscheiben verbunden. Im Rahmen der Jahrestagung möchten wir erste Ergebnisse der Feldphase vorstellen und das Projekt mit Wissenschaftler:innen und Beratungsfachkräften diskutieren.

Kurzbiografie der Referierenden:
Linda Heuer studierte bis 2023 Sozialpolitik an der Universität Bremen. Seit Oktober 2023 promoviert sie im Fachbereich Sozialwissenschaften an der FAU Nürnberg und am IAB.  Ihre Forschungsschwerpunkte sind Berufsaspirationen von Jugendlichen sowie Berufsberatung im Erwerbsleben.
Emilie Dobrovolski studierte bis 2022 Soziologie an der FAU Erlangen-Nürnberg. Seit 2025 promoviert sie im Fachbereich Soziologie an der FAU und am IAB. Ihre Forschungsschwerpunkte sind prozess- und erfahrungsorientierte Migrationsforschung.

Session V, Slot 4, Workshop: Brückenbau auf beweglichem Boden: Personzentrierte Übergangsbegleitung für Jugendliche mit Förderbedarf

Paul Feitler, Agence pour la transition vers uni vie autonome, Luxembourg
Michèle Schmitz, Agence pour la transition vers uni vie autonome, Luxembourg
Fabrice Kerg, Maison de l’orientation, Luxembourg

Wir sprechen gern vom „Brückenbauen“, wenn es um berufliche Übergänge geht – als gäbe es zwei feste Ufer: hier die Schule, dort der Arbeitsmarkt. Diese Metapher suggeriert Stabilität, Planbarkeit und ein klar definiertes Ziel. Unter Bedingungen wachsender Unsicherheit verliert dieses Bild jedoch an Tragfähigkeit. Anforderungen verändern sich, Berufsbilder wandeln sich, Bildungswege verlaufen nicht mehr linear. Oft ist nicht eindeutig, von welchem Ausgangspunkt aus und in welche Richtung gebaut werden soll.

Diese Dynamik zeigt sich besonders deutlich in Luxemburg. Der Standort ist geprägt von institutionalisierter Mehrsprachigkeit, starker Internationalisierung, einem hohen Migrationsanteil sowie einem dynamischen Arbeitsmarkt. Diese Konstellation macht Luxemburg zu einem „Labor für Transformation“. Aus unserer Perspektive entsteht der Eindruck, dass sich Entwicklungen, die in vielen anderen Kontexten ebenfalls zu beobachten sind, hier in verdichteter Form zeigen.

Für junge Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf oder Behinderung entstehen unter diesen Bedingungen zusätzliche Herausforderungen. Mehrsprachigkeit eröffnet berufliche Chancen, wirkt jedoch zugleich als potenzielle Zugangshürde. Übergänge sind daher nicht nur fachliche Entscheidungen, sondern komplexe Aushandlungsprozesse zwischen individuellen Ressourcen, sprachlichen Anforderungen und institutionellen Rahmenbedingungen.

Im Zentrum des Beitrags steht die Agentur für den Übergang in ein autonomes Leben (ATVA), eine spezialisierte Einrichtung, die junge Menschen aus den Kompetenzzentren im Übergang von Schule in Ausbildung und Arbeit begleitet. Die ATVA verbindet personzentrierte Ko-Konstruktion mit stabilisierender Begleitung in Übergangssituationen und enger Kooperation mit Schulen, Betrieben sowie dem Ministerium für Bildung, Kinder und Jugend.

Der personzentrierte Ansatz verschiebt den Fokus konsequent: Nicht das Ziel steht am Anfang, sondern die Person mit ihren Erfahrungen, Ressourcen und Perspektiven. Kontinuität wird nicht vorausgesetzt, sondern im Beratungsprozess entwickelt. Wenn der Boden unsicher ist, geht es weniger darum, eine starre Brücke zu errichten, als darum, tragfähige Pfeiler zu setzen. Diese Pfeiler bestehen in Orientierung, Selbstwirksamkeit und realistischen nächsten Schritten. Berufliche Wege verlaufen selten geradlinig – und genau darin liegt eine professionelle Haltung der ATVA: „Umwege erhöhen die Ortskenntnisse.“ Brüche und Neuansätze werden nicht als Scheitern interpretiert, sondern als Bestandteil eines Lern- und Orientierungsprozesses, der Handlungsfähigkeit stärkt.

Im Praxisworkshop werden diese Überlegungen anhand einer Fallvignette aus der Übergangsbegleitung konkretisiert. Die Teilnehmenden analysieren in Kleingruppen typische Unsicherheiten und entwickeln mögliche „Pfeiler“ zur Stabilisierung von Übergängen. Anschließend werden diese mit der Vorgehensweise der ATVA gespiegelt und hinsichtlich ihrer Übertragbarkeit auf andere Kontexte diskutiert.

Der Beitrag zeigt, wie personzentrierte Übergangsbegleitung dazu beitragen kann, unter Bedingungen wachsender Unsicherheit Orientierung zu schaffen und junge Menschen dabei zu unterstützen, ihren eigenen Weg handlungsfähig zu gestalten. Wenn der Boden unsicher ist, entscheidet nicht die perfekte Brücke über gelingende Übergänge – sondern die tragfähigen Pfeiler, die junge Menschen handlungsfähig halten.

Session V, Slot 5, Workshop: Berufsberatung in digitalen Zeiten – Was bleibt von persönlicher Beratung?

Petra Ohlenforst, Kundenkernprozess Beschäftigte, Bundesagentur für Arbeit
Tanja Pinnisch, Kompetenz Center Beruf und Transformation der Arbeitswelt, Bundesagentur für Arbeit

Der Workshop beleuchtet die Rolle professioneller Beratung (vgl.  „Professionelles Verständnis von (beruflicher) Beratung“, BeKo Grundlagenpapier, S. 22ff) im Kontext der digitalen Transformation. Ziel ist es, Orientierung, Sicherheit und eine fachliche Positionierung zum Thema zu erarbeiten.

Im Zentrum des Workshops steht die Frage nach dem Kern professioneller Beratung: Was macht Beratung wirksam (vgl. „Qualitätssicherung anhand von Wirkungskriterien“ BeKo Grundlagenpapier, S.29ff), und welches Alleinstellungsmerkmal haben Beratende gegenüber KI? Die Teilnehmenden reflektieren, wo digitale Technologien Beratungs- und Orientierungsprozesse sinnvoll unterstützen können und wo ihre Grenzen liegen. Dabei werden zentrale Aspekte professioneller Beratung betrachtet (vgl. „Handlungsprinzipien der Beratung in der BA“, BeKo Grundlagenpapier, S. 33ff), etwa Beziehungsgestaltung und Vertrauensaufbau, der Umgang mit Ambivalenz und Entscheidungsunsicherheiten, Werteklärung sowie die Förderung von Motivation und Selbstwirksamkeit (vgl. „Fachlicher Bezugsrahmen für die Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung“, BeKo Grundlagenpapier, S. 48ff)

Darauf aufbauend wird diskutiert, wie digitale Tools sinnvoll und verantwortungsvoll in Beratungsprozesse integriert werden können und wie Beratende Handlungssicherheit im Umgang mit neuen Technologien entwickeln.

Der Workshop schließt mit einem Transfer in die Praxis: Die Teilnehmenden reflektieren, welche Impulse sie konkret für ihre eigene Beratungspraxis mitnehmen.

Kurzbiografie der Referierenden:
Petra Ohlenforst als Vertreterin des Kundenkernprozess für Beschäftigte (BBiE) der Zentrale der BA
Tanja Pinnisch als Vertreterin des Koordinierungskreises BeKo innerhalb der Zentrale der BA.

15:30-16:00 Uhr Verabschiedung/ Ausblick auf die Jahrestagungen 2027

16:30 Uhr           Ende der Tagung