Luis Quintero / Pexels

15. / 16. September 2022: Fachtagung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

sowie

Verleihung des Josephine-Levy-Rathenau-Preises

Von der Kita bis zum Un-Ruhestand

– Berufliche Orientierung im Lebensverlauf –

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Gemeinsame Veranstaltung von
Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung e. V. (dvb)
Institut für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg (IÖB)
Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

In Theorie und Praxis der beruflichen Orientierung und Beratung haben sich neue Handlungsfelder und -formen entwickelt, die die Orientierung zu Bildung und Beruf als ein lebensbegleitendes Thema aufgreifen. Diese spielt überall dort eine Rolle, wo es um die kontinuierliche und nachhaltige Entwicklung der Einzelnen in der Gesellschaft geht. Die Berufliche Orientierung beginnt bereits implizit in der frühkindlichen Bildung und setzt sich fort in Schule, Ausbildung, Hochschule und allen Teilen der beruflichen und allgemeinen Weiterbildung für alle Bevölkerungsgruppen bis in die Zeit des Ruhestandes.

Zielgruppen der Tagung

Die Tagung richtet sich an Lehr- und Beratungskräfte aus verschiedensten Organisationen und Zusammenhängen (Schulen, Bildungsträger, Hochschulen, Arbeitsagenturen, Jobcenter, Beratungsstellen verschiedener Träger, Betriebe u. a.) sowie Personen aus der Wissenschaft.

Sie können sich bis einschließlich 15.08.2022 zur Tagung anmelden.

Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme!

dvb-Bildmarke (Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung e.V.)

Rainer Thiel
Bundesvorsitzender des Deutschen Verbandes für Bildungs- und Berufsberatung e. V.

Prof. Dr. Rudolf Schröder
Professor mit dem Schwerpunkt Berufliche Orientierung am Institut für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg

Prof. Dr. Bernd-Joachim Ertelt
Professor für Wirtschaftspädagogik und Beratungswissenschaften an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit

Programm

Donnerstag, 15. September 2022

09:00 Uhr: Pre-Conference

Erasmus+-Projekt GUIDING SCHOOLS: Workshops für Lehrerinnen und Lehrer

(gesonderte Anmeldung über Dr. Ingo Blaich ingo.blaich@dvb-fachverband.de

12:30 Uhr: Anmeldung zur Haupttagung, Meet & Greet

13:30 Uhr: Begrüßung und Eröffnung

Prof. Dr. Ralph Bruder
Präsident der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Rainer Thiel
Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung e.V. (dvb), Bundesvorsitzender

Prof. Dr. Rudolf Schröder
Institut für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg (IÖB)

Prof. Dr. Bernd-Joachim Ertelt
Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

14:00 Uhr: Keynote

Von der Berufswahl zur Gestaltung der Erwerbsbiographie: Berufliche Orientierung als lebensbegleitendes Thema

Prof. Dr. Rudolf Schröder
Institut für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg (IÖB)

14:45 Uhr: Pause

15:00 Uhr: Workshops oder Vorträge in 9 parallelen Veranstaltungen

Zeitschiene 1: Workshops

Download: Programmübersicht

Workshop 1.1

Der TalentKompass NRW: lebenslanger Begleiter bei der beruflichen Orientierung

Susanne Knorr, Life-Work-Design Akademie Jülich

Der Workshop zielt darauf ab, den 5-schrittigen Prozess des TalentKompasses (Fähigkeiten erkennen, Interessen einschätzen, Kompass zusammenfügen, Ideen entwickeln, Ziel formulieren und erste Schritte planen) mit seinen 6 Feldern als strukturierte Grundlage für jegliche (nach)berufliche Orientierung in jeder Lebensphase und für jede Zielgruppe erfahrbar und nutzbar zu machen.

Die 6 Kernfragen „Wie bin ich gerne?“, „Was tue ich gerne?“, „Welches Wissen nutze ich gerne?“, „Wie wünsche ich mir mein berufliches Umfeld?“, „Für welche Werte stehe ich?“ und „Welche Themengebiete interessieren mich?“ sind relevant bei jeder (nach)beruflichen Orientierung. Die persönlichen Antworten liefern die Grundlage für mögliche berufliche Tätigkeiten, Ausbildungs- oder Studiengänge und ehrenamtliche Betätigungsfelder.

Nach einer kurzen Einführung in die Systematik des Instruments, das vom Arbeitsministerium des Landes NRW mit finanzieller Unterstützung des Landes NRW und des Europäischen Sozialfonds veröffentlicht und von der Stiftung Warentest als Verfahren zur Kompetenzbilanz besonders empfohlen wurde, können die Teilnehmenden in Kleingruppen die Felder anhand ausgewählter Übungen selbst durchlaufen und die Wirkung erleben.

Die Vorstellung der Übungen und Erfahrungen im Plenum gewährleistet den Transfer. Alle Teilnehmenden können dadurch das Ineinandergreifen der Felder, den kompletten Ablauf einer Beratung, eines Coachings oder Workshops nach dem Gerüst des TalentKompasses und den Nutzen des Instruments nachvollziehen.

Workshop 1.2
Reflexion im Berufswahlprozess – notwendig und sehr herausfordernd?!

Dr. Claudia Kalisch, Lisa-Marie Pilz, Universität Rostock
Dr. Christof Nägele, Christine Hoffelner, Fachhochschule Nordwestschweiz

Bei der Berufswahl handelt es sich um einen komplexen, lebensbegleitenden Lern- und Entwicklungs­prozess, für dessen Bewältigung reflexive Fähigkeiten von zentraler Bedeutung sind. Diese helfen, unterschiedliche Eindrücke zu verarbeiten, Ziele zu entwickeln und Entscheidungen vorzubereiten. Die Förderung von Selbstreflexionsfähigkeit und der Auf- und Ausbau von Selbstwissen zählen daher zu den wesentlichen Aufgaben von Beruflicher Orientierung. Dennoch gibt es sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz nur wenige BO-Angebote, die hierauf einen besonderen Fokus legen.

In diesem Workshop werden zwei Projekte vorgestellt, die dieses Desiderat angehen:
(1) Digitale Begleitung im Berufswahlprozess (digibe, www.digibe.ch/) und (2) Selbsterkundung und Förderung individueller Entscheidungen in der schulischen Berufsorientierung mit „Mission ICH“ (www.zlb.uni-rostock.de/themen-projekte/selfie). In beiden Vorhaben wurden BO-Materialien für Schüler*innen der 7. bis 9. Jahrgangsstufe entwickelt, die die Jugendlichen zur Selbstreflexion anregen sollen.

Die Entwickler*innen-Teams setzen sich zudem selbstkritisch mit der Frage auseinander, inwiefern BO- und Selbstreflexionsangebote ein nicht (immer) haltbares Versprechen auf individuelle Selbst­bestimmung geben, die Maxime nach kontinuierlicher Selbstoptimierung (vgl. u.a. Eulenbach 2016) forcieren und Ursachen für Misserfolge eher auf individueller statt auf struktureller Ebene suchen.

Der Workshop bietet, neben einem Einblick in die Projekte und erläuternden Ausführungen zu der genannten Fragestellung, einen Austausch unter den Teilnehmer*innen: Welche Erfahrungen werden mit strukturellen Hürden (z.B. Benachteiligung bestimmter Zielgruppen) gemacht? Wie lässt sich Empowerment in der Beruflichen Orientierung umsetzen, und welche Grenzen zeigen sich? Inwiefern kann (Selbst-) Reflexion helfen, mit Misserfolgs- und Scheiternserfahrungen umzugehen? Wie können derartige Reflexionsprozesse aussehen?

Geplanter Ablauf: Impulsreferate von ca. 10 Min.; moderierte Gruppendiskussionen anhand von Beispielen aus der Praxis der Referent*innen und der Teilnehmenden.

Literatur:
Forßbohm, D. (2015). Berufswahl als Entscheidung. Zur Entwicklung eines Modells von der Berufswahl. bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, 27, 1–20. Verfügbar unter: http://www.bwpat.de/ausgabe27/forssbohm_bwpat27.pdf [30.03.2019].
Fuchs-Bründinghoff, E. (2010). Selbsterkenntnis als Wegmarke bei der Identitätsfindung. In Ursula Sauer-Schiffer & Tim Brüggemann (Hrsg.), Der Übergang Schule-Beruf. Beratung als pädagogische Intervention (S. 113–130). Münster: Waxmann.
Kalisch, C.; Kley, S. & Prill T. (2020). Selbsterkundung und Förderung individueller Entscheidungen in der Beruflichen Orientierung: Neukonzeption des Potenzialanalyse-Ansatzes. In: Katja Driesel-Lange, Ulrike Weyland & Birgit Ziegler (Hrsg.). „Berufsorientierung in Bewegung“. Themen, Erkenntnisse und Perspektiven. ZBW-Beiheft 30; Stuttgart. S. 155-168.
Mayer, R.; Thompson, C. (2013): Inszenierung und Optimierung des Selbst: Eine Einführung. In: Ralf Mayer; Christiane Thompson; Michael Wimmer (Hrsg.): Inszenierung und Optimierung des Selbst: Zur Analyse gegenwärtiger Selbsttechnologien. Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 7-28

Workshop 1.3
Orientierungsprojekte für eine Nachhaltige Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft

Monika Pieper, Energie Impuls OWL e.V

Der gemeinnützige Verein Energie Impuls OWL und seine 100 Mitgliedsunternehmen mit besonderem Engagement für Erneuerbare Energien, Kreislaufwirtschaft oder Klimaschutz treten tritt seit über 20 Jahren an, (auch) die junge Generation für die Nachhaltigkeits-Transformation zu befähigen.

Deshalb bieten wir zum Thema: Nachhaltigkeit und Berufliche Orientierung einen Workshop an: Welche Impulse kann Berufliche Orientierung und Beratung im Sinne der UN-Nachhaltigkeitsziele geben? Was macht Bildungs- und Berufsentscheidungen in diesem Sinne tragfähig?

Die Erfahrung der Selbstwirksamkeit für die Zukunftsgestaltung (im Sinne der SDGs) steht im Mittelpunkt der teils spektakulären Projekte zur Berufsorientierung junger Menschen. Dabei erleben die Schüler*innen zwischen 8. und 13. Klasse die Unternehmen in ihrer direkten Nachbarschaft als „Spielwiese“ bzw. Realisierungswerkstatt ihrer eigenen Zukunftsideen. Nicht das Zuschauen, sondern das gemeinsame, kollegiale Arbeiten der Schüler*innen an einem selbsterdachten Projekt mit Azubis, Fachleuten, Ingenieur*innen, Studierenden im Betrieb erschließt die Perspektiven der Berufswelt. Interessen und Neigungen erhalten eine Konkretisierung in den erlebten Menschen- und Berufsfeldern. Die Projekte sind i.d.R. Gemeinschaftsprojekte von Energie Impuls OWL mit dem VDI OWL, den regionalen Agenturen für Arbeit und engagierten Kooperationsunternehmen.

In einem Workshop wollen wir unsere Erfahrungen verfügbar machen und die Expertise der Teilnehmer*innen für Weiterentwicklungen nutzen.

1) Vorstellung der Projekte und Erfahrungen, Projektleitung u. ehem. Teilnehmer*innen

2) Konstruktive Kritik am Projekt durch die Workshopteilnehmer*innen

3) Inhaltlich-pädagogische Verbesserungsoptionen?

4) Durchführbarkeit verbessern / rationalisieren!

5) Welche elementaren Bausteine lassen sich in den eigenen Handlungszusammenhängen der Workshop-TN (Schule, Hochschule, Betrieb, Agentur etc.) verwenden oder weiterentwickeln?

6) Wie lassen sich solche praktischen Projekte noch besser verbinden mit Diversity-Zielen, Zugewanderten, Geflüchteten, Kulturunterschieden, Ruheständler*innen, Maker-Bewegung, Fridays for Future, VDI Zukunftspiloten u.v.m.?

Workshop 1.4
Klarheit und Weitsicht – Vorteile einer Standortbestimmung im Kontext beruflicher Beratung

Angelika Teske-Letzsch, Dipl.-Psychologin, Laufbahnberaterin ZML

Egal wo ich mich gerade auf meiner Reise durch das Leben befinde, ob ich berufliche Entscheidungen treffen will, ob ich auf familiäre Entwicklungen reagieren muss oder ob äußere Ereignisse mein Leben beeinflussen, es ist immer hilfreich zu wissen, „wo“ ich gerade bin.

Was ist aktuell für mich wichtig und im Vordergrund, woraus ziehe ich Energie, und was kostet mich Kraft? Was möchte ich entwickeln und was lieber loslassen? Welche Zukunftsbilder habe ich und was strebe ich an? Angelehnt an den Satz von Archimedes steht der Workshop unter dem Motto: „Gib mir Klarheit über meinen Standort, und ich hebe die Welt aus den Angeln.“

Im Workshop wird der Nutzen einer Standortbestimmung im Kontext beruflicher Beratung verdeutlicht. Durch das Ausprobieren verschiedener Methoden entwickeln die Teil­nehmer*innen exemplarisch ein Bild von ihrer eigenen persönlichen Situation und ihrem aktuellen Standort und lernen dadurch die Aspekte einer Standortbestimmung und deren innere Kohärenz kennen. Die erlernten Methoden können in den Rahmen der eigenen Beratungstätigkeit integriert werden.

1) Inhalte: Input/ Vortrag zum Nutzen einer Standortbestimmung im Kontext beruflicher Beratung.

2) Aspekte der Standortbestimmung

3) Methoden der Standortbestimmung

  • Situationsanalyse
  • Wertearbeit
  • Zukunftsbild

Zeitschiene 1: Vortragspanels

Download Programmübersicht

Vorträge 1.5: Europäischer Kontext

Erasmus+ Projekt European Mentorship Programme
Berufliche Orientierung in der Großregion F/D/
Lux/B

1) Erasmus+ Projekt “EMP” – European Mentorship Programme: Ein internationales Projekt mit einem Austausch zwischen Deutschland und Schweden mit Berufs­orientierungsprogramm

Kathrin Korte, Markus Winter, Clemens-August-Gymnasium Cloppenburg

Das auf zwei Jahre angelegte Projekt zwischen dem Clemens-August-Gymnasium in Cloppenburg und der Calmare Internationella Skolan in Kalmar, Schweden, soll Schüler*innen helfen, sich ein realistisches Bild davon zu machen, was sie nach der Schule erwartet. Dies ist vor allem durch Erfahrung und Kontakt mit Menschen möglich. Den Schüler*innen werden ihren Interessen entsprechende Mentor*innen in Deutschland und Schweden zugeordnet, denen sie an ihrem Arbeitsplatz begegnen und mit denen sie während des Projekts in Kontakt bleiben, um Einblicke in die spezifische Arbeitswelt zu erhalten. Die Mentor*innen kommen für eine möglichst große Vielfalt aus ganz unterschiedlichen Berufsfeldern und dazu noch aus verschiedenen Ländern. Während es im ersten Jahr um allgemeine Voraussetzungen und Ausbildung geht, liegt der Fokus im zweiten Jahr auf beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten.

Ziel ist es, Informationen über die Betriebe und die Berufe im Allgemeinen zu sammeln und die Ausbildungsbedingungen und -möglichkeiten in den jeweiligen Ländern zusammenzustellen und sie auch anderen Schüler*innen zur Verfügung zu stellen.

Zielgruppe des Projekts sind Schüler*innen zwischen 16 und 18 Jahren, die kurz vor dem Abschluss ihrer Schullaufbahn und damit vor dem Übergang in die Berufswelt stehen, oder die sich in der Oberstufe für eine Profilrichtung entscheiden müssen.

Die Aktivitäten im Partnerland sind der Kern des Projekts, da hier durch Austausch mit den Partner*innen und dem Besuch von Betrieben die stärksten Effekte zu erwarten sind.


2) Berufliche Orientierung im Bereich von Individualität und Markt am Beispiel der Großregion zwischen Frankreich, Deutschland, Luxemburg, Belgien

Nils Grützner, Leiter des Zentrums für Berufliche Orientierung am Landesinstitut für Pädagogik und Medien, Saarland

In meinem Bericht aus der Arbeit im Interreg Programm Sesam´GR zur grenzüberschreitenden beruflichen Orientierung stelle ich zum einen die Handreichung „Berufliche Orientierung in der Großregion“ vor, als auch das Handbuch „Grenzüberschreitende Praktika in der Großregion“.

Die Handreichung zur beruflichen Orientierung ist in einer transnationalen Arbeitsgruppe mit Experten zur beruflichen Orientierung in den Regionen Department Metz (Fr), Saarland (D), Rheinland-Pfalz (D) Luxemburg, und der Wallonie (Be) entstanden.  Zielsetzung der Handreichung und somit auch meines Vortrags ist es zu zeigen, welche gemeinsamen Schwerpunkte die beruflichen Orientierungskonzepte der verschiedenen Partnerländern haben.  Hierfür haben wir eine Gegenüberstellung der jeweiligen regionalen und nationalen Berufsorientierungskonzepte erarbeitet. Diese zeigt zum einen die Vergleichbarkeit der Berufs­orientierungs­konzepte, gleichzeitig werden auch die Unterschiede in den jeweiligen Konzepten deutlich. Bei der Bearbeitung transnationaler beruflicher Orientierung sind insbesondere Synergien in den beruflichen Orientierungskonzepten von besonderer Bedeutung. Zusätzlich zu unserer Matrix zu zentralen Bereichen der beruflichen Orientierung haben wir in unserer Handreichung besondere „Beste Praxisbeispiele“ zu den BO-Schwerpunkten herausgestellt. Die Auswahl dieser Beispiele konzentriert sich nicht auf die besondere Einmaligkeit der BO-Konzepte, sondern zeigt deutlich, welche Ansatzpunkte für eine erweiterte und vertiefte Zusammenarbeit bestehen und wie ähnlich die Anstrengungen zur beruflichen Orientierung in den verschiedenen Ländern betrieben werden.

Wichtig für die berufliche Orientierung in Grenzregionen ist das Verständnis der Grenzregion als besonderes Potenzial zur beruflichen Entfaltung. Die verschiedenen Aus- und Weiter­bildungs­systeme der Partnerländer bilden hierbei eine besondere Spielwiese zur persönlichen Entfaltung junger Menschen. Aufgabe ist es hierbei, deutlich zu machen, dass das Leben in einer Grenzregion nicht ein Leben am Rande eines Landes, sondern ein Aufwachsen in der Mitte Europas und somit in kultureller und wirtschaftlicher Vielfalt und damit auch perspektivischer Vielfalt bedeutet. Diese Möglichkeiten sollen jungen Menschen durch die Anstrengung zur beruflichen Orientierung in der Großregion deutlich werden. Hierfür entstand im Rahmen von Sesam´GR neben der Synopse der Bildungssysteme auch ein Handbuch zu grenzüberschreitenden Praktika. Dieses Handbuch soll in diesem Vortrag ebenfalls kurz vorgestellt werden. Es bietet neben einer Vielzahl von Informationen auch praktische Anregungen, die für die Organisation von Praktika im Allgemeinen, wie auch im interkulturellen Raum im Besonderen hilfreich sind. Dieses Handbuch wie auch die Handreichung zu den Berufsorientierungssystemen sind durchgängig zweisprachig gehalten. Ein Teil des Handbuchs zu grenzüberschreitenden Praktika ist eine zweisprachige Praktikums­dokumentation. Sie kann wie alle anderen Arbeitsmaterialien auch sowohl für grenzüber­schreitende Praktika als auch für die Vor- und Nachbereitung von Praktika vor Ort auf sprachsensible Weise im Rahmen von beispielsweise bilingualem oder fremdsprachlichem Unterricht verwendet werden.

Vorträge 1.6: Vor einem Studium

Interesse und Studienwahl – Eine kritische Analyse
Oja! – Orientierungsjahr Ausbildung und Studium

1) Interesse und Studienwahl- Eine kritische Analyse

Tillmann Grüneberg, DEEP Potentiale, Esslingen

In der Berufswahlforschung, sowie in der Beratungspraxis, nimmt das Persönlichkeitstypenmodell von Holland (1997) eine zentrale Stellung ein (vgl. Tarnai 2015). Fälschlicherweise wird dieses RIASEC-Modell oft verkürzt als Interessenmodell bezeichnet. Es inkludiert jedoch auch weitere Aspekte wie ein Begabungs-/Kompetenzselbstkonzept und Werteinstellungen (vgl. Krapp & Üstünsöz-Beurer 2020), sodass z.B. die Differenzierung zwischen Begabung und Interesse schwerfällt (vgl. Rysiew et al. 1999). Zentrale Modellannahmen wie die Konsistenz und Differenziertheit des Profils als Indikatoren u.a. für Beratungsbedarf, sind Gegenstand anhaltender Kritik (vgl. Rolfs 2001). Anhand eines umfangreichen Datensatzes aus dem Studifinder NRW (N= 2234), dem Vorgänger des Check-U Tests der Bundesagentur für Arbeit, welcher sowohl einen RIASEC-Test, wie auch Verfahren zur Erfassung von thematischen Neigungen und Fächer­präferenzen, sowie einen Leistungstest enthält, soll das Konstrukt einer kritischen Prüfung aus theoretischer und praktischer Sicht unterzogen werden. Im Vortrag werden verschiedene Operationalisierungen der Differenziertheit von Profilen verglichen und statistische Zusammen­hänge mit Neigungen, Fächerpräferenzen, Begabung und anderen Selbst­einschätzungen zur Persönlichkeit (z. B. Motiven) aufgezeigt. Ergänzt wird die Analyse durch Ergebnisse einer eigenen Onlinebefragung mit Studierenden (N=414), in welcher vor allem die I-Dimension (forschender Typ) kritisch in Bezug auf den angestrebten Beruf untersucht wird. Darüber hinaus werden dort ebenfalls Zusammenhänge zwischen RIASEC und thematischen Interessen betrachtet. Beide Analysen bestätigen zentrale Annahmen des Modells, zeigen jedoch auch Lücken auf, die den praktischen Nutzen, z. B. in der Studienberatung, erheblich beeinflussen. Aus diesem Grund endet der Beitrag mit einem Vorschlag für eine stärker gegenstands- und tätigkeitsbezogene Erfassung von Interessen, welche dem eigentlichen Interessensbegriff näherkommen soll.


2) O ja! – Orientierungsjahr Ausbildung und Studium

Birgitta Kinscher, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
Franziska Heckel,
Handwerkskammer Berlin

Berufliche Orientierung an Hochschulen in einem institutionsübergreifenden Ansatz zu vermitteln, der parallel die berufliche und akademische Ausbildung in den Blick nimmt, ist das Anliegen des „O ja! Orientierungsjahres Ausbildung und Studium “, das im Frühjahr 2020 erstmalig in Berlin gestartet ist. Das Orientierungsjahr ist ein gemeinsames Projekt der Handwerkskammer Berlin und der Hochschule für Technik und Wirtschaft und fokussiert inhaltlich auf Studien- und Ausbildungsoptionen im Bereich Energie, Technik, Digitalisierung und Umwelt. Das gemeinsam entwickelte und umgesetzte Curriculum umfasst fachliche Kompetenzen aus dem MINT-Bereich, übergreifende Schlüsselkompetenzen sowie Module der Berufs- und Studienorientierung (inkl. Betriebspraktika). Integraler Bestandteil ist die persönliche Beratung und das Coaching, denen eine zentrale Rolle für einen gelingenden Orientierungs- und Entscheidungsprozess beigemessen wird. Dabei liegt der Fokus auf der Befähigung der Teilnehmenden, erfahrungsbasierte Entscheidungen zu treffen, die ihren persönlichen Fähigkeiten und Neigungen entsprechen.

O ja! ist Teil des BMBF-geförderten Verbundvorhabens „Verzahnte Orientierungsangebote zur beruflichen und akademischen Ausbildung – VerOnika“, an dem neben Berlin die Hochschule Karlsruhe und die IHK Karlsruhe sowie die Hochschule Darmstadt beteiligt sind und welches von der FernUniversität Hagen wissenschaftlich begleitet wird.

Vorträge 1.7: In der Schule – Anforderungen und Herausforderungen

Mind the Gap: Anforderungen an eine gelingende BO
Interventionsstudie – Anerkennungssensible BO
Warum Berufe nicht gewählt werden

1) Mind the Gap: Anforderungen an eine gelingende Berufsorientierung

Christoph Krause, ABBO -Allianz für berufliche Bildung in Ostbayern/Hochschule der Bundesagentur für Arbeit

Berufliche Orientierung ist ein hochgradig individueller Prozess, in welchem persönliche Dispositionen auf exogene Anforderungsspezifikationen treffen. Sich zu orientieren, heißt hierbei, selbstgesteuert und explorativ einen Lern- und Entwicklungsprozess zu durchlaufen, in welchem individuelle und gesellschaftliche Handlungsanforderungen durch die Jugendlichen erkannt, reflektiert und bewältigt werden (vgl. Ohlemann 2021; Driesel-Lange 2020). Notwendige für eine gelingendes (weil konstruktives) Lernen ist hier ein ganzes Portfolio an Kompetenzen, die auf diese Gelingensbedingungen abzielen: Selbststeuerung sowie explorative Erfahrungs- und Reflexionsprozesse.

Im Vortrag werden Kriterien für die Gestaltung erfolgreicher Berufsorientierungs­maßnahmen mit dem Fokus auf Dimensionen des Thüringer Berufswahlkompetenz­modells (Driesel-Lange et al. 2010) vorgestellt: Im Fokus steht die Förderung der Motivation und Handlungskompetenz Jugendlicher. Aufgezeigt werden soll, wie bei der Ausgestaltung von Maßnahmen beruflicher Orientierung individuelle Entwicklungs- und Lernprozesse ermöglicht werden können, die dann selbstgesteuert durchlaufen werden, konkrete Erfahrungen ermöglichen und insofern eine subjektive Reflexion fördern. Diskutiert wird der Entwurf eines Kriterienrasters, das einen Ausblick auf zukünftige Anforderungen an gelingende Berufsorientierungsmaßnahmen gibt.

Literatur:
Driesel-Lange, Katja; Hany, Ernst; Kracke, Bärbel, Schindler, Nicola (2010): Berufs- und Studienorientierung. Erfolgreiche zur Berufswahl. Ein Orientierungs- und Handlungsmodell für Thüringer Schulen. Materialien-Nr. 165. Link: https://www.schulportal-thueringen.de/web/guest/media/detail?tspi=2049
Driesel-Lange, Katja; Weyland, Ulrike & Ziegler, Birgit (Hrsg.) (2020): Berufsorientierung in Bewegung. Themen, Erkenntnisse und Perspektiven. Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik- Beiheft. Band 30. Franz Steiner Verlag. Stuttgart.
Ohlemann, Svenja (2021): Berufliche Orientierung zwischen Heterogenität und Individualisierung. Beschreibung, Messung und Konsequenzen zur individuellen Förderung in der Schule. Springer VS. Wiesbaden.


2) Interventionsstudie – Anerkennungssensible Berufsorientierung

Sevil Mutlu, Stephanie Oeynhausen, Birgit Ziegler, Janina Beckmann, Dr. Mona Granato, Philip Herzer, Technische Universität Darmstadt, Institut für Allgemeine Pädagogik und Berufspädagogik Berufspädagogik und Berufsbildungsforschung

Wenngleich viele BO-Maßnahmen für Jugendliche angeboten werden (vgl. Brüggemann & Rahn 2020, Sommer & Rennert 2020), ist die empirische Evidenz zur Wirksamkeit von BO-Angeboten bislang sehr begrenzt. Eine Interventionsstudie, gemeinsam vom BIBB und der TU Darmstadt konzipiert und durchgeführt, setzt hier an. Ausgehend von der Annahme, dass Jugendliche in ihren Entscheidungen maßgeblich davon beeinflusst sind, zu welchen Berufen sie Zustimmung im sozialen Umfeld erwarten, wurde ein Workshop konzipiert (Oeynhausen & Mutlu, im Druck). Jugendliche werden anregt und ermutigt, ihr Bedürfnis nach sozialer Anerkennung in ein reflektiertes Verhältnis zu anderen Bedürfnissen zu setzen. Spielerische Werkzeuge und Methoden laden die Teilnehmenden ein, ihre eigenen Geschlechter- und Prestigestereotypen zu diskutieren und dabei zu reflektieren, wie diese ihre beruflichen Aspirationen beeinflussen. Das „automatische“, weitgehend unbewusste Verhalten in Bezug auf den Ausschluss von Berufen soll unterbrochen und ein eher „reflexiv-kalkulierender“ Modus (Esser 2005) initiiert werden.

Eine zentrale Fragestellung ist, ob sich über den Workshop die Bereitschaft und Art, sich mit der eigenen Berufswahl auseinanderzusetzen, sowie Berufskonzepte und Aspirationen verändern.

Der Workshop wird seit Beginn des Schuljahres 21/22 in einem quasi-experimentellen Design untersucht. In der Treatmentgruppe sind drei (M1-M3) und in der Kontrollgruppe zwei (M1 und M3) Messzeitpunkte für die Schülerbefragung vorgesehen, und es werden Beobachtungen durchgeführt. Im Vortrag sollen die Konzeption des Workshops und erste Ergebnisse präsentiert werden.

Literatur
Brüggemann, T.; Rahn, S. (2020): Berufsorientierung. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. 2., bearbeitete und erweiterte Auflage (UTB).
Esser, H. (2005): Rationalität und Bindung – das Modell der Frame-Selektion und die Erklärung desnormativen Handelns. Mannheim: Universität Mannheim.
Oeynhausen, S & Mutlu, S. (im Druck): Berufsorientierungsangebote „anerkennungssensibel“ gestalten: Vorstellung eines innovativen Workshopkonzepts. Bonn: BIBB.
Sommer, J.; Rennert, C, (2020): Endbericht der wissenschaftlichen Begleitung zur Interventionsstudie Potenzialanalyse (ISPA).


3) Warum Berufe nicht gewählt werden und wie anerkennungssensible Berufsorientierung dazu beitragen kann, dies zu überwinden

Dr. Mona Granato, Stephanie Oeynhausen, Janina Beckmann, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Wenngleich in Deutschland eine große Vielfalt an Ausbildungsberufen und Studien­berufen existiert, konzentrieren sich die beruflichen Aspirationen junger Menschen auf relativ wenige Berufe (Mann u.a. 2020). Junge Frauen beispielsweise schließen häufiger Berufe aus dem MINT-Bereich von vorneherein aus – junge Männer häufiger Berufe im Pflegebereich. Dies trägt zur Vertiefung des Mismatchs zwischen beruflichen Bildungs­angeboten und der Bildungsnachfrage junger Menschen bei, wodurch ihre Übergangs­wege in qualifizierte Berufsarbeit, aber auch die betriebliche Fach­kräftesicherung erschwert werden. Dennoch gingen bislang relativ wenige Studien empirisch der Frage nach, warum das berufliche Aspirationsfeld junger Menschen so eingeschränkt ist. Der Vortrag vollzieht diesen Perspektivwechsel und fragt daher, warum Berufe nicht gewählt werden, und weniger, was Jugendliche motiviert, einen bestimmten Beruf zu ergreifen. Und auch: Warum es so schwer ist, junge Menschen von Alternativen zu überzeugen bzw. welche Bedeutung eine anerkennungssensible Berufsorientierung hat.

Auf der Grundlage einer empirischen Untersuchung bei Schüler*innen allgemeinbildender Schulen (9. und 10. Klasse), geht der Beitrag der Frage nach, warum Jugendliche bestimmte Berufe ausschließen (Matthes 2019). Der Beitrag stützt sich dabei auf die Berufswahltheorie von Gottfredson (1981, 2005). Demnach lernen Heranwachsende bereits im Kindesalter Berufe nach Geschlechtstypik und Prestigeniveau einzuteilen und subjektiv nicht passende Berufe zumeist unbewusst als Option aus der „Zone akzeptabler Berufswahlalternativen“ auszuschließen – lange bevor sie als Jugendliche Berufe nach persönlichen Tätigkeitsinteressen bewerten. In diesem Ausschlussprozess spielt das Bedürfnis, von anderen sozial anerkannt und akzeptiert zu werden, eine zentrale Rolle (Matthes 2019).

In der empirischen Studie von Schüler*innen erweist sich dies als besonders relevant: Vermuten Jugendliche, in ihrem sozialen Umfeld mit einem bestimmten Beruf nicht gut anzukommen, schließen sie diesen Beruf aus dem Feld möglicher Berufsoptionen aus – auch dann, wenn die Tätigkeiten des Berufes mit ihren eigenen beruflichen Interessen übereinstimmen. Daher könnten sich, den skizzierten theoretischen Überlegungen und empirischen Hinweisen folgend, anerkennungssensible Berufsorientierungsangebote (wie z.B. die „Ausbildungsbotschafter*innen) als unterstützend erweisen, die stärker an der vermuteten sozialen Passung und damit am sozialen Anerkennungsbedürfnis Heran­wachsender ansetzen.

Literatur
Athanasiadi, E., T. Schare T. & J.G. Ulrich. 2020. Ausbildungsbotschafterbesuche als Instrument der Berufsorientierung. Wege zum Beruf aufzeigen, Identifikationspotenziale erschließen. BWP 4.
Brüggemann, T. & S. Rahn. 2020: Berufsorientierung. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Münster, New York (USA): UTB.
Gottfredson L. S. 1981. Circumscription and compromise: A developmental theory of occupational aspirations. Journal of Counseling Psychology Monograph 28 (6): 545-579.
Gottfredson L. S. 2005. Applying Gottfredson’s theory of circumscription and compromise in career guidance and counseling. In S.D. Brown & R.W. Lent (Hrsg.). Career development and counseling. Putting theory and research to work: 71-100. Hoboken, NJ: Wiley.
Granato M. u. a. 2016. Warum nicht „Fachverkäufer/-in im Lebensmittelhandwerk“ anstelle von „Kaufmann/-frau im Einzelhandel?“ Berufsorientierung von Jugendlichen am Beispiel zweier verwandter und dennoch unterschiedlich nachgefragter Berufe. BIBB REPORT 2016/1.
Mann A. u.a. (2020). Dream Jobs? Teenagers‘ Career Aspirations and the Future of Work. OECD.
Matthes S. 2019. Warum werden Berufe nicht gewählt? Die Relevanz von Attraktions- und Aversionsfaktoren in der Berufsfindung. Leverkusen: Barbara Budrich.
Oeynhausen S. & J.G. Ulrich. 2020. Das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung bei der Berufswahl von Jugendlichen. In: T. Brüggemann, S. Rahn (Hrsg.): Berufsorientierung. Ein Lehr‐ und Arbeitsbuch: 97-108. Münster, New York (USA): UTB.
Düggeli A. & M. Neuenschwander 2015. Entscheidungsprozess und Passungswahrnehmung. In: K. Häfeli, M. Neuenschwander, S. Schumann (Hrsg. Berufliche Passagen im Lebenslauf. Berufsbildungs- und Transitionsforschung in der Schweiz. 218-241 Springer VS ISBN 978-3-658-10093-3.

Vorträge 1.8: Betriebliche Kontexte und Netzwerke

Berufliche Beratung Älterer unter Berücksichtigung des betrieblichen HRM
Berufliche Weiterentwicklung als Herausforderung für KMU
Weiterbildungsberatung für Erwachsene – im Netzwerk

1) Berufliche Beratung Älterer unter Berücksichtigung des betrieblichen HRM

Prof. Dr. Michael Scharpf, Prof. Dr. Bernd-Joachim Ertelt, Anke Reuter, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

Bis heute verbindet man in vielen Ländern mit der Dienstleistung „Berufsberatung“ vor allem die Unterstützung junger Menschen bei der Berufswahl, bei den Übergängen vom Bildungssystem in das Beschäftigungssystem sowie bei der Gestaltung der frühen Berufslaufbahn. Doch in den 1990er Jahren vollzog sich besonders auf europäischer Ebene ein Wandel hin zu einer lebensbegleitenden beruflichen Beratung. Die Erhaltung der Kompetenz von Arbeitskräften und damit die wirtschaftliche Stärke eines Landes sind hierfür ausschlaggebende Gründe. Einen wesentlichen Anstoß für eine lebensbegleitende Berufsberatung auf europäischer Ebene gab das von OECD und EU-Kommission herausgegebene „Career Guidance: A Handbook for Policy Makers“ (2004). Die darin enthaltenen Forderungen müssen nach unserer Auffassung durch das Aufgabenfeld „Beratung im Human Resource Management (HRM)“ ergänzt werden. Dies gilt besonders in kleinen und mittelständischen Betrieben in den Bereichen Personalrekrutierung, Onboarding, Personalentwicklung bzw. Qualifizierungsberatung, Retentions-Management, Outplace­ment-Beratung und Demografieberatung.

Bemerkenswert ist zudem die eindeutige Aufforderung, eine spezifisch auf die Zielgruppe der Älteren ausgerichtete Berufsberatung zu etablieren (OECD/EU-Kommission 2004, S. 35 f.). In diesem Kontext bezieht die vom European Lifelong Policy Network (ELGPN) erarbeitete Leitlinie für lebensbegleitende Beratung (2015) die „lebensbegleitende Beratung für ältere Menschen“ (Nr. 16) mit ein.

Ferner betont das Positionspapier der Bundesagentur für Arbeit (BA) „Perspektive 2025 – Fachkräfte für Deutschland“ die Bedeutung gezielter Maßnahmen für Ältere zur Deckung des zunehmenden Bedarfs an Fachkräften. Demnach bietet die Erhöhung der Erwerbs­beteiligung Älterer durch Retention und Erhöhung der Pensionsgrenzen von erfahrenen Fachkräften bis zum Jahr 2030 in etwa ein Potenzial von 285.000 bis 570.000 Fachkräften (BA 2016, S. 9). Hier muss betont werden, dass die Beschäftigungsquote älterer Arbeitnehmer*innen (55-64 Jahre) in Deutschland in den letzten Jahren stark angestiegen ist und weit über dem europäischen (EU 28) Durchschnitt liegt (vgl. Eurofound 2018, S. 6).

Vor diesem Hintergrund sollen im Rahmen des Vortrags insbesondere folgende Inhalte thematisiert werden (siehe u. a. Ertelt/Scharpf (Hrsg.) 2018, Scharpf/Ertelt 2021):

  • Welche arbeitsbezogene(n) Motivation, Bedürfnisse und Erwartungen weisen Ältere auf?
  • Wie sehen HR-Verantwortliche und Berufsberater*innen diese Zielgruppe?
  • Welche arbeitsmarktbezogenen Maßnahmen und Beratungsangebote existieren für diese Zielgruppe?
  • Welche Qualifizierungsanforderungen ergeben sich hieraus für die berufliche Beratung im HRM?

Literatur:
Bundesagentur für Arbeit (BA) (2016). Perspektive 2025 – Fachkräfte für Deutschland“. https://con.arbeitsagentur.de/prod/apok/ct/dam/download/documents/dok_ba013186.pdf
Ertelt, B-J.; Scharpf, M. (Hrsg.) (2018). Berufliche Beratung Älterer. Frankfurt: Peter Lang.
European Foundation for the Improvement of Living and Working Conditions (Eurofound) (Hrsg.) (2018). Labour market change – State initiatives supporting the labour market integration of older workers – Not finished at 50: Keeping older workers in work. https://www.eurofound.europa.eu/sites/default/files/wpef18003.pdf
European Lifelong Guidance Policy Network (ELGPN) (2015). Guidelines for Policies and Systems Development for Lifelong Guidance – A Reference for the EU and for the Commission. Tools No. 6. http://www.elgpn.eu/publications/browse-by-languAge/english/elgpn-tools-no-6-guidelines-for-policies-and-systems-development-for-lifelong-guidance/
Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD), European Communities (2004). Career Guidance – a Handbook for Policy Makers. http://www.oecd.org/education/innovation-education/34060761.pdf Scharpf, M.; Ertelt, B.-J. (2021). Laufbahnberatung und Management – Synergieeffekte in ausgewählten Praxisfeldern. Neuhofen: fbp.


2) Berufliche Weiterentwicklung und Kompetenzentwicklung im Arbeitsleben: eine Herausforderung für kleine und mittlere Unternehmen und die Weiterbildungsberatung

Ursula Wohlfart, Nationales Forum Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung e.V. (nfb)

Personal- und Kompetenzentwicklung in großen Unternehmen ist gut entfaltet, systematisiert und erfolgreich. Die meisten Beschäftigten arbeiten aber in KMU, und da ist Kompetenzentwicklung des Personals noch oft eine zu entwickelnde Baustelle. Die meisten Betriebe betreiben keine Personalentwicklung, haben wenig Kenntnisse, wie sie ihr Personal weiterentwickeln könnten und warum sie von Angeboten der Weiterbildungsberatung erheblich profitieren könnten.

Fragestellungen:

1) Was braucht es, um betriebliches Lernen für den Betrieb und die Beschäftigten konstruktiv zu gestalten? Was sind dabei Ziele/Aufgaben einer Weiterbildungs­beratung?

  • Kompetenzanforderungen bezogen auf die Ziele und Strategien des Unter­nehmens ermitteln
  • Qualifizierungsbedarfe für Einzelne oder Gruppen bestimmen und bedarfs­gerechte Qualifizierungsstrategien entwickeln
  • Passgenaue und arbeitsplatznahe Lernarrangements planen, die Umsetzung begleiten und die Wirksamkeit überprüfen
  • Ein systematisches Weiterbildungsmanagement stärken

Im Mittelpunkt steht die Frage, inwiefern Kompetenzentwicklung (und auch die Weiterbildungs­beratung) immer in die kontinuierliche Organisationsentwicklung des Unter­nehmens eingebunden werden muss/sollte.

2) Was sind die besonderen Herausforderungen einer WB-Beratung im Betrieb – bisher und auch zukünftig?

  • Beratungsnachfrage der KMU stärken – Sensibilisierung und Motivation für die systematische Kompetenzentwicklung des Personals bei KMU stärken
  • Kompetenzentwicklung für Beratende bei einer betrieblichen WB-Beratung. Welche zusätzlichen/anderen Kompetenzen braucht es gegenüber einer Indivi­duellen Beratung von Beschäftigen?
  • Wer sind eigentlich die geeigneten Beratungsakteure? Unternehmens­beratende mit Kompetenz auch im Feld Weiterbildung oder Weiterbildungs­beratende mit Zusatzkompetenz in der Unternehmens­beratung? Ggf. Weiterbildungsberatende in Kooperation mit Unternehmensberatenden?

Diese Fragestellungen will ich mit den Teilnehmenden auch gern diskutieren.


3) Weiterbildungsberatung für Erwachsene – von der Individualberatung zur Beratung im Netzwerk

Prof. Dr. Peter C. Weber, Stefan Matthias Zick-Varul, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

Beratung von Erwachsenen zu Fragen der Weiterbildung und beruflichen Entwicklung ist mehr als Individualberatung. Die NICE Foundation (http://www.nice-network.eu/pub/) hat in ihren Kompetenzstandards für Berater*innen eine system-development-competence postuliert. Eine solche hat für die Beratung mehrere Implikationen, die in diesem Vortrag aufgezeigt und auf praktische Konsequenzen für eine Beratung von Erwachsenen im Kontext der Transformation der Arbeit bezogen wird.

Diese Transformation hat schon heute enorme Auswirkungen auf die Fähigkeiten und Haltungen von Menschen im Berufsleben. In vielen Branchen gibt es direkte und konkrete Anforderungen an digitale Kompetenzen. Viele Menschen sind mit der zunehmenden Substituierbarkeit ihrer Tätigkeiten konfrontiert. Auch wer noch nicht direkt betroffen ist, steht vor Fragen zur weiteren beruflichen Entwicklung und Qualifikation. Diese Fragen sind auch mit Ängsten und Befürchtungen verbunden. Weiterbildungsberatung in diesem Kontext ist vielschichtig und muss inhaltlich und fachlich breit aufgestellt sein.

Ein zentrales Problem der Weiterbildungsberatung und der Förderung von Weiterbildung scheint zu sein, dass Angebote häufig nicht passgenau erfolgen. Nicht selten stehen den individuell differenzierten Bildungsbedarfen standardisierte Qualifizierungsangebote gegenüber. Weiterbildungsberatung muss aus diesem Grund eng verzahnt sein mit den relevanten lokalen und regionalen Akteuren, insbesondere Arbeitgeber*innen, Personal­arbeit/HR, Gewerkschaften und Betriebsräten, Bildungsanbietern, Hochschulen und Beratungsstellen. Weiterbildungsberatung ist Beratung im Netzwerk. Trotz positiver Beispiele etwa in früheren Pilotprojekten der Qualifizierungsberatung oder in regionalen Beratungsverbünden gibt es hierzu in Deutschland kein kohärentes Konzept und keine flächendeckenden Angebote. Die Entwicklung solcher Systeme muss darum selbst zum Gegenstand der Beratung werden, und Beratungsanbieter, Beratungsexpert*innen und Beratungspraktiker*innen sollten Fähig­keiten aufbauen, um in diese Richtung Veränderungen anzustoßen und zu begleiten.

Vorträge 1.9: Möglichkeitsräume für alle

Orientierungs­mobilität – neuer Begriff für eine zentrale Aufgabe
Berufliche Orientierung von formal Geringqualifizierten
Erfahrungen aus dem Bundesprogramm Bildungsprämie

1) ORIENTIERUNGSMOBILITÄT – neuer Begriff für eine zentrale Aufgabe

Karl-Heinz P. Kohn, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

Der Beitrag plädiert für einen neuen Begriff in der beruflichen Orientierung, um eine deutliche Zielmarke für die berufliche Orientierungsarbeit setzen zu können.

Regelmäßig sich wiederholende Befunde zeigen, wie selektiv entlang sozialer und kultureller Strukturen die Wahrnehmung beruflicher Zieloptionen bei jugendlichen und erwachsenen Berufswähler*innen verläuft – nicht selten aber auch bei ihren Beratenden. Soziale und kulturelle Herkunft determinieren den schulischen Erfolg, der schulische Erfolg determiniert die Selbstwirksamkeitserwartung, Selbstwirksamkeitserwartung und das selektive Wissen um berufliche Optionen bestimmen den Ort und die Weite des Ausschnitts, den Berufswähler in den Blick nehmen – und damit auch die Größe des blinden Flecks, in dem sich bewusst oder unwissentlich ausgeschlossene Optionen verstecken.

Ausgehend vom allgemein politisch akzeptierten und rechtlich normierten Ziel, „auf die Überwindung eines geschlechtsspezifisch geprägten Ausbildungs- und Arbeitsmarktes hin[zu]wirken“ (§ 1 Abs. 2 Ziff. 4 SGB III), formuliert der Beitrag einen Auftrag zur gender­kontraintuitiven Orientierungsarbeit und skizziert analog auch sozial- und kulturkontraintuitive Aufträge. Diese sind sozialpolitisch mit dem emanzipatorischen Ziel gesetzt, gerade auch tendenziell marginalisierte Personengruppen bei ihrer beruflichen Selbstbestimmung und bei der Wahrnehmung ihrer grundrechtlich garantierten Berufsfreiheit zu unterstützen.

Mit dem Blick auf einen beschleunigten Wandel wirtschaftlicher und beruflicher Strukturen sowie auf die demografische Schrumpfung der Erwerbsbevölkerung in Deutschland ist ein kontratraditioneller Auftrag für die berufliche Orientierung zu ergänzen.

Nicht zertifizierte und oft selbst nicht wahrgenommene Potenziale sind zu heben, frühe Entscheidungen zur Unterausschöpfung eigener Potenziale sind im Laufe beruflicher Biografien konstruktiv zu hinterfragen.

Die bewusste und systematische Weitung des Horizonts beruflicher Optionen gehört in den Kern beruflicher Orientierungsarbeit. Dies wird als Arbeit für mehr Orientierungs­mobilität verstanden und gehört in den Fokus von Selbstreflexion und Erfolgsmessung. Die Aufgabe zum aktiven Einbringen kontraintuitiver Optionen unterstreicht die Unabding­barkeit personaler Beratung gegenüber den Möglichkeiten zur Selbstinformation.


2) Berufliche Orientierung von formal geringqualifizierten Beschäftigten

Kerstin Kupka, Carolin Killmeyer, Dr. Bettina Thöne-Geyer, OECD/Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V.

Arbeitsplätze von formal geringqualifizierten Beschäftigten sind vor dem Hintergrund von Globalisierung, Digitalisierung, fortschreitendem technologischen Wandel und Automa­tisierung zunehmend gefährdet (vgl. OECD 2022a, S. 9). Umso wichtiger sind Zugänge zur beruflichen Orientierung und Beratung für diese Beschäftigtengruppe. Im Vergleich zu höher qualifizierten Beschäftigten nehmen formal gering qualifizierte Personen insgesamt allerdings deutlich weniger an existierenden Angeboten zur beruflichen Orientierung und Beratung teil (OECD 2022a, S. 19). In einer Studie hat die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Betroffenen in Deutschland zu Wort kommen lassen und gefragt, warum berufliche Beratungs­angebote aufgesucht wurden, welche Barrieren es bei Nicht-Teilnahme gab und unter welchen Umständen Beratung als positiv und nützlich erlebt wurde. Das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE) hat hierfür 50 leitfadengestützte Interviews mit geringqualifizierten Beschäftigten geführt. In dem geplanten Vortrag geben Karolin Killmeyer (OECD), Kerstin Kupka (DIE) und Bettina Thöne-Geyer (DIE) auf Basis des Ergebnisberichts einen differenzierten Einblick in die subjektiven Beweggründe formal geringqualifizierter Menschen für die Teilnahme bzw. Nicht-Teilnahme an Angeboten zur beruflichen Beratung. Am Anschluss daran werden Rahmenbedingungen zur Erhöhung der Beteiligungsquote diskutiert (OECD 2022b).

Literatur:
Organization for Economic Co-operation and Development (OECD) (2022a): Getting skills right. Career guidance for low qualified workers in Germany. Paris.
Organization for Economic Co-operation and Development (OECD) (2022b): Listening to low-qualified workers: How career guidance can make a difference for them in a long term. Paris.


3) Erfahrungen aus dem Bundesprogramm Bildungsprämie: Worin sich die (werbliche) Ansprache von Geringverdienenden und Geringqualifizierten unterscheidet

Andrea Hasbach, Simon Marzoll o. Bert Butz, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

In der Öffentlichkeitsarbeit für Bildungs- bzw. Berufsberatung und im Kontext lebensbegleitenden Lernens nimmt die Ansprache Geringqualifizierter eine besondere Rolle ein: Einerseits wird für diese Zielgruppe ein großes Wirkungspotenzial gesehen, andererseits bedarf die Ansprache spezieller Ansätze.

Das Bundesprogramm Bildungsprämie zur Weiterbildungsförderung (Laufzeit 2008-2021) war ursprünglich explizit auch auf Geringqualifizierte zugeschnitten. Im gesamten Verlauf waren sie unter den Teilnehmenden, alle geringverdienend, jedoch unterrepräsentiert. Wie könnte diese Zielgruppe besser erreicht werden? Wir untersuchen drei Aspekte im Hinblick auf die (werbliche) Ansprache verschiedener Teilgruppen:

  • Weiterbildungsinteresse: Interesse an Weiterbildung als Option für berufliche Veränderung
  • Berufliche Orientierung: Gesprächspartner für das Thema Weiterbildung
  • Informationsquellen: Informationssuche; Kommunikationswege für die Öffentlichkeitsarbeit; die Rolle von Beratung

Weiterbildungsinteresse und Informationsverhalten lassen Rückschlüsse auf eine adressatengerechte Ansprache unterschiedlicher Teilzielgruppen zu.

Als Datengrundlage dienen die Monitoringdaten des Programms (N>400.000), 3 Teilnehmer- bzw. Zielgruppenbefragungen, Interviews mit Beratungsstellen und Bildungsanbietern sowie Erfahrungen aus der Programmbegleitung. Die Auswertung der Daten zeigt, dass Gering­qualifizierte weniger Weiterbildungserfahrung haben als höher Qualifizierte, sich aber auch, in geringerem Umfang, für Weiterbildung interessieren. Die diversen Datenquellen widersprechen sich in Bezug auf die Bedeutung der Arbeitsumgebung für die Ansprache Geringqualifizierter für Weiterbildung, obwohl dessen Bedeutung in der Literatur an mehreren Stellen hervorgehoben wird. Professionelle Beratung von den Arbeitsagenturen oder Bildungsberatungsstellen wird insgesamt als Ansprechpartner weniger oft genannt, ist aber für geringer Qualifizierte von größerer Bedeutung als für höher Qualifizierte.

17:00 Uhr: Pause

17:30 Uhr: Preisverleihung und Improtheater

Josephine-Levy-Rathenau-Preis

Der Deutsche Verband für Bildungs- und Berufsberatung e.V. (dvb) lobt gemeinsam mit seinem langjährigen Publikationspartner wbv Media einen Nachwuchspreis für die Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung aus. Der Preis soll der Professionalisierung der Beratung dienen, der Beratungswissenschaft und -praxis eine größere Sichtbarkeit verschaffen und den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis vertiefen.

Benannt wird der Preis nach Josephine Levy-Rathenau (1877-1921), einer Begründerin der Berufsberatung und der Erwachsenenbildung in Deutschland, die sich insbesondere für Frauen eingesetzt hat.

Laudatio des Jury-Vorsitzenden Dr. Ingo Blaich, Universität Dresden, Vorstand dvb

Vortrag des Preisträgers/der Preisträgerin

Spontantheater Bumerang!

Comedy-Impro: Diese Spielform lässt sich am einfachsten mit den Attributen: schnell – spontan – witzig zusammenfassen. Es werden kurze, rasante Szenen gespielt, in denen keine Hürde zu hoch und kein Vorschlag des Publikums zu skurril ist – ein echter Angriff auf die Lachmuskeln – natürlich mit Bezug zum Thema Arbeits- und Bildungswelt.

Sektempfang

19:00 Uhr: Abendveranstaltung mit Musikprogramm

Geselliger Austausch mit Buffet und musikalischer Unterhaltung durch die Oldenburger Gruppe „Schlagwerk Ossietzky“.

(Für das Buffet ist eine gesonderte Anmeldung erforderlich, s. Anmeldeformular.)

Freitag, 16. September 2022

09:00 Uhr: Keynote

Prof. Dr. Jane Porath
Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

10:00 Uhr: Workshops oder Vorträge in 9 parallelen Veranstaltungen

Zeitschiene 2: Workshops

Download: Programmübersicht

Workshop 2.1
Systemkompetenz als förderlicher Faktor zur Gestaltung erfolgreicher Übergänge im Lebensverlauf

Prof. Dr. Thorsten Bührmann, Department Family, Child and Social Work der MSH Medical School Hamburg, Wiss. Leitung Berufswahlsiegel Akademie
Dr. Christoph Wiethoff, Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn
Soz. Päd. (BA) Silke Langner, MSH Medical School Hamburg

In dem Workshop werden im ersten Schritt das Modell der Systemkompetenz und dessen theoretische Grundlagen vorgestellt. Im zweiten Schritt wird anhand der Analyse von Praxisfällen der Teilnehmenden die Bedeutung des Modells für die Gestaltung Beruflicher Orientierungsprozesse veranschaulicht. Im dritten Schritt werden auf dieser Basis Konsequenzen zur Förderung von Systemkompetenz diskutiert und eine Einbettung in aktuelle Diskurse zur Berufswahl- und Übergangskompetenz vorgenommen.

Die theoretische Grundlegung basiert auf der Übergangs- und Transitionsforschung sowie einer systemtheoretischen Perspektive: Berufliche Orientierung wird als individueller Orientierungs-, Entscheidungs- und Gestaltungsprozess angesehen, der einen Wechsel von einem vertrauten sozialen System in ein neues, weitgehend unbekanntes System beinhaltet. Es werden neben dem jeweiligen Jugendlichen zudem die Wechselwirkungen mit den weiteren, am Übergang beteiligten Personen und Institutionen systematisch in den Orientierungsprozess einbezogen und in Einklang mit subjektiven Klärungs- und Handlungsprozessen des Jugendlichen gebracht. Der Fokus liegt hier auf der Kompetenzentwicklung: Wie lässt sich eine subjektive Handlungsfähigkeit in beruflichen Orientierungsprozessen fördern, die die Gestaltung der sozialen, in Wechselwirkung zueinanderstehenden Prozesse mit einbezieht? Dies beinhaltet eine Abkehr von linearer Steuerung und ein Umschalten auf den ‚Modus reflexiven Lernens‘.

Literatur:
Schäffter, O. (2014).: Navigieren durch vernetzte Bildungslandschaften. In: Felden, H. von u.a. (Hg.): Denken in Übergängen, Wiesbaden, 37-57; Welzer, H. (1993): Transitionen. Zur Sozialpsychologie biographischer Wandlungsprozesse, Tübingen.
Bührmann, T. (2008): Übergänge in Sozialen Systemen, Weinheim/Basel; Wiethoff, C. (2011): Übergangscoaching mit Jugendlichen. Wirkfaktoren aus Sicht der Coachingnehmer beim Übergang von der Schule in die Ausbildung, Wiesbaden.

Workshop 2.2
Online-Tools in der beruflichen Beratung und ihre Auswirkungen auf den Beratungsprozess

Dr. Sascha Zirra, Bundesagentur für Arbeit, Leiter Fachbereich Medien, Bildung und Beruf

In der beruflichen Beratung werden zunehmend Online-Tools eingesetzt. So werden im Rahmen der Lebensbegleitenden Berufsberatung der Bundesagentur für Arbeit neben der persönlichen Beratung auch die beiden Online-Tools Check-U und New Plan angeboten. Beide Tools ermöglichen – jeweils für unterschiedliche Zielgruppen – eine Einschätzung der Kompetenzen und darauf aufbauend Hinweise zur beruflichen Orientierung.

Kundinnen und Kunden kommen dadurch bereits mit Ergebnissen in die Beratung, oder die Beraterin/der Berater setzt das Tool im Rahmen des Beratungsprozesses gezielt ein.

Im Workshop sollen die beiden Tools kurz vorgestellt werden und ihre Auswirkungen u. a. auf Inhalte, Prozess und Beziehung in der Beratung diskutiert werden.

Workshop 2.3
Kann Künstliche Intelligenz (KI) die Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion in der Beratung unterstützen? Eine explorative Studie.

Prof. Dr. Marc Schreiber, ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, IAP Institut für Angewandte Psychologie

Dieser Workshop besteht aus zwei Teilen: Im ersten Teil stelle ich das Modell der Persönlichkeits- und Identitätskonstruktion (MPI; Schreiber, im Druck) vor. Im Modell werden aktuelle Entwicklungen aus der Laufbahn- und Persönlichkeitspsychologie integriert – z. B. Career Construction Theorie (CCT; Savickas 2021) und die Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen (PSI-Theorie; Kuhl, 2018). Das MPI beschreibt und erklärt, wie Menschen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit Hilfe sinnstiftender und bedeutungsvoller sozialer Narrative integrieren und in Richtung eines gelingenden Lebens umsetzen können.
Im zweiten Teil stelle ich ein interdisziplinäres Forschungsprojekt vor, in welchem es darum geht, den noch wenig erforschten Einsatz von KI in Beratung und Coaching zu explorieren. Wir überprüfen, ob aus Texten, die im Rahmen einer Laufbahnberatung verfasst werden, auf Persönlichkeitsaspekte im Sinne von Fragebogenprofilen geschlossen werden kann. Dabei wenden wir Machine Learning Algorithmen an (Natural Language Processing, NLP). Konkret werden im frei verfügbaren Arbeitsmittel Ressourcenbilder (www.laufbahndiagnostik.ch) Klientinnen angeleitet, ein Favoritenbild zu wählen und eine Geschichte über das gewählte Bild zu schreiben. Dieselben Klientinnen füllen zudem verschiedene Persönlichkeitsfragebogen aus. Im Projekt untersuchen wir, ob die Fragebogenprofile mit Hilfe von Algorithmen und auf der Grundlage des geschriebenen Textes zuverlässig vorhergesagt werden können.

Teilnehmende werden gebeten, im Vorfeld das frei verfügbare Arbeitsmittel Ressourcenbilder auf der Plattform Laufbahndiagnostik (www.laufbahndiagnostik.ch) auszufüllen.

Workshop 2.4
Sei Teil des Wandels – mehr Mädchen ins Handwerk: Wünsche, Bedarfe und Perspektiven von Schüler*innen, Lehrkräften, Eltern und Betrieben

Katharina Drummer, Ariane Baderschneider, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb), Nürnberg

„Sei Teil des Wandels“ ist das Motto des Projekts Kurs aufs Handwerk: mehr Mädchen für Handwerksberufe gewinnen Das Motto ist Programm: Es werden nicht nur Schülerinnen beraten, sondern auch Schulleitungspersonal, Lehrkräfte, Eltern und Betriebe – und damit nahezu alle Akteure, die bei der Berufswahl und -orientierung bedeutend sind. Jedem Akteur kommt eine eigene Rolle zu, nur im guten Zusammenspiel kann eine individuelle und an den persönlichen Interessen orientierte – klischeefreie – Berufswahl gelingen. Um diese zu unterstützen, engagieren sich seit Januar 2022 zwei Talentscoutinnen, die sich gemeinsam mit den Akteuren für einen Wandel in den Zielregionen engagieren. Ziel ist, durch Methoden der entdeckenden Berufsorientierung und individuellen Begleitung eine klischeefreie und genderneutrale Berufswahl zu unterstützen sowie Perspektiven über die Projektlaufzeit zu öffnen.

Im Workshop werden die Perspektive der verschiedenen Akteure eingenommen und folgende Fragen gemeinsam mit den Teilnehmenden beantwortet:

  • Was sind die größten Herausforderungen im Prozess der Berufsorientierung?
  • Wie bzw. womit kann diesen Herausforderungen begegnet werden?
  • Welche Informationen und Angebote brauchen die Akteure bzw. welche gibt es schon?

Die Projektakteure sollen per Video(-botschaft) oder vor Ort zu Wort kommen, so dass Workshop­teilnehmende einen realistischen Einblick in die Welt von Schüler*innen, Lehrkräften, Eltern und Betrieben, die durch die Talentscoutinnen des Projekts beraten wurden, erhalten. Weiterhin wird der im Projekt entwickelte Online-Selbstcheck durchgeführt, der circa 15 Minuten dauert und die Themen „Handwerk“ und „klischeefreie Berufsorientierung und -wahl“ behandelt. Anschließend findet eine gemeinsame Reflexion statt (Was hat überrascht? Was kann in den (Berufs-)Alltag der Teilnehmer*innen integriert werden?).

Zeitschiene 2: Vortragspanels

Download Programmübersicht

Vorträge 2.5: Internationale Konzepte für die Schule

Integrated Guidance in the Norwegian context
Reports from Italy, Spain or Belgium
Ausblick Guiding Schools

1) Erasmus+ GUIDING SCHOOLS: Integrated guidance – how to build comprehensive career guidance systems with the best of both digital and physical approaches

Dr. Erik Hagaseth Haug, Inland Norway University of Applied Science

In his lecture, Associate Professor Erik Hagaseth Haug will focus on the benefits of combining digital and physical career guidance provision. He will emphasize important lessons learnt from the theoretical field of blended guidance, and practical solutions for teachers and other guidance practitioners. He will use the Norwegian rural context as a frame for his lecture.


2) Italian perspectives on career guidance at schools – an Insight of the Guiding Schools Project
Giulio Iannis, Centro Studi Pluriversum, Italy


3) Ausblick zum Projekt GUIDING SCHOOLS in Deutschland
Dr. Ingo Blaich, Tillmann Grüneberg, deutscher Projektpartner dvb des Erasmus+-Projektes Guiding Schools

Vorträge 2.6: Während eines Studiums

BO an deutschen Begabtenförderungswerken
Promotion – und dann? BO während und nach der Promotion
Beruf und Leben Orientierung durch Methoden der Biografiearbeit

1) Berufsorientierung an deutschen Begabtenförderungswerken für Studierende
Dr. Marcus Nicolini, Agnes Eroglu, Ev. Studienwerk Villigst, Ressort Vernetzung/ Ehemaligenarbeit & Berufsorientierung, Schwerte     

Berufsorientierung für Studierende findet nicht nur durch die Career Center der Hochschulen statt, sondern für Stipendiat*innen der 13 vom Bund finanzierten Begabtenförderungswerke auch direkt durch ihr Förderwerk. Staatliche Begabtenförderung ist in Deutschland föderal aufgestellt und wird von Stiftungen und Vereinen angeboten, hinter denen die im Bundestag vertretenen Parteien, Kirchen und Religionsgemeinschaften, Arbeitgeber und Gewerkschaften und der Staat stehen. Ziel aller Begabtenförderung in Deutschland ist die Demokratieförderung für begabte junge Menschen, die während ihres Studiums und im Anschluss ihre Kompetenz in den Beruf einbringen und dadurch und mit ihrem ehrenamtlichen Engagement einen Beitrag zur Stärkung der freiheitlichen Demokratie leisten sollen. Im konfessionellen Evangelischen Studienwerk gehören zur vorbereitenden Berufsorientierung eine Berufsorientierungsmesse mit praxisrelevanten Vorträgen, Workshops und einem „Markt der Möglichkeiten“, dazu ein moderiertes Mentoring- und ein MdB-Praktikumsprogramm sowie die direkte Beratung durch Studienleitungen. Vorgestellt werden exemplarisch zudem auch Berufsorientierungsformate anderer Förderwerke. Mitarbeitende an Hochschulen und Studienberater*innen der Arbeitsagenturen erhalten dadurch eine Erweiterung ihres Beratungsrepertoires für Abiturient*innen und Studierende. Dass ein Stipendium bei einem der aktuell 13 Begabten­förderungswerke auch finanziell Wege ermöglicht, erfahren sie außerdem durch den Vortrag. Nebenbei kann auch ein kurzer Einblick in Wege studienbegleitender Journalistenausbildung für Studierende gegeben werden.


2) Promotion – und dann? Berufliche Orientierung während und nach der Promotion
Dr. Simone Brühl, Zentrale Studien- und Karriereberatung, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschrieb der Soziologe Max Weber die wissenschaftliche Laufbahn an deutschen Universitäten als „wilden Hazard“, ein Abenteuer mit offenem Ausgang, bei dem Wissenschaftler*innen alles aufs Spiel setzen müssen. Auch mehr als einhundert Jahre später hat Webers Analyse wenig von ihrer Aktualität eingebüßt: Stellen für Promovierende und Promovierte sind in der Regel befristet, schlecht ausgestattet, durch strukturelle Abhängig­keitsverhältnisse gekennzeichnet. Spätestens seit #IchBinHanna sind die prekären Arbeits- und Lebensbedingungen des sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchses auch jenseits der akademischen Community präsent.

Vor diesem Hintergrund wird die Beratung zur beruflichen Orientierung von Promovierenden und Promovierten umso relevanter. An Universitäten entstehen nicht nur Angebote, die Promovierende auf eine Wissenschaftskarriere vorbereiten; vielmehr werden die Begleitung von Entscheidungsprozessen zwischen „Wissenschaft und Wirtschaft“, die Durchführung über­fachlicher Kompetenzanalysen sowie die Reflexion individueller Lebens- und Karriereplanungen essentielle Bestandteile der Doktorand*innenausbildung. Die Promotion rückt als Phase der ganzheitlichen beruflichen Orientierung in den Blick.

Im Vortrag werden die die Spezifika der beruflichen Orientierungsberatung von Promovierenden und Promovierten unter der Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse der Zielgruppe in den Blick genommen.


3) Beruf und Leben: Orientierung schaffen durch Methoden der Biographiearbeit
Dr. Kim Deutsch, Dr. Petra Bauer, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, AG Weiterbildung und Medien, Team Erwachsenenbildung/Weiterbildung

Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Transformationsprozesse führt zunehmender Pluralismus zur Entgrenzung individueller Lebensbereiche. In diesen entgrenzten Lebensbereichen gewinnt Biographie als Referenzpunkt des eigenen Denkens und Handelns zunehmend Bedeutung für Bildungsprozesse, und Begriffe wie „Biographizität“ (vgl. Alheit u.a. 1996) und „Übergangs­kompetenz“ gelten als Bestandteil neu gedachter Allgemeinbildung (vgl. Schäffter 2014, S. 39). Vor allem für den Bereich der Erwachsenenbildung ergibt sich somit die Frage, wie Biographizität als Kompetenz für die „individuelle Bewältigung lebenslanger Lernanforderungen, kontinuierliche Identitätsarbeit unter den Bedingungen von Pluralisierung und Individualisierung und damit von zunehmenden Unsicherheitsstrukturen und des Verlustes stabiler Lebensführung“ (Nittel 2003, S. 76) ausgebildet werden kann.

Diese Überlegungen sind Ausgangspunkt des von Dr. Petra Bauer und Dr. Kim Deutsch entwickelten Kurskonzepts „Life & Vision“, in dem Methoden der Biographiearbeit und das Konzept des Design Thinkings zum Einsatz kommen, um Teilnehmende verschiedener Zielgruppen in der Auseinandersetzung mit ihrer individuellen Biographie zu unterstützen.

Durchgeführt wurde das Blockseminar (4 Module) sowohl in der Frühjahrsuni- und Herbstuni des Career Centers als auch als regelmäßiges Seminar zur Berufsorientierung im Masterstudiengang „Erwachsenenbildung und Weiterbildung“ der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Geplant ist zudem eine internationale Summer School an der Universität in Jyväskylä, Finnland (13.06.-17.06.2022; Erasmusprojekt gefördert durch FORTHEM). Neben der Zielgruppe der Studierenden bieten wir ein angepasstes Angebot „Zwischenbilanz“ im Studieren 50+ Programm des Zentrums für wissenschaftliche Weiterbildung (ZWW) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sowie an Volkshochschulen an.

Wir würden uns freuen, Einblicke in die Konzepte der Biographiearbeit und des Design Thinkings in pädagogischen Kontexten geben zu können sowie Methoden zu präsentieren und unsere Praxiserfahrungen zu diskutieren.

Literatur:
Alheit, P. (1996): „Biographizität“ als Lernpotential: Konzeptionelle Überlegungen zum biographischen Ansatz in der Erwachsenenbildung. In: Krüger, Heinz Hermann/Marotzki, Winfried (Hrsg.): Erziehungswissenschaftliche Biographieforschung, 2. Auflage. Opladen: Leske und Budrich, S. 276-307
Nittel, D. (2003): Der Erwachsene diesseits und jenseits der Erwachsenenbildung. In: Nittel, D./Seitter, W. (Hg.): Die Bildung des Erwachsenen. Bielefeld, S. 71-95.
Schäffter, O. (2014): Navigieren durch vernetzte Bildungslandschaften. Zum impliziten Erwerb von Übergangskompetenz in Lernbiographien. In: Von Felden, H./Schäffter, O./Schicke, H. (Hrsg.): Denken in Übergängen. Weiterbildung in transitorischen Lebenslagen. Wiesbaden: Springer Fachmedien, S. 37 – 59

Vorträge 2.7: Konzepte für die Schule

Vorstellungen von SuS zu berufl. Selbstständigkeit
Orientierung wohin? Stand der BO von SuS
Berufliche Orientierung und Kooperation nach Corona

1)  „Also zählt man als Selbstständiger, auch wenn man sich noch nicht vom Staat quasi abgelöst hat? (…) oder ist man dann nur Scheinselbständiger?“ –  Vorstellungen von Schüler*innen zur beruflichen und unternehmerischen Selbstständigkeit
Dr. Tina Fletemeyer, Janina Henschel, Institut für Ökonomische Bildung (IÖB), Oldenburg     

Selbstständige Erwerbstätigkeit ist ein konstituierendes Merkmal marktwirtschaftlicher  Wirtschaftsordnungen und gleichzeitig eine potenzielle berufliche Entwicklungsperspektive für Schüler*innen. Dies untermauert u. a. die Notwendigkeit einer curricularen Verankerung in Schulen, insbesondere in wirtschaftsaffinen Fächern. Ausgangspunkt für den Vortrag ist ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt, welches Schüler*innen für die bisher häufig vernachlässigte Perspektive der selbstständigen Erwerbsarbeit im Rahmen der schulischen Beruflichen Orien­tierung zu sensibilisieren. Vereinzelt findet innovatives Gründen als eine Facette der Selbstständigkeit im Rahmen der Entrepreneurship Education Einzug in die Klassenzimmer. Andere Formen – wie klassische Existenzgründungen, Intrapreneurship, Unternehmensnachfolge, Franchise usw. – werden jedoch kaum behandelt. Es wird von der These ausgegangen, dass sich eine moderne Berufliche Orientierung als berufsbiografische Gestaltungskompetenz definiert, welche alle relevanten Erwerbsmöglichkeiten – und damit auch die bislang vernachlässigte Perspektive der selbstständigen Erwerbstätigkeit – einschließt (vgl. Loerwald/ Kirchner 2019; Deeken/Butz 2010, 19).

Es soll ein didaktisches Konzept mit Unterrichtsmaterialien entwickelt werden, um die unterrichtliche Auseinandersetzung mit der beruflichen Selbstständigkeit in der gymnasialen Oberstufe an Bremer Schulen zu fördern. Um an Informationen über die Ausgangssituation im Lernprozess zu gelangen, werden – auch in der Ökonomischen Bildung – im Sinne der didaktischen Rekonstruktion seit einigen Jahren Schüler*innenvorstellungen erforscht und berücksichtigt (bspw. Kattmann 2005; Friebel et al. 2016; Bonfig 2020, Szoncsitz 2020, Friebel et al. 2016, Aprea/Sappa 2014, Friebel et al. 2013, Speer/Seeber 2013, Birke/Seeber 2012, Kahler 2011, Pang/Meyer 2010, Klee/Lutter 2010). Insofern die Sichtweisen der Lehrpersonen oder aber auch der Lernenden bekannt sind, kann der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse effektiver gestaltet werden, was gleichzeitig die Akzeptanz der geplanten Innovation erhöhen kann (vgl. Schmidt 2015, 90). Im Rahmen des Vortrags soll zunächst auf einer theoretisch-systematischen Ebene die Relevanz einer Auseinandersetzung mit selbstständiger

Erwerbstätigkeit im Zuge der Beruflichen Orientierung herausgearbeitet werden. Darauf aufbauend werden erste Einblicke in die begleitende Schüler*innenvorstellungsstudie gegeben. Es wurden insgesamt 12 Schüler*innen mittels problemzentrierter Gruppeninterviews befragt. Mithilfe eines theoriegeleiteten Kategoriensystems wurde der Frage nachgegangen, welche Vorstellungen Schüler*innen in der Sekundarstufe II zur selbstständigen Erwerbstätigkeit äußern.

Literatur:
Aprea, C./Sappa, V. (2014): Variations of Young Germans’ Informal Conceptions of Financial and Economic Crises Phenomena. In: Journal of Social Science Education, 13 (3), S. 57–67.
Birke, F./Seeber, G. (2012): Lohnunterschiede im Schülerverständnis: eine phänomenographische Untersuchung. In: Retzmann, T. (Hg.): Entrepreneurship und Arbeitnehmerorientierung. Leitbilder und Konzepte für die ökonomische Bildung in der Schule. Schwalbach/Ts., S. 223–237.
Bonfig, A. (2020): Nix anderes ist eine größere Macht als Geld, Phänomene aus dem Feld sozioökonomischer finanzieller Bildung aus der Sicht von Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf, Frankfurt am Main: Wochenschau Wissenschaft.
Deeken, S./ Butz, B. (2010): Berufsorientierung, Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung, herausgegeben vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Verfügbar unter: https://www.ueberaus.de/wws/bin/21988766-22751134-1-expertise_berufsorientierung_web.pdf (Zugriff: Oktober 2019).
Friebel, S. Kirchner, V./Loerwald, D. (2013): Der regionale Wirtschaftsraum als sozialer Aneignungsraum für Schülerinnen und Schüler. Konzeptionelle Überlegungen und erste empirische Befunde. In: Zeitschrift für ökonomische Bildung 2, S. 42–61.
Friebel, S./Kirchner, V./Loerwald, D. (2016): Schülervorstellungen zum Handel mit Strom. Eine qualitative Interviewstudie im Feld der ökonomischen Energiebildung. In: Zeitschrift für ökonomische Bildung 5, S. 169–189.
Kahler, M. (2011): Ökonomische Grundbildung bei Kindern unter besonderer Berücksichtigung des Themas Geld. Dissertation Universität Hildesheim.
Kattmann, U. (2005): Lernen mit anthropomorphen Vorstellungen? – Ergebnisse von Untersuchungen zur Didaktischen Rekonstruktion in der Biologie. In: Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften,11, S. 165–174.
Klee, A./Lutter, A. (2010): “Greedy Buyers, Amoral Speculators and Lacking State Control” – Pupils’ Conceptions of the Crisis and their Relevance for Political and Economic Learning. In: Journal of Social Science Education, 9, H. 1, S. 59-65.
Loerwald, D./Kirchner, V. (2019): Beruf Unternehmer*in?, Ansatzpunkte für ein erweitertes Konzept der Beruflichen Orientierung. In: Schröder, R. (Hg.): Berufsorientierung in der Schule: Gegenstand der ökonomischen Bildung. Wiesbaden: Springer VS, S. 193-207.
Pang, M.F./Meyer, J.H. (2010): Modes of Variation in Pupils’ Apprehension of a Threshold Concept in Economics. In: Meyer, J.H. /Land, R./ Baillie, C. (Hg.): Threshold Concepts and Transformational Learning, Educational Futures, Bd. 42, Rotterdam: Sense Publishers, S. 365–382.
Schmidt, F. (2015): Den diagnostischen Blick schärfen – Vorstellungen und Orientierungen von Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern zur Diagnose von Lesekompetenz. In: Bräuer, C./Wieser, D. (Hg.): Lehrende im Blick. Empirische Lehrerforschung in der Deutschdidaktik, Wiesbaden: Springer VS, S. 89–109.
Szoncsitz, J. (2020): Ökonomische Bildung aus der Perspektive von Schülerinnen und Schülern der gymnasialen Oberstufe. Eine empirische Studie zu Vorstellungen von Wirtschaft und Wirtschaftsunterricht. Wien: facultas.


2) Orientierung wohin? Wo Schülerinnen und Schüler im Berufsorientierungsprozess stehen
Dr. Margit Ebbinghaus, Moritz Niemann, Bundesinstitut für Berufsbildung, Bonn

Die Berufswahl ist ein wichtiger Schritt im Leben junger Menschen. Sie ist bedeutsam, um individuellen Neigungen nachkommen, am gesellschaftlichen Leben teilhaben, soziale Anerkennung erlangen sowie zu Wirtschaft und Wohlstand beitragen zu können. Viele junge Menschen stellt die Berufswahl jedoch vor große Herausforderungen (vgl. Köcher et al. 2019, S. 68 ff.).

Damit der Übergang in Ausbildung oder Studium gelingt, ist die schulische Berufsorientierung in den letzten Jahren deutlich ausgebaut worden und findet inzwischen auch verstärkt an Gymnasien statt (vgl. Schröder/Faulborn/Fletemeyer 2019; KMK 2017). Aktuell ist die schulische Berufsorientierung besonders wichtig, da durch die Corona-Pandemie der Zugang zu vielen außerschulischen Maßnahmen erschwert oder auch ganz entfallen ist.

Wie aber nehmen Schülerinnen und Schüler (SuS) den Stellenwert der Berufsorientierung an ihrer Schule wahr? Unterscheidet sich diese Wahrnehmung je nach Schulart und Klassenstufe? Bestehen Zusammenhänge zwischen der wahrgenommenen schulischen Berufsorientierung und dem subjektiv erlebten Stand der eigenen Berufsorientierung? Welche weiteren Faktoren (u. a. Geschlecht, Ausbildungsmarktsituation) sind dafür noch bedeutsam?

Diesen Fragen wird anhand von Daten aus einer Befragung von (netto) über 3.000 SuS ab der 9. Klassenstufe allgemeinbildender Schulen aus Nordrhein-Westfalen nachgegangen. Die Befragung fand zwischen August und Dezember 2021 als Online-Klassenraumbefragung an 64 Schulen statt.

Zur Bearbeitung der Fragestellungen werden bi- und multivariate Analysen durchgeführt. Erste Auswertungen, die zur Tagung weiter vertieft werden, indizieren, dass SuS den Stellenwert, der der Berufsorientierung an der Schule zukommt, je nach Schulform und Klassenstufe unterschiedlich wahrnehmen. Ferner zeigt sich ein positiver Zusammenhang zwischen diesem Stellenwert und der Sicherheit, die SuS in ihrem Berufsorientierungsprozess erreicht haben.

Literatur:
Köcher, Renate; Sommer, Michael; Hurrelmann, Klaus: Kinder der Einheit – same same but (still) different! Die McDonald’s Ausbildungsstudie 2019. München 2019
Kultusministerkonferenz (KMK): Empfehlung zur Beruflichen Orientierung an Schulen (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 07.12.2017). Berlin/Bonn 2017
Schröder, Rudolf; Faulborn, Beate; Fletemeyer, Tina: Unterrichtlich integrierte Maßnahmen zur Beruflichen Orientierung in der gymnasialen Oberstufe: Schülerbefragung zur wahrgenommenen Effektivität. Zeitschrift für ökonomische Bildung, 8/2019, S. 27-59


3) Ein Ausblick auf die berufliche Orientierung und damit verbundene Kooperationspraxen nach Corona – Theoretische und konzeptionelle Überlegungen
Dr. Pia Gausling, Universität Bielefeld, Fakultät für Erziehungswissenschaft

Im Fokus des geplanten Beitrags stehen theoretisch-konzeptionelle Fragen nach einer veränderten resp. erweiterten Perspektivierung auf die Berufsorientierung im Zuge der Corona-Pandemie. Pandemiebedingte Einschränkungen im Rahmen studien- und berufsorientierender Angebote können sowohl auf individueller als auch auf struktureller Ebene bereits bestehende Problemfelder virulent werden lassen. Aktuelle Befunde hierzu verweisen u.a. auf einen signifikanten Rückgang an Ausbildungsstellen und -bewerbungen (BMBF, 2021). Insofern markiert die gegenwärtige Krisensituation die Relevanz der beruflichen Orientierung und damit verbundener Maßnahmen und Initiativen.

Vor diesem Hintergrund wird insbesondere der externen Kooperation eine hohe Bedeutung bei der Qualitätsentwicklung von Berufsorientierung zugeschrieben (Bigos, 2020). Eigene Analysen lassen erkennen, dass die außerschulische Zusammenarbeit – in diesem Fall mit Unternehmen – dann als nützlich wahrgenommen wird, wenn sie bildungspolitische Vorgaben wie das landesweite Berufsorientierungsprogramm auf der Makro-Ebene adressiert und aufgreift (Gausling, 2021). Externe Steuerungsformen werden somit durch die Kooperation rekontextualisiert (Fend, 2009).

Bei der Betrachtung von Unterstützungsinitiativen in der aktuellen Krisensituation zeigt sich daran anknüpfend, „dass sich Schule in der Krise vermehrt außerschulischen Akteuren geöffnet (…) hat. Diese in Teilen unkontrollierte Öffnung nach außen steht im Gegensatz zu der eher auf Standardisierung zielenden Steuerungsstrategie vor der durch die Corona-Pandemie ausgelösten Krisensituation und wird sich daher auch in der Folgezeit voraussichtlich auf Schule auswirken“ (Forrell et al., 2021, S. 274).

Von diesen Befunden ausgehend soll in dem vorliegenden Beitrag diskutiert werden, inwiefern durch die Corona-Pandemie möglicherweise neue Kooperationserfordernisse und -bedarfe evoziert werden und sich – bspw. im Kontext zunehmender Digitalisierung – erweiterte Perspektiven für die berufliche Orientierung ergeben.

Diese Überlegungen sind Ausgangspunkt des von Dr. Petra Bauer und Dr. Kim Deutsch entwickelten Kurskonzepts „Life & Vision“, in dem Methoden der Biographiearbeit und das Konzept des Design Thinkings zum Einsatz kommen, um Teilnehmende verschiedener Zielgruppen in der Auseinandersetzung mit ihrer individuellen Biographie zu unterstützen.

Durchgeführt wurde das Blockseminar (4 Module) sowohl in der Frühjahrsuni- und Herbstuni des Career Centers als auch als regelmäßiges Seminar zur Berufsorientierung im Masterstudiengang „Erwachsenenbildung und Weiterbildung“ der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Geplant ist zudem eine internationale Summer School an der Universität in Jyväskylä, Finnland (13.06.-17.06.2022; Erasmusprojekt gefördert durch FORTHEM). Neben der Zielgruppe der Studierenden bieten wir ein angepasstes Angebot „Zwischenbilanz“ im Studieren 50+ Programm des Zentrums für wissenschaftliche Weiterbildung (ZWW) der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sowie an Volkshochschulen an.

Wir würden uns freuen, Einblicke in die Konzepte der Biographiearbeit und des Design Thinkings in pädagogischen Kontexten geben zu können sowie Methoden zu präsentieren und unsere Praxiserfahrungen zu diskutieren.

Literatur
Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) (2021). Berufsbildungsbericht 2021. Online: https://www.bmbf.de/SharedDocs/Downloads/de/2021/berufsbildungsbericht-2021.pdf (24.02.2022).
Bigos, M. (2020). Schule als kooperativer Akteur der Berufsorientierung. Eine qualitative Untersuchung an allgemeinbildenden Schulen. Wiesbaden: VS.
Gausling, P. (2021). Die multiprofessionelle Kooperation am Beispiel der Zusammenarbeit von Schulen und Unternehmen. In K. Kunze et al. (Hrsg.), Kooperation – Koordination – Kollegialität, Befunde und Diskurse zum Zusammenwirken pädagogischer Akteur*innen an Schule(n) (S. 286-296). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Fend, H. (2009). Neue Theorie der Schule, Einführung in das Verstehen von Bildungssystemen. Wiesbaden: VS.
Forell, M., Matthes, P. & im Brahm, G. (2021). Unterstützung von Lehr- und Lernprozessen in Zeiten der Krise. Eine explorative Studie zur Systematisierung wahrgenommener Initiativen im Mehrebenensystem Schule. In C. Reintjes, R. Porsch & G. im Brahm (Hrsg.), Das Bildungssystem in Zeiten der Krise. Empirische Befunde, Konsequenzen und Potenziale für das Lehren und Lernen (S. 261-278). Münster: Waxmann.

Vorträge 2.8: Übergänge im Erwerbsleben

Agiles Planen im beruflichen Übergang
Beratung zum Wohlergehen im beruflichen Übergang
Beruflicher Neubeginn durch Existenzgründung

1) Agiles Planen im beruflichen Übergang
Gabriele Witzenrath, Dipl.-Psychologin, Frau und Beruf e.V., Berlin   

Berufseinstieg, Wiedereinstieg und berufliche Weiterentwicklung erfordern eine Orientierung, die Menschen im beruflichen Übergang suchen. Dieser Übergang ist ein komplexes Arbeitsprojekt: Das berufliche Ziel, der neue Job entstehen oft erst durch zielgenerierende Suchbewegungen, die weiterverfolgt und koordiniert werden wollen. Dabei sind die Suchenden auf sich selbst gestellt: Sie müssen nächste Schritte fortlaufend eigenständig formulieren, konkretisieren, priorisieren und umsetzen. Durch neue Informationen und Erfahrungen bei der Recherche von Joboptionen können sich Arbeitsschritte zudem permanent ändern oder hinzukommen. Es gibt zahlreiche Aufgaben, die „im Kopf schwirren“ und immer wieder Situationen, in denen nicht klar ist, was man konkret tun kann, um voranzukommen. Der berufliche Übergang erfordert ein agiles Mindset, ein hohes Maß an Selbststeuerung und Projektmanagement. Er weist also ähnliche Anforderungen auf wie die agile Arbeitswelt. Daher bietet es sich an, deren bewährte Strategien und Instrumente für den beruflichen Übergang nutzbar zu machen.

Der Vortrag zeigt, wie das agile Projektmanagementtool Kanban auf die Recherche von Joboptionen angewendet wird. Neben der praktischen Handhabung werden die dahinter liegenden psychologischen Prozesse skizziert, die dazu beitragen, dass Menschen ihren beruflichen Übergang motiviert „in die Hand nehmen“, dranbleiben und vorankommen. Dabei wenden sie eine agile Vorgehensweise an, mit der sie sich zugleich für die Arbeitswelt qualifizieren.

Aufgrund von Erfahrungen mit Personal Kanban in Workshops und Einzelberatung stellt der Vortrag dar, worauf es ankommt, damit agiles Planen zur Steuerung des beruflichen Übergangs wirksam werden kann.

Literatur
Benson, Jim; DeMaria Barry, Tonianne: Personal Kanban, 1. Auflage, Heidelberg 2013.


2) Beratung zum Wohlergehen im beruflichen Übergang
Cornelia Eybisch-Klimpel, Dipl.-Psychologin, Frau und Beruf e.V., Berlin

Wie belastend berufliche Übergangssituationen, insbesondere Arbeitslosigkeit, für die mentale Gesundheit sein können, ist vielfach beschrieben, erforscht und dokumentiert worden. Doch gerade in Zeiten beruflicher Veränderung sind die Betroffenen auf ihre emotionalen, kognitiven und psychosozialen Ressourcen besonders angewiesen, um den außergewöhnlichen Herausforderungen gewachsen zu sein. Es stellt sich also die Frage, wie das berufliche Vorankommen mit der Stabilisierung und Wiederherstellung der psychischen Gesundheit zu vereinbaren ist. Wie können wir als Beratende zur mentalen Stärkung unserer Klientinnen und Klienten beitragen und gleichzeitig ihre berufliche Entwicklung beförderm?

Der Vortrag nimmt Bezug auf das 2. Nachhaltigkeitsziel der UN (Gesundheit und Wohlergehen) und stützt sich auf die britische Meta-Analyse “5 Ways to Wellbeing”. Die fünf evidenzbasierten Empfehlungen “Be connected”, “Be active”, “Take notice”, “Keep learning” und “Give” werden im Vortrag auf die Situation des beruflichen Übergangs angewendet, beispielhaft durchdekliniert und mit den Anforderungen verbunden, denen Menschen im beruflichen Übergang ausgesetzt sind.

Dabei werden Erfahrungen reflektiert, die die Referentin mit dem achtwöchigen Gruppenangebot “Be connected – 5 Wege zum Wohlergehen in between jobs” und in Einzelberatungen gesammelt hat. Insbesondere sollen Spielräume für die berufliche Weiterentwicklung ausgelotet, sowie Hindernisse, Herausforderungen und Begrenzungen für das “Wellbeing in between jobs” benannt werden. Überlegungen, wie eine Infrastruktur des beruflichen Übergangs beschaffen sein soll, damit sie die mentale Gesundheit der Menschen befördert und sie zugleich in ihrer beruflichen Entwicklung voranbringt, laden schließlich zur Diskussion ein.

Literatur:
Aked, J., Marks, N., Cordon, C. & Thompson, S. (2008). Five Ways to Wellbeing: A report presented to the Foresight Project on communicating the evidence base for improving people’s well-being. London: New Economics Foundation.


3) Das glücklichere Hamsterrad? Beruflicher Neubeginn durch Existenzgründung
Tanja Schirmacher, Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin

In meinem Dissertationsprojekt untersuche ich berufliche Umstiege mittels Existenzgründung. Dabei helfen mir u.a. ein ehemaliger Herzchirurg, der Lkw-Fahrer wird, eine ehemalige Architektin, die nun Hundekekse backt, und ein ehemaliger Polizist, der als Yogalehrer arbeitet. Meine empirische Arbeit folgt einem qualitativen Ansatz und geht der Frage nach, welche berufsbiografischen Auslöser die befragten Personen zum beruflichen Neubeginn in Selbstständigkeit veranlasst haben. Orientiert an der Grounded Theory-Methodologie arbeite ich an einer Typologie, die den berufsbiografischen Transformationsprozess der Befragten abbildet und neue Erklärungsansätze liefert, wie wir individuelle berufliche Orientierungs- und Entwicklungsprozesse im Zusammenspiel mit Bedingungen der Arbeits- und Berufswelt jenseits von deterministischen Theorien diskutieren können. Der geplante Tagungsbeitrag legt den Fokus auf Gründungsmotive und stellt drei zentrale Thesen vor, die sich auf Basis des derzeitigen Forschungsstands formulieren lassen:

  • Don’t believe the Hype. Die mediale Darstellung der untersuchten Gründungs- und Lebensgeschichten beruflicher Umsteiger*innen ist oftmals verzerrt: Berufliche Selbstständigkeit stellt Ziel und Ergebnis einer höchst individuellen Odyssee dar, und dabei wird nicht zwangsläufig eine Krise durchlebt.
  • Bullshit-Jobs sind Teil des Problems. Die Betrachtung des Umstiegsphänomens ist an die Frage nach der qualitativen Beschaffenheit von Arbeit im Kontext von Gesellschaft und ihren Problemen gekoppelt: Berufliche Strukturen in Dysbalance und erfahrene Sinnleere führen zu (Sozialisations-) Druck und begünstigen gravierende Umstiegsentscheidungen.
  • Geschlechterstereotype beeinflussen Gründungen. Die Betrachtung der Kategorie „Geschlecht“ zeigt, dass berufliche Neuorientierungsprozesse geschlechtsspezifischen Mustern folgen: In Phasen von Ratlosigkeit und Unsicherheit wird auf Bewährtes zurückgegriffen, was sich in der Wahl geschlechterstereotyper Berufe und Repräsentation von Geschlechterstereotypen manifestiert.

Vorträge 2.9: In der frühen Kindheit

Methodenset Geschlechterklischees/BO für Kitas
KidsCareer

1) Methodenset zum Thema Geschlechterklischees und Berufsorientierung für Kitas
Sascha Meinert, Initiative Klischeefrei, Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit e. V., Bielefeld   

Auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt in Deutschland orientieren sich Frauen und Männer nach wie vor sehr unterschiedlich. Das betrifft sowohl die Ausbildungswege, die Mädchen und Jungen einschlagen, als auch die Ausbildungsberufe und Studienfächer, für die sie sich entscheiden. So sind männliche Jugendliche bei der dualen (60%) und weibliche Jugendliche bei der vollzeit­schulischen Ausbildung (70%) überrepräsentiert. Innerhalb des eingeschlagenen Ausbildungs­weges gehen beide Geschlechter dann weiterhin sehr unterschiedliche Wege: Fast drei Viertel der jungen Frauen und über die Hälfte der jungen Männer konzentrieren sich auf lediglich 20 duale Ausbildungsberufe, obwohl im dualen System fast 330 Ausbildungsberufe zur Verfügung stehen. Sowohl in den Schulklassen der berufsbildenden Schulen als auch an den Hochschulen zeigen sich bei der Fächerwahl der Studierenden ebenfalls deutliche Unterschiede zwischen jungen Frauen und Männern.

Geschlechterstereotype spielen also auch heute noch in die Berufs- und Studienwahl hinein. Dabei sollten junge Menschen Berufe finden, die zu ihren Stärken passen und ihnen Spaß machen – frei von Klischees und Geschlechterzuweisungen. Dies zu erreichen, ist das Ziel der Initiative Klischeefrei. Sie versteht sich als breites gesellschaftliches Bündnis und richtet sich an alle am Berufswahlprozess Beteiligte.

Kinder werden schon früh mit einengenden Geschlechterklischees konfrontiert. Diese verfestigen sich im Lebensverlauf und können sich später auf die Berufs- und Studienwahl auswirken. Das Methodenset „Klischeefrei fängt früh an“ eignet sich zur Reflexion von Geschlechterklischees in der frühkindlichen Bildung. Im Vortrag wird deie Anwendung des Methodensets in der Praxis vorgestellt.


2) KidsCareer
Prof. Dr. Ingelore Mammes, Prof. Dr. Dieter Münk, Universität Duisburg-Essen
Prof Dr. Gabriele Graube,
TU Braunschweig

Die Berufsorientierung fokussiert vor allem das Übergangssystem in der beruflichen Bildung (hier als so genannte „Bildungsgänge zur Berufsorientierung und Berufsvorbereitung“) sowie die Sekundarstufe I.

Diese enge Ausrichtung scheint vor dem Hintergrund der Chancengleichheit fragwürdig, werden Entscheidung hinsichtlich des akademischen Werdegangs doch zumeist bereits in der 4. Klasse der Grundschule getroffen und dadurch eine Vorselektion erzeugt. Dabei scheint die Entwicklung der beruflichen Identität schon im Grundschulalter zu beginnen und wird durch stereotype Vorstellungen von Beruf, Familie und Gruppenzugehörigkeiten beeinflusst. Erste stereotype Zuordnungen finden schon im Vorschulalter statt, die sich dabei entwickelnden Stereotype sind zudem nur schwer veränderbar. Als besonders betroffen von solchen Stereotypen erscheinen MINT-Berufe. In diesen Tätigkeitsfeldern machen der Facharbeiter*innenmangel ebenso wie die Geschlechtersegregation Intervention notwendig. Dabei erscheint eine den Bildungsweg begleitende und schon in der Primarstufe beginnende Berufs- und Arbeitsweltorientierung hier einen Beitrag leisten zu können, indem Stereotype gar nicht erst entwickelt und bestehende früh verändert werden.

Im Lehrplan für den Sachunterricht in der Grundschule sind solche Orientierungen bereits vorgesehen. Das Projekt will daher in einem ersten Schritt der Frage nachgehen, welche Stereotype Kinder im durchschnittlichen Alter von 9 Jahren bereits über MINT-Berufe erworben haben. In einem zweiten Schritt soll eine Intervention erfolgen, in der im Sinne einer systematischen Berufsorientierung sechs MINT-Berufe vermittelt werden sollen (Heranführung). Im Anschluss werden die in der ersten Phase ermittelten Stereotype in einer Post- Erhebung erneut abgefragt und auf mögliche Veränderungen untersucht.

12:00 Uhr Mittagspause

Es besteht die Gelegenheit, in der Mensa der Universität Oldenburg, gegenüber dem Tagungsort, oder in einem der umliegenden Bistros zu Mittag zu essen.

13:00 Uhr: Workshops oder Vorträge in 9 parallelen Veranstaltungen

Zeitschiene 3: Workshops

Download: Programmübersicht

Workshop/Symposium 3.1
Berufsbiographische Gestaltungskompetenz (Career Management Skills) – Menschen für eine selbstbestimmteres Berufsleben vorbereiten und stärken

Prof. Dr. Peter C. Weber, N.N., Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

Die Unterstützung von Menschen bei beruflichen Fragen – ob Jugendliche oder Erwachsene – wird in Deutschland oft noch unter dem Druck aktueller und akuter Probleme und mit Blick auf konkrete Lösungen hin organisiert. Dies ist einerseits verständlich, ignoriert aber andererseits zwei wichtige Argumente. Erstens: Berufsorientierung und vergleichbare Maßnahmen dienen auch der Vorsorge und Vorbereitung auf einen volatilen, chancen- sowie risikoreichen beruflichen Weg. Zweitens: Berufsorientierung verfolgt ein Bildungsziel, das jenseits der direkten Verwendbarmachung der Subjekte im Sinne der Arbeitsmarktbedürfnisse liegt. Im internationalen Kontext wurden diese Ziele in den vergangenen Jahren sehr intensiv diskutiert und in vielen Ländern auch (z.B. Curricular) implementiert. Die EU hat sie mit der Resolution des europäischen Rates zur beruflichen Beratung zu einer der wichtigsten Zielsetzungen erklärt. Auch in der Diskussion in Deutschland ist das Thema präsent, jedoch bisher noch mit vergleichbar wenigen konkreten Auswirkungen auf die relevanten (bildungs-)politischen Handlungsfelder und die gelebte Praxis der Berufsorientierung und beruflichen Unterstützung – gerade für Zielgruppen mit niedrigerem Qualifikationsstand.

Das Symposium/der Workshop soll mit mehreren kurzen Beiträgen die Bedeutung und den Stand der Förderung beruflicher Gestaltungskompetenzen in Deutschland aufzeigen und Optionen für deren bessere Etablierung sowie die entgegenstehenden Dilemmata thematisieren:

  • Was sind berufliche Gestaltungskompetenzen, und was macht ihre Aktualität aus?
  • Wie fokussieren aktuelle Maßnahmen der Berufsorientierung diese Kompetenzen?
  • Wie könnten die Ziele der Subjektorientierung und der Selbstbestimmung in die Berufsorientierung und in vergleichbaren Maßnahmen integriert werden?

Neben den Impulsvorträgen soll die fachliche Diskussion und die Entwicklung von Ideen zur Weiterentwicklung des Gegenstandes im Mittelpunkt stehen.

Workshop 3.2
Transformation und Mensch im Mittelpunkt – Wie kann Berufsberatung den Herausforderungen der Transformation am Arbeitsmarkt begegnen?

Mark-Cliff Zofall, Zentrale der Bundesagentur für Arbeit, Nürnberg

Die große Herausforderung, vor denen der deutsche Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren steht, ist die gleiche wie vor der Pandemie: Die Fachkräfte- und Arbeitskräftesicherung infolge des demografischen, technischen und ökologischen Wandels. Diese Aufgabe kann nur gelingen, wenn möglichst viele Menschen in Deutschland eine Chance am Arbeitsmarkt erhalten und sich beruflich qualifizieren können. Daher sind auch die Orientierung zu Bildung und Beruf als ein lebensbegleitendes Thema so wichtig und ein gemeinschaftliches Vorgehen gefordert. Dementsprechend kooperiert die BA mit ihren Netzwerkpartner*innen nach dem Prinzip: „Gemeinsam erreichen wir mehr als allein“.

Mit diesem Ansatz konnten trotz Pandemie lokal und überregional Fortschritte in der Zusammenarbeit mit regionalen Partnerinnen und Partnern erreicht werden. So wurden neue Netzwerke und Kooperationen begründet, wie z. B. die Weiterbildungsagentur in SAT oder Revieragenturen in NRW.

Diese Aktivitäten möchten wir im Workshop gerne kurz vorstellen und uns anschließend mit den Teilnehmenden über weitere Vernetzungsoptionen und -ideen austauschen.

Workshop 3.3
Design Thinking als Katalysator für Veränderungsbereitschaft und Change im Unternehmen

Dr. Barbara Wolf, Monique Landberg, Panorama Wolf, Strategieberatung für kommunikations­orientierte Unternehmensentwicklung, München

Besonders vor dem Hintergrund der Digitalisierung und der sich damit verändernden Anforderungen ist Weiterbildung, Up- und Reskilling von Mitarbeiter*innen für den nachhaltigen Erfolg eines Unternehmens wichtig (Flato, & Reinbold-Scheible, 2006). Aus Angst vor Wechselabsichten wird beruflicher Orientierung im Bereich Human Resources in vielen Unternehmen mit Zurückhaltung begegnet. Dabei ist eine individuell wertschätzende Unterstützung der beruflichen Orientierung ein wichtiger Faktor, um turnover intentions zu reduzieren (Haridas et al., 2021), und dient dazu, die Mitarbeiter*innen zu ihrer wahren Stärke zu entwickeln und die Potenziale der humanen Ressourcen auf eine menschliche Weise zu fördern und zu nutzen.

Schon auf der Konferenz 2021 war Design Thinking ein sehr präsentes Thema. Um heutige und zukünftige Entscheider*innen und Gestalter*innen nachhaltig und ganzheitlich zu befähigen, sich gesund, motiviert und inspiriert den anstehenden Herausforderungen zu stellen und die Zukunft zu gestalten, bieten wir zur Kompetenzbildung LIFE LOOPING (LL) an. LL, basiert auf dem Design-Thinking-Ansatz und integriert weitere Methoden bspw. aus dem agilen Bereich, aus der Persönlichkeitsentwicklung und der Positiven Psychologie. LL aktiviert ein unternehmerisches Mindset und damit auch kreatives Denken, das Ergreifen von Initiative sowie einen konstruktiven Umgang mit Scheitern (Bacigalupo et al., 2016). Diese sind Kernkompetenzen von lebenslangem Lernen. Mit LL wird eine Grundhaltung für die Bewährung auf dem Arbeitsmarkt gelegt, in dem zunehmend digitale und soziale Kompetenzen sowie 21st century skills wie Kreativität und Anpassungsfähigkeit notwendig sind (Woessmann, 2018). Insbesondere adressiert es High Potentials, die besonders gefördert werden möchten und müssen (DeLong, 2011).

Nach einer konzeptionellen, theoriebasierten Einführung zu LL, arbeiten wir mit allen Teilnehmer*innen ganz praktisch und erleben gemeinsam ausgewählte Übungen. Diese ordnen wir im Anschluss wieder in den theoretischen Rahmen ein und erläutern, inwiefern diese Methoden der beruflichen Orientierung im Bereich Human Resources zur Veränderungskompetenz beitragen. Denn diese ist zentral, um Potenziale in Unternehmen zu aktivieren und damit auch turnover intentions zu reduzieren.

Literatur:
Bacigalupo, M., Kampylis, P., Punie, Y., Van den Brande, G. (2016). EntreComp: The Entrepreneurship Competence Framework. Luxembourg: Publication Office of the European Union; EUR 27939 EN; doi:10.2791/593
DeLong, T., 2011, “Flying without a net: Turn fear of change into fuel for success”. Harvard Business Press.
Flato, E., & Reinbold-Scheible, S. (2006). Personalentwicklung: Mitarbeiter qualifizieren, motivieren und fördern-Toolbox für die Praxis. MI Wirtschaftsbuch.
Haridas, J., Ture, R. S., & Nayanpally, A. K. (2021). Organizational career management and turnover intentions: mediating role of trust in management. European Journal of Training and Development.
Woessmann, L. (2018). Berufsbildung in Zeiten des Wandels. Vortrag auf dem BIBB Kongress 2018, Berlin

Workshop 3.4
„Neue Horizonte“ – Den Übergang vom Beruf in den „Un“-Ruhestand gut gestalten

Barbara Heine, Laufbahnberaterin ZML, Wage Mut – Praxis für Laufbahngestaltung, Mainz

Das Ende des Arbeitslebens ist ein bedeutender Einschnitt im Leben eines berufstätigen Menschen und geht mit vielfältigen Veränderungen einher – die Tage sind neu zu strukturieren, mit neuen Inhalten zu füllen. Das soziale Netzwerk verändert sich durch den Wegfall der Arbeitskolleg*innen, das Alltagsleben ist mit dem Partner/der Partnerin neu auszuhandeln. Es gilt „Altes“ zu verabschieden, loszulassen und unter neuen Möglichkeiten für sich selbst gut auszuwählen, den Alltag neu zu gestalten. Die Themen dieses Übergangs sind vielfältig und beschränken sich nicht nur auf das Finden einer erfüllenden künftigen Tätigkeit.

Im Rahmen des Workshops erhalten Sie einen Überblick über die Besonderheiten und Themen dieser besonderen „Lebens-Übergangssituation“. Des Weiteren stelle ich Ihnen ein Beratungskonzept vor, dass sich sowohl für die Einzelberatung als auch für die Arbeit mit Gruppen sehr bewährt hat. Kleinere Methoden können im Workshop ausprobiert werden. Ich freue mich auf Sie!

Workshop 3.5
Selbstfürsorge für Berater*innen

Prof. Dr. Gundula Gwenn Hiller, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

Berufs- und Bildungsberater*innen befinden sich oft in einem Spannungsfeld zwischen den eigenen Vorstellungen von Gesprächsführung, ihren persönlichen Bedürfnissen und standardisierten Vorgängen. Weitere belastende Faktoren wie Zeitdruck, hohe Fallzahlen oder begrenztes Wirksamkeitserleben können sich negativ auf die Arbeitszufriedenheit und Motivation auswirken. Dazu kommt, dass Menschen, die in beratenden Berufen arbeiten, sich oft tendenziell für andere aufopfern, dabei aber sich nicht gut um sich selbst kümmern (Hantke & Goerges 2019). Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Berater*innen über entsprechende Tools verfügen, die ihnen helfen, ihren körperlichen Stress auszugleichen und ihr physisches und psychisches Wohlbefinden aufrecht­zuerhalten.

Unter Selbstfürsorge versteht man Empfehlungen und Methoden, die von körperlicher Fürsorge bis hin zum Training gesundheitsfördernder mentaler Techniken und Emotionsregulierung reichen. In diesem Workshop werden grundlegende Konzepte der Selbstfürsorge wie Achtsamkeit und Ressourcenpflege eingeführt. So können Achtsamkeitstechniken für Berater*innen ein wertvolles Werkzeug der Selbstfürsorge darstellen, zum einen, da sie helfen, eigene Emotionen, aber auch Bedürfnisse wahrzunehmen. Auch kann Achtsamkeit neue Perspektiven eröffnen und Unvoreingenommenheit fördern, was die Arbeit erleichtert (Harrer 2013). Nach Kauffeld & Hoppe (2011, S. 236) sind Ressourcen „Faktoren, die den Umgang mit einer Stresssituation erleichtern können.“ Im Sinne der Selbstfürsorge geht es darum, eigene Ressourcen zu nähren bzw. aufzubauen, um die eigene Resilienz zu stärken.

In diesen Workshop fließen u.a. Ergebnisse eines europäischen Projekts zur Stärkung sozio-emotionaler Kompetenzen von Berufsberater*innen (STRENGTH) ein. Die Teilnehmenden erhalten nach einer theoretischen Einführung eine Checkliste zur Selbstreflexion und ein kleines Übungs­repertoire, das sie mit in ihren Alltag nehmen können.

Literatur:
Hantke, Lydia; Goerges, Hans-Joachim (2019). Ausgangspunkt Selbstfürsorge: Strategien und Übungen für den psychosozialen Alltag (Deutsch). Junfermann.
Harrer, Michael E. 2013: Burnout und Achtsamkeit In: Selbstfürsorge für Therapeuten und Berater. (Verlag: Klett-Cotta; 1. edition)
Kauffeld S, Hoppe D (2011) Arbeit und Gesundheit. In: Kauffeld S (Hg.) Arbeits-, Organisations- und Personalpsychologie: 223-244. Springer Medizin Verlag. Berlin, Heidelberg

Zeitschiene 3: Vortragspanels

Download Programmübersicht

Vorträge 3.6: Nachhaltige Berufliche Orientierung

– Netzwerk
Grüne Arbeitswelt: Fragestellungen zur Nachhaltigen BO
Bildung für Nachhaltige Entwicklung in der Berufsberatung

1) Vorstellung des Netzwerks Grüne Arbeitswelt, Arbeitsweisen und Fragestellungen in Bezug auf eine Nachhaltige Berufliche Orientierung
Krischan Ostenrath, Iken Draeger, Wissenschaftsladen Bonn, Netzwerk Grüne Arbeitswelt   

Die Beschäftigungssituation der grünen Arbeitswelt, d.h. der auf den Schutz von Klima und Umwelt ausgerichteten Arbeitsplätze, sieht sich angesichts ihrer ungebrochenen und voraussichtlich noch zunehmenden Dynamik immer stärker mit der Frage nach künftigen Fachkräften konfrontiert. Einerseits durch aktuelle gesellschaftliche Debatten um die Erreichung wichtiger Nachhaltig­keitsziele anschlussfähig und andererseits durch die relative Unbekanntheit „grüner“ Karrierewege gebremst, wird sich die nachhaltige Wirtschaft in Deutschland angesichts der absehbaren Fachkräftebedarfs intensiv mit der Frage nach gelungener Berufsorientierung auseinandersetzen müssen.

Vor diesem Hintergrund formiert sich das Netzwerk Grüne Arbeitswelt (www.gruene-arbeitswelt.de), das unterschiedliche Akteure der beruflichen Orientierung und Bildung (Unternehmen, Verbände, Fachinstitutionen, Bildungseinrichtungen und Medien) zusammen­führt, mit dem Ziel, Jugendlichen Impulse für eine nachhaltige Berufswahl zu geben. Im Vortrag werden wir die Angebote des Netzwerk Grüne Arbeitswelt vorstellen und an konkreten Beispielen zeigen, wie Nachhaltigkeitsfragen in der Berufsorientierung aufgegriffen und in die eigenen Bildungs- und Beratungsangebote integriert werden können. Dargestellt werden Einmün­dungswege in die grüne Arbeitswelt und Anlaufstellen für Jugendliche, um nachhaltige Berufe kennenzulernen. Dabei werden verschiedene Fragen aufgeworfen zur Diskussion gestellt:

  • Welche Berufsfelder sind in besonderer Weise von SDGs berührt und insoweit der Nukleus einer grünen Arbeitswelt?
  • Welche Bedeutung haben Partizipations- und Gestaltungsansprüche in einem auf BNE ausgerichteten Berufsorientierungsprozess?
  • Inwieweit muss eine Berufsorientierung für Nachhaltigkeit auch selbst eine nachhaltige Berufsorientierung sein?
  • Was bedeuten diese Überlegungen für die Ausformung medialer, digitaler und/oder praxisorientierter Bildungsansätze?


2) Bildung für Nachhaltige Entwicklung in der Berufsberatung – Lösung für den doppelten Fachkräftemangel?
Stefan Rostock, GermanWatch (angefragt)

Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt ist von mehreren Herausforderungen betroffen: Zum einen die händeringende Suche nach Fachkräften, zum anderen die Umstellung auf zukunftsfähige nachhaltige Produktions- und Konsumangebote, die den Bedarf an Effizienz, Konsistenz und Suffizienz für die Transformation erfüllen, kurz: die Umstellung auf nachhaltige Geschäftsmodelle. Die berufliche Ausbildung ist für viele Einstieg in das Arbeitsleben und Anlass, die eigene Rolle als Bürger*in zu reflektieren und zu stärken. Die durch die Klimakrise verstärkten multiplen Krisen werden sich auf alle Berufe auswirken. Der Beitrag geht der Frage nach, auf welche geänderten Rahmenbedingungen Berufsberatung eingehen kann. Er wirft einen Blick auf den laufenden Transformationsprozess, seine Herausforderungen und Chancen sowie erste Antworten der Bildungsarbeit. Der Vortrag gibt zudem erste Anregungen für die zukunftsfähige Bildungs- und Berufsberatung.

Vorträge 3.7: Im Lehramtsstudium

– Relevanz der Berufswahlmotive für eine gelingende Berufswahl

#BO2teach – Ein digitalgestütztes Professionaliserungsangebot für Lehramtsstudierende

1) Relevanz der Berufswahlmotive für eine gelingende Berufswahl am Beispiel beruflicher Lehramtsstudierender
Anne Stellmacher, Jennifer Paetsch, Technische Universität Berlin, Institut für Erziehungswissenschaft, Fachgebiet Pädagogische Psychologie  

Der aktuelle Lehrkräftemangel, der im beruflichen Lehramt besonders akut ist (Klemm, 2018), ist von hoher bildungspolitischer und gesellschaftlicher Relevanz. Neben der Gewinnung von mehr Studienanfänger*innen erscheint es wichtig, diejenigen Studierenden, die sich für das Studium entschieden haben, so zu unterstützen, dass sie ihr Studium erfolgreich absolvieren und letztlich im Beruf ankommen. Entsprechende Handlungsmöglichkeiten auf Seiten der Universitäten sind zum einen, das Studium an die Zielgruppe auszurichten und attraktiver zu gestalten, und zum anderen, eine zielgruppengerechte Beratung und Unterstützung anzubieten. Hierfür benötigen die Universitäten mehr Wissen über die Eingangsvoraussetzungen und Berufswahlmotive der Lehramtsstudierenden. Es ist bspw. bereits bekannt, dass es im beruflichen Lehramt einen hohen Anteil an Studierenden mit nicht-akademischen Hintergrund (first generation students) sowie mit abgeschlossener Berufsausbildung gibt (Grunau & Petzold-Rudolph, 2021; Stellmacher et al., 2021). Im Vortrag werden diese Voraussetzungen in Zusammenhang mit der Berufswahl­motivation betrachtet. Vorgestellt werden Ergebnisse einer latenten Profilanalyse, die eine Stichprobe von N = 350 Studierenden beruflicher Fachrichtungen in Gruppen mit ähnlichen Berufswahlmotivausprägungen zusammenfasst. Mithilfe dieser Methode konnten für die Berufswahl günstige Motivkonstellationen sowie eine Risikogruppe mit ungünstigen Aus­prägungen in den Berufswahlmotiven identifiziert werden. Mithilfe eines anschließenden Vergleichs der Gruppen bezüglich ihrer Eingangsvoraussetzungen sowie ihres berufsbezogenen Selbstkonzeptes und ihrer Berufswahlsicherheit lassen sich die Gruppen genauer beschreiben. Anhand dieser praktisch relevanten Ergebnisse sollen Möglichkeiten für die inhaltliche Studien­gestaltung sowie Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten abgeleitet und im Plenum diskutiert werden.

Literatur:
Grunau, J., & Petzold-Rudolph, K. (2021). First Generation Students in den beruflichen Lehramtsstudiengängen. bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Spezial 18.
Klemm, K. (2018). Dringend gesucht: Berufsschullehrer: Die Entwicklung des Einstellungsbedarfs in den beruflichen Schulen in Deutschland zwischen 2016 und 2035. Bertelsmann Stiftung. https://doi.org/10.11586/2018042
Stellmacher, A., Adam-Gutsch, D., Huck, J. & Ophardt, D. (2021). Ergebnisse der Befragung der Lehramtsstudierenden an der Technischen Universität Berlin Sommersemester 2019. Technische Universität Berlin. https://doi.org/10.14279/depositonce-11156


2) #BO2teach – Ein exemplarisches digitalgestütztes Professionalisierungsangebot für Lehramtsstudierende im Kontext Beruflicher Orientierung
Annina Mohr, Universität Trier, Arbeitsbereich Didaktik der deutschen Sprache, Fachbereich Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften

Globalisierung, demographischer Wandel, Digitalisierung und Migration – Megatrends, die unsere heutige Arbeitswelt dominieren. Damit einher gehen zunehmende Bestrebungen nach einer stärkeren Flexibilität, geprägt von wachsendem Konkurrenzdruck bei steigender Gewinn­orientierung. Entsprechend steigt die Relevanz der Fähigkeit, sich stetig weiterzuentwickeln und anzupassen. Dies stellt alle Akteure der Berufsorientierung, wie beispielsweise auch Lehrpersonen aller Fächer und Schulformen, vor vielfältige Herausforderungen. Daher ist es unumgänglich, Professionalisierungs­maßnahmen von Lehramtsstudierenden bzgl. Beruflicher Orientierung zu transformieren. Hier setzt das Forschungsprojekt an. Im Rahmen des vom BMBF geförderten Projektes TrigitalPro1 wurde ein digitalgestütztes Professionalisierungsangebot für Lehramtsstudierende aller Fächer konzipiert. Das digitale Seminar #BO2teach, das erstmalig im Wintersemester 2021/2022 durchgeführt wurde, basiert auf der Vorstellung, dass Schüler*innen im Berufsorientierungsunterricht Kompetenzen entwickeln, ihre eigene Berufsbiographie lebenslang und selbstständig zu gestalten. Ideen, wie dies integriert im Fachunterricht umgesetzt werden kann, entwickeln die Studierenden, indem sie u.a. berufs­orientierende Lerngelegenheiten für ihr Fach konzipieren. Im Zentrum des an das Seminar angebundenen Forschungsprojekts steht die Rekonstruktion der professionellen Entwicklung der Studierenden. Hier wird besonders der Frage nachgegangen, warum sich die Studierenden intrinsisch mit dem Thema Berufsorientierung auseinandersetzen. Mittels berufsbiographisch-narrativer Interviews, die mit Hilfe der Dokumentarischen Methode ausgewertet werden, sollen mögliche Entwicklungsaufgaben sowie berufsbiographisch relevante Momente als Handlungsbegründungen identifiziert werden. Auf einem Poster und im Vortrag könnten einerseits Erfahrungen bzgl. des Seminars sowie Studierendenprodukte präsentiert werden. Andererseits könnten erste Forschungsergebnisse diskutiert werden.

Vorträge 3.8: Berufe – Vorstellung und Realität

– Mädchen Stärken – MINT einmal anders

Strukturierte Betriebspraktika als Instrument der BO

1) Mädchen stärken: MINT einmal anders – Praxisbeispiel für eine ganzheitliche Kompetenzentwicklung
Sabine Gans; Universität Trier, Fachbereich III – Didaktik der Gesellschaftswissenschaften
Terence Droste, Dipl.-Psychologe, t-droste – Computergestützte Diagnostik und Evaluation, Muche  

Berufliche Orientierung ist eine Frage individueller Lebensgestaltung, beeinflusst durch gesell­schaftliche Realität, organisatorische Rahmenbedingungen und politische Entschei­dungen. Gerade Mädchen müssen sensibel sein für Geschlechterspezifika der Berufswahl und deren individuell- biographische, soziale und ökonomische Folgen. In einer Welt, die gekennzeichnet ist durch Transformation und zunehmende Komplexität, sollten sie mit Methoden und Strategien vertraut werden, um verstehen, partizipieren, entscheiden, gestalten zu können. Über die inhaltliche Auseinandersetzung und im Handeln selbst erweitern sich informatische Kompetenz und das Berufe-Spektrum. Damit einher geht Demokratieerfahrung, und es stellen sich persönliche sowie ethisch- soziale Fragen.

Die Projektwerkstatt MINT mal anders:
Die Werkstatt ist eingebettet in das Gesamtprojekt „Plus am Schlossberg – Mädchen stärken“: In einem Mentorinnensystem bekommen Mädchen Rollenvorbilder und Coaching; sie entwickeln eigene Potenziale, Perspektiven und lernen Möglichkeiten kennen. Projektwerkstätten bieten Gelegenheit zu vertiefter Auseinandersetzung mit Berufs­bildern, persönlicher Entwicklung und Erfahrung. Die dreitägige Projektwerkstatt thematisiert das Konstruieren und Drucken in 3D. Zielsetzung: Einblick in die Berufswelt der Entwicklung, Konstruktion sowie in moderne und zukünftige Fertigungstechniken im 3D-Druck. Sie entwickeln ein 3D-Werkstück selbst und stellen es her.

Projektpartner, Evaluation:
Universität Trier, Hochschule Köln, Realschule plus Westerburg, Fa. t-droste, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung. Zur Evaluation von Gesamtprojekt und Maßnahmen wurden bereits individuelle Einstellungen und Kenntnisse zu Berufsfeldern von Schüler*innen erhoben. Davon ausgehend sind Interviews zu den politisch-gesellschaftlichen Dimen­sionen (Berufswahlverhalten, Rollenklischees, biographische Vorbilder, politische Entscheidungen und ihre Auswirkungen) vorgesehen, deren erste Ergebnisse im September vorgestellt werden können.


2) Strukturierte Betriebspraktika als Instrument in der Beruflichen Orientierung
Dr. Rebecca Lembke, Andrew Absolon, Institut für Ökonomische Bildung (IfÖB), Universität Oldenburg

Die berufliche Orientierung ist eine anerkannte Aufgabe der allgemeinbildenden Schulen (Niedersächsisches Kultusministerium 2017, S. 2; Niedersächsisches Kultusministerium 2018, S. 3; Allianz für Aus- und Weiterbildung 2017, S. 3). Hierin stellen Schülerbetriebspraktika ein wesentliches Element zur Orientierung durch einen Praxiseinblick dar, in dem sie die Anforderungen der Arbeitswelt und im Speziellen des gewählten Berufes kennenlernen können. Im Vergleich unterschiedlicher Maßnahmen sprechen Schüler*innen Praktika eine größere Wirksamkeit in der beruflichen Orientierung zu als anderen Angeboten (vgl. Wood/Lauterbach 2013). Dies kann unter anderem darauf zurückgeführt werden, dass Praktika seit langer Zeit von Schulen durchgeführt werden und so Lehrpersonen als auch Praxispartner*innen zunehmend an Routine und Erfahrung gewinnen (vgl. ebd., 18). Und dennoch zeigt sich, dass Praktika nicht immer ihr volles Potenzial entfalten. Die Gründe können vielfältig sein: Unvollständige Informationen der Schüler*innen zu Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten, Überforderung der Jugendlichen bei der eigenständigen Suche und Auswahl eines Praktikumsplatzes, fehlende Passung zwischen persönlichen Berufszielen und dem lokalen Praktikumsangebot und fehlende inhaltliche Aufgabenstellungen für Schüler*innen im Praktikum.

An diesem Punkt setzt das Projekt „IT macht Schule (ITMS)“ des Fachkräftebündnisses Nordwest an, um Schüler*innen in ihrer beruflichen Orientierung durch inhaltlich strukturierte Praktika für IT-Berufe zu unterstützen. Die Unterstützung richtet sich nicht nur an Schüler*innen, sondern auch an Lehrpersonen und Mitarbeiter*innen im Unternehmen in Form von Materialien zu grundlegenden betrieblichen Aufgabenstellungen, IT-spezifischen Aufgabenstellungen und Zeitplänen.

In dem Beitrag sollen neben der grundsätzlichen Bedeutung von Schülerbetriebspraktika im Prozess der beruflichen Orientierung vor allem Ansätze zur unterrichtlichen Einbindung sowie zur Unterstützung der Durchführungsphasen Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung diskutiert werden.

Vorträge 3.9: Unterstützung von Übergängen

– Wege zur Gesunderhaltung in der beruflichen Neuorientierung

Vorstellung des ProfilPASS und seiner verschiedenen Einsatzvarianten

1) Wege zur Gesunderhaltung – Auslöser, Wirkungen und Umsetzung beruflicher Neuorientierung
Stefanie Steible, vhs Landkreis Roth, Fachbereichsleitung Beruf und Digitalisierung

Eine XING-Studie in den deutschsprachigen Ländern Zentraleuropas hat ergeben, dass 25 % der Beschäftigten nicht zufrieden mit ihrer aktuellen Tätigkeit sind. Dennoch bringen die Wenigsten den Mut zur Veränderung auf, den eine Neu- oder Umorientierung erfordern würde. Häufig hindern die Finanzen oder das Umfeld, aber auch die Angst, keinen stringenten Lebenslauf mehr aufzuweisen oder schlichtweg zu scheitern.

Dem entgegen steht die Anforderung vieler Unternehmen, Personal mit Kreativität und hoher Lösungsorientierung zu rekrutieren. Vielfach ist heute eher Generalisierung als Spezialisierung gefragt. Diejenigen, die den Schritt gehen, werden meist belohnt, erscheinen aber mehrheitlich motiviert durch bspw. vorherige Familien-/Orientierungsphasen, einschneidende persönliche Erlebnisse, Überlegungen im Rahmen von Krankheit und Sabbaticals oder Stellenabbau sowie Migration. Manchmal gelangen Beschäftigte auch zu der Einsicht, schlichtweg den falschen Beruf gewählt zu haben.

In diesem Vortrag soll anhand exemplarischer Beispiele und der eigenen Erwerbsbiografie der Referentin gezeigt werden, welche Gründe eine Änderung der beruflichen Orientierung auslösen und wie diese seitens des Umfeldes besser unterstützt werden könnte, um zu einer sinnstiftenden Aufgabe zu kommen, die Spaß macht und so zu höherer Produktivität führen kann.

Nach der Auseinandersetzung mit den Gründen werden Wege zur konkreten Umsetzung beschrieben. Insbesondere soll das Selbstmarketing im Fokus stehen, durch dessen geschickten Einsatz es gelingen kann, Aspekte aus dem bisherigen Erwerbsleben mit der gewünschten Zieltätigkeit zu verknüpfen. Der Vortrag wird auch belegen, dass es weniger um Selbstverwirklichung, sondern vielmehr um Gesunderhaltung geht. Deshalb fordert die Referentin, den sog. gebrochenen Lebenslauf anzuerkennen, das Alter als Hürde für Veränderungen auszuschließen sowie Möglichkeiten der Aneignung von Qualifikationen zu implementieren, ohne große finanzielle Unsicherheiten eingehen zu müssen.


2) Vorstellung des ProfilPASS und seiner verschiedenen Einsatzvarianten in der Beruflichen Orientierung an allen Übergängen
Brigitte Bosche, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung, Bonn

Im Laufe ihres Lebens stehen Menschen immer wieder vor Entscheidungen, die ihren weiteren Weg bestimmen. Neben den klassischen Übergangssituationen, wie der Übergang von der Schule in die Ausbildung, gibt es jedoch auch kritische Lebensereignisse, die Menschen herausfordern, an ihrer Lage etwas ändern zu wollen oder zu müssen, etwa bei andauernder Frustration mit der Arbeitssituation oder bei Jobverlust. Bei der Frage „Was kann ich wirklich gut?“ denken die meisten Menschen an ihre formalen Bildungsabschlüsse und haben seltener das im Blick, was sie in informellen Lernkontexten wie Familie, Freizeit und Ehrenamt erlernt haben. Genau an dieser Stelle setzt das etablierte und bundesweit verbreitete Instrument ProfilPASS an. Seine Initiatoren gingen von der Annahme aus, dass die Reflexion, Dokumentation und Bilanzierung der Kompetenzen eine wichtige Option für Erwachsene und ältere Jugendliche darstellt, weil sie so gezielter lern- und arbeitsbiografische Lebensentscheidungen treffen können.

Die Arbeit mit dem ProfilPASS beruht auf zwei Säulen: dem vorstrukturierten Portfolio und der qualifizierten Beratung. Durch die systematische Beschäftigung mit ihrem bisherigen Leben und ihren Tätigkeiten werden sich die ProfilPASS-Nutzenden ihrer persönlichen Interessen sowie Stärken bewusst. Im Ergebnis entsteht ein individuelles Kompetenzprofil, welches die in formalen Lernprozessen erworbenen und zertifizierten schulischen, beruflichen und hochschulischen Qualifikationen ergänzt.

Der 2006 erstmals erschienene „blaue“ ProfilPASS, der sich an Erwachsene richtet, ist so angelegt, dass er von allen Zielgruppen genutzt werden kann. Seit 2018 entstehen im Rahmen von EU-Projekten zielgruppenspezifische ProfilPASS-Versionen, die für Personengruppen mit individuellen Bedürfnissen geeignet sind: ProfilPASS in Einfacher Sprache (für Neuzugewanderte), ProfilPASS für die Selbstständigkeit, Barrierefreier ProfilPASS in Leichter Sprache sowie der ProfilPASS zum Durchstarten.

Im Rahmen eines Vortrags soll der ProfilPASS mit seinem vielfältigen Portfolio an Versionen und Beratungstools vorgestellt und anschließend mit Blick auf deren praktischen Einsatz diskutiert werden.

Ab 15:30 Uhr Freizeit- und Abendprogramm

Nach der Tagung gibt es die Gelegenheit, den Tagungsort näher zu erkunden und dabei die neuen und alten fachlichen Bekanntschaften zu vertiefen.

Stadt- und Schlossführung Oldenburg (Dauer ca. 2 Stunden)

Stadtspaziergang Oldenburg (Dauer ca. 1,5 Stunden)

Wahlweise mit Bustransfer zum Startpunkt (siehe Anmeldeformular)

Ab 18:00 Uhr Tagungsausklang

In einem zentral gelegenen Restaurant ist zum stimmungsvollen Ausklang der Tagung ein Raum für die Tagungsgäste reserviert (Selbstzahler; siehe Anmeldeformular).

Für alle, die das Wochenende noch in Oldenburg und seiner Umgebung verbringen wollen, hält die Touristen-Information Oldenburg weitere interessante Angebote und Erlebnisse bereit.

Sie können sich bis einschließlich 15.08.2022 zur Tagung anmelden.