Luis Quintero / Pexels

Internationale Fachtagung am 25./26.September 2025 in Mannheim

Chancengerechtigkeit durch Beratung

Dokumentation

Bild einer Läuferin mit zarten Gliedmaßen an der Startlinie
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Gemeinsame Veranstaltung
von
Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung e. V. (dvb)
Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

Nationales Euroguidance Zentrum Deutschland c/o Bundesagentur für Arbeit

Beraterinnen und Berater in Bildung, Studium, Beruf und Beschäftigung begegnen einer vielfältigen Klientel mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Diese Diversität stellt hohe Anforderungen an die Professionalität der Beratenden: Es gibt nicht nur methodische und kommunikative Hürden, sondern birgt auch persönliche Herausforderungen wie Empathie und Vorurteilsfreiheit. Trotz gesellschaftlicher Bekenntnisse zur Vielfalt bleibt Chancengleichheit für viele Gruppen unerreicht, insbesondere für marginalisierte Personen.

Um Chancengerechtigkeit zu fördern, kann Beratung ein zentraler Baustein sein. Dafür benötigen Berater*innen methodisch-inhaltliche und sprachlich-kommunikative Kompetenzen sowie fundierte Kenntnisse über Unterstützungsangebote und Netzwerke, um allen Ratsuchenden bestmögliche Hilfe zu bieten. Die Rahmenbedingungen der Beratungsarbeit sind eine weitere Voraussetzung für gelingende Prozesse.

Die Tagung bot Beratenden aus dem deutschsprachigen europäischen Raum Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen, Methoden und Tools kennenzulernen und zu reflektieren und so ihre Vielfalts-Kompetenz auszubauen. Dabei wurden offene Fragen zur Chancengerechtigkeit identifiziert sowie die Praxisnetzwerke der Teilnehmenden für eine vielfaltssensible Beratung ausgebaut.

Danke für Ihre Teilnahme und den fruchtbaren Austausch!

Dr. Judith Moll, Wolfgang Oppacher, Torsten Tomenendal,
Gabriele Witzenrath
Vorstand Deutscher Verband für Bildungs- und
Berufsberatung e. V. (dvb)

dvb-Bildmarke (Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung e.V.)

Prof. Dr. Andreas Frey
Rektor der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit
(HdBA)
Prof. Dr. Deborah Jackwerth-Rice
Pro-Rektorin der Hochschule der Bundesagentur für
Arbeit (HdBA)

HdBA-Logo der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit

Elena Manvelian
Nationales Euroguidance Zentrum Deutschland
in der Bundesagentur für Arbeit

euroguidance-Logo des Euroguidance Zentrums Deutschland
Elena_Manvelian3
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Donnerstag, 25.09.2025

Moderation der Gesamtveranstaltung:
Eva Linke
Bildungsberaterin und Trainerin

Keynote I

Dipl.-Ing.in Rosemarie Pichler (Projektleiterin)
Jeanette Hammer, B.A. (Beraterin)
Bildungs- und Berufsberatung Niederösterreich

Wie Netzwerkarbeit und Qualitätssicherung die Chancengerechtigkeit unterstützt – am Beispiel der Bildungs- und Berufsberatung NÖ

Die Keynote eröffnet mit Kurzvideos von Beratungskund*innen, die persönliche Einblicke in ihre Erfahrungen geben und so die Bedeutung von Chancengerechtigkeit greifbar machen. Im Anschluss wird der Begriff Chancengerechtigkeit grundlegend erläutert: Was bedeutet Chancengerechtigkeit im Allgemeinen, und wie unterscheidet sie sich von Chancengleichheit?

Ein Schwerpunkt liegt auf den strukturellen Rahmenbedingungen, die Chancengerechtigkeit ermöglichen: Die Bildungs- und Berufsberatung Niederösterreich stellt ihre Netzwerk- und Qualitätsarbeit, gezielte Öffentlichkeitsarbeit sowie die Ansprache vielfältiger Zielgruppen vor. Um Chancengerechtigkeit weiterzugeben, müssen Berater*innen sie selbst erleben. Daher werden Professionalisierungs- und Unterstützungsformate präsentiert, die chancengerechte Beratung fördern.

Regionale Aspekte werden durch den Ansatz der mobilen und aufsuchenden Beratung sowie durch überregionale Vernetzung und Kooperationen beleuchtet. Abschließend widmet sich die Keynote aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen wie Green Transition, Migration, Digitalisierung und Altersdiskriminierung und zeigt auf, wie die Bildungs- und Berufsberatung NÖ darauf reagiert. Raum für offene Fragen der Teilnehmenden rundet den Vortrag ab.

Präsentation

bbn-Qualitätskonzept

14:30 Uhr          Workshop-Phase A

A2: Beratung am Übergang aus der WfbM in den allgemeinen Arbeitsmarkt: Die Include³-Methode für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen

Prof. Dr. Silvia Keller, Jenny Schulz (M.A.), Hochschule der Bundesagentur für Arbeit

  • Wie kommuniziere ich in der Beratung verständlich und empathisch mit Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen?
  • Wie kann ich fallbezogene Netzwerke in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen verdeutlichen?
  • Wie kann ich als Berater*in den Reflexions- und Copingprozess von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen anregen?

Diese beispielhaften Fragestellungen zeigen, dass die berufliche Beratung für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen hohe Anforderungen an Berater*innen stellt. Im Praxisworkshop werden wir den Fragen mit Erkenntnissen aus dem Include³-Projekt „auf den Grund“ gehen.

Der Übergang aus Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) auf den allgemeinen Arbeitsmarkt ist mit zahlreichen Herausforderungen verbunden. Schätzungsweise 1% aller Beschäftigten in WfbM gelingt der Übergang aus der Werkstatt in den allgemeinen Arbeitsmarkt (Antidiskriminierungsstelle des Bundes, 2013, S. 13). Das EU-geförderte Projekt Include³ (2022-2025) entwickelt eine praxisorientierte Methode (Include³-Methode), die Beratende dabei unterstützt, diesen Übergangsprozess inklusiv, stärken- und ressourcenorientiert zu gestalten. Dabei werden für den Übergangsprozess wichtige Stakeholder wie Betriebe und die berufliche Bildung in geschützten Werkstätten einbezogen (Keller, Körtek & Schulz, 2024, S. 1).

Im Rahmen dieses Praxisworkshops erhalten die Teilnehmer*innen einen praxisnahen Einblick in die Include³-Methode und erproben spezifische Lehr- und Lernmaterialien aus dem entwickelten Curriculum, die sich auf die Kommunikation, das Netzwerken und Reflexion und Coping mit und von Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen beziehen (Keller, Körtek & Schulz, 2025). Die Materialien können in der Beratung vielfältig von Berater*innen, Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und Betrieben genutzt werden. Ziel des Workshop ist es, die Praxistauglichkeit dieser Materialien zu bewerten und über deren Einsatz in der Bildungs- und Beratungspraxis zu reflektieren. Abschließend werden gemeinsam Implikationen für die Beratungspraxis erarbeitet.

Präsentation

Literatur:
Antidiskriminierungsstelle des Bundes. (2013, Mai). Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen. Expertise im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Zugriff unter https://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/downloads/DE/publikationen/Expertisen/expertise_zugang_zum_allg_arbeitsmarkt_f_menschen_mit_behinderungen.pdf?__blob=publicationFile&v=3

Keller, S., Körtek, Y., & Schulz, J. (2024, Februar). Transition from sheltered employment to the general labour market: current training and counselling practice. Implementation, results and implications from focus group interviews in Belgium, Cyprus, Germany and Slovenia. Zugriff unter https://include3.eu/wpcontent/uploads/2024/07/Include_3_FOCUS_GROUP_Report_EN.pdf

Keller, S., Körtek, Y., & Schulz, J. (2025, Februar). Curriculum (Vorabversion). Zugriff unter https://include3.eu/wpcontent/uploads/2025/03/Include3_Curriculum_Draft_version_EN.pdf

Kurzbiografien der Referierenden:
Prof. Dr. Silvia Keller ist seit Mai 2019 Professorin für Integration in Arbeit – Teilhabe am Arbeitsleben an der HdBA in Mannheim. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Inklusion und Beschäftigungsförderung. Sie ist zudem Projektleiterin im Erasmus+ Projekt „Include³“.
Jenny Schulz ist seit September 2022 an der HdBA beschäftigt und in den beiden Erasmus+ Projekten „Include³“ und „CGC-DigiTrans“ als Wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Zuvor durchlief sie unterschiedliche Positionen in der BA, unter anderem in der Arbeitgeberberatung.

A3: Zwischen Zweifel und Neubeginn: Instrumente zur Beratung von Studienzweifelnden und -abbrechenden mit psychischen Belastungen

Sandy Mann, Isabell Hofmeister, Kooperationsstelle Wissenschaft und Arbeitswelt (KOWA) Leipzig

Beratende begleiten Studienzweifelnde und -abbrechende bei Übergängen, geben Orientierung und
unterstützen in belastenden Lebenslagen. Dabei begegnen ihnen häufig herausfordernde
Beratungssituationen – etwa wenn Ratsuchende noch wenig Veränderungsbereitschaft zeigen oder
psychische Belastungen eine berufliche Orientierung erschweren. Um Beratende gezielt in solchen
Fällen zu unterstützen, wurde im Projekt Quickstart Sachsen Transfer ein praxisnahes Instrument
entwickelt: das „Beratungs- und Coachinginstrumentarium für Studienzweifelnde und -abbrechende
mit psychischen Belastungen und einem besonders hohen Orientierungsbedarf“. Die Handreichung
bündelt Methoden, Reflexionshilfen und Gesprächsstrategien für die Arbeit mit dieser Zielgruppe
und steht kostenfrei als PDF zum Download bereit. Aktuell wird sie zudem in ein digitales
Selbstlernangebot überführt, das eine flexible und individuelle Weiterbildung für Beratende
ermöglicht.
Im Workshop werden daher zunächst zentrale Inhalte der Handreichung vorgestellt und das geplante
Selbstlernangebot skizziert. Anschließend wird eine ausgewählte Methode aus dem Instrumentarium
gemeinsam erprobt und im Hinblick auf verschiedene Beratungskontexte reflektiert.

Präsentation

Kurzbiografien der Referierenden
Sandy Mann studierte Soziale Arbeit mit Vertiefung im Bereich Beratung und Behandlung. Sie ist fortgebildet im Systemischen Coaching und in Traumapädagogik. Ihre Schwerpunkte: Beratung bei Studienzweifeln/-abbrüchen sowie Begleitung und Fortbildung von Berater*innen und Multiplikator*innen.
Isabell Hofmeister hat Erziehungswissenschaft und Erwachsenenbildung studiert. Sie absolvierte eine Ausbildung in Systemischer Therapie sowie als Heilpraktikerin für Psychotherapie. Ihre Schwerpunkte: ganzheitlicher Ansatz in Beratung und Therapie von psychisch belasteten bzw. erkrankten Menschen.

A4: Chancengerecht geht nur klischeefrei! Mit Vorstellung des E-Learning-Kurses „Klischeefrei zu Berufen beraten“

Margit von Kuhlmann, Václav Demling, Initiative Klischeefrei/BIBB

Die Berufsbildungsforschung zeigt: viele Jugendliche schließen Berufe und Studiengänge von vornherein aus, weil sie vermeintlich nicht zur eigenen Geschlechtszugehörigkeit passen. Dieses Berufswahlverhalten trägt in Deutschland zu einem stark nach Geschlecht aufgeteilten Arbeitsmarkt bei. Dabei sollten junge Menschen Berufe finden, die zu ihren Stärken passen – chancengerecht und frei von einengenden Rollenbildern. Das ist das Anliegen der Initiative Klischeefrei.

Eine gendersensible und damit chancengerechte Beratung ist jedoch nicht überall und immer selbstverständlich. Schnell ist man verbal in die Klischeefalle getappt. Es lohnt sich deshalb für Beraterinnen und Berater, Genderkompetenzen systematisch zu erwerben und ihr eigenes Beratungshandeln unter diesem Aspekt zu hinterfragen. Regelmäßiges Reflektieren eigener Haltungen fördert den Entwicklungsprozess.

Die Teilnehmenden erfahren in einem Input Ergebnisse aus der Berufsbildungsforschung über Geschlechterklischees und ihre Wirkung auf die Berufswahlentscheidung. Mit praktischen Beispielen aus dem Alltag und den Medien verdeutlichen wir in einem nächsten Schritt typische Geschlechterzuschreibungen. Der Workshop regt die Teilnehmenden zur Überprüfung ihrer eigenen Haltung gegenüber Geschlechterbildern und Berufsbildern an.

Der kostenfreie E-Learning-Kurs „Klischeefrei zu Berufen beraten“ der Initiative Klischeefrei ist ein Kursangebot, das systematische Informationen ebenso wie die Möglichkeit zur Reflektion bietet. Der Kurs richtet sich an Fachkräfte in der Berufsberatung von Jugendlichen und jungen Menschen in der Phase der Berufsorientierung und -entscheidung.

Er umfasst die folgenden Themen:

  • Reflexion des eigenen Handelns in Bezug auf Geschlechter- und Berufsklischees
  • Grundlagenwissen und praktische Übungen zur sozialen Konstruktion von Geschlecht
  • Statistische Kennzahlen zur geschlechterstereotypen Berufs- und Studienwahl
  • Klischeefreie (Bild-)Sprache im Kontext der Berufsberatung
  • Methoden und Strategien zur Erweiterung des Berufswahlspektrums
  • Berufswahltheoretische Grundlagen zum Einfluss von Geschlecht

Die Teilnehmenden lernen mit dem E-Learning-Kurs „Klischeefrei zu Berufen beraten“ ein strukturiertes Fortbildungstool kennen und können es vor Ort ausprobieren (am eigenen Laptop, Tablet, Smartphone).

Präsentation

Workshop-Ergebnisse: Tafel 1 Tafel 2 Tafel 3

Kurzbiografien der Referierenden
Margit von Kuhlmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesinstitut für Berufsbildung und seit 2019 für Öffentlichkeitsarbeit der Servicestelle der Initiative Klischeefrei zuständig.

Václav Demling ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesinstitut für Berufsbildung und arbeitet seit 2017 für die Servicestelle der Initiative Klischeefrei im Bereich Öffentlichkeitsarbeit.

A5: Teilhabe und Chancengerechtigkeit durch Einfache Sprache

Dr. Sarah Pfeffer, involas Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik GmbH

Sprache ist der Schlüssel zu Teilhabe, beruflicher und gesellschaftlicher Integration und spielt damit eine entscheidende Rolle für Chancengerechtigkeit. Sprache kann aber auch Barrieren schaffen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Von Sprachbarrieren besonders betroffen sind z.B. Menschen mit nicht-muttersprachlichen Deutschkenntnissen, aber auch Bildungsinländer*innen mit geringen Lese- und Schreibfähigkeiten oder niedrigem Bildungsstand. Die Themen Sprachsensibilität und Einfache (verständliche) Sprache gewinnen daher beim Erreichen dieser Zielgruppen, in der Beratung sowie in diversen Bereichen des täglichen Lebens zunehmend an Bedeutung.
Probleme entstehen insbesondere dann, wenn Fachsprache verwendet wird, z.B. in Formularen und im Schriftverkehr von Behörden. Aber auch in der mündlichen Kommunikation im Beratungsgespräch kommt es zu Missverständnissen. Daraus resultieren ungewollt Fehler, die Motivation sinkt, Prozesse geraten ins Stocken, das Konfliktpotenzial steigt. In vielen Fällen ließe sich dies vermeiden oder zumindest stark
reduzieren. Sowohl von Seiten der Beratenden als auch auf Seiten der Ratsuchenden gibt es also einen hohen Bedarf nach Entlastung durch sprachliche Vereinfachungen.
Das Konzept der Einfachen Sprache birgt das Potenzial, Barrieren abzubauen, Nachfragen zu reduzieren, Konflikte zu vermeiden, Verständnis zu sichern und Kommunikationsziele direkter zu erreichen. Daher wird es gerade in Beratungskontexten immer wichtiger, sich mit diesem Konzept auseinanderzusetzen und sich zentrale Kompetenzen in diesem Bereich anzueignen.

Workshop-Ziele:

  • Stärkung der Fähigkeiten zur klaren und verständlichen Kommunikation
  • Grundverständnis des Konzepts der Einfachen Sprache (und Abgrenzung zu Leichter Sprache für Menschen mit kognitiven Einschränkungen)
  • Sensibilisierung für die Bedeutung einfacher Sprache in der Kommunikation mit Ratsuchenden
  • Vermittlung von Techniken zur Vereinfachung von Texten und Formularen
  • Stärkung der Fähigkeiten zur klaren und verständlichen Kommunikation
Präsentation

Kurzbiografie der Referierenden
Dr. Sarah Pfeffer studierte Anglistik und Germanistik und promovierte zu Literaturübersetzungen. Sie hat umfangreiche Erfahrung in den Bereichen sprachsensible Beratung, Entwicklung von Materialien in Einfacher Sprache sowie in der Durchführung von Workshops und Schulungen zu diesem Thema.

A6: Chancengerechtigkeit für Beschäftigte 50+ als Aufgabenfeld der Beratung im Retention Management

Prof. Dr. Bernd-Joachim Ertelt, Prof. Dr. Michael Scharpf, Institut für angewandte Beratungswissenschaften GmbH (INfaBW)

Beschäftigte 50+ bringen wertvolle Stärken in die Betriebe ein, die aufgrund des aktuellen Fachkräftemangels besonders gefragt sind. Das Projekt „Silver Grow“ (Erasmus+) entwickelt und erprobt beraterische Maßnahmen, um Beschäftigte 50+ als Fachkräfte im Betrieb zu halten sowie ihre Kompetenzen zu fördern. An dem internationalen Projekt (2022-2025) wirken sechs Organisationen aus Polen, Finnland, Bulgarien, Slowenien und Deutschland mit.

Wir beziehen uns hier auf die Altersdiversität im Bereich der Beschäftigung, wobei die Bedeutung der Beschäftigten 50+ in Betrieben und Gesellschaft betont wird. Trotz neuem Fokus auf Diversität werden in der Arbeitswelt die über 50-Jährigen oftmals übersehen. Altersdiversität erkennt an, dass unterschiedliche Altersgruppen unterschiedliche Fähigkeiten, Erfahrungen und Perspektiven einbringen, die das Arbeitsumfeld bereichern können und für die betriebliche Produktivität wichtig sind. 

Unsere empirischen Studien zeigen, dass Beschäftigte 50+ und Betriebe korrespondierende Bedürfnisse und Erwartungen formulieren, etwa in Bezug auf die Sicherung des Erfahrungswissens, die Work-Life-Balance, die generationsübergreifende Kooperation und die Gestaltung flexibler Übergänge in den Ruhestand. Auch besteht Einigkeit darin, dass die Age-Diversität eine umfassende Aufgabe darstellt, die eingebettet sein muss in eine Betriebskultur, welche die spezifischen Haltungen, Erfahrungen und Leistungen der Beschäftigten 50+ positiv einbindet.

Das Ziel des Projektes ist u.a. die Entwicklung und Testung von interaktiven Kursen, die von Personal- und Berufsberatenden genutzt werden können. Auf dieser Basis haben wir Beratungsübungen für verschiedene Anwendungsformate (Individual-Trainings, Trainings mit Trainer*innen, Gruppen-Trainings) in folgenden Themenbereichen entwickelt:

  • Selbsteinschätzung und Lebensplanung
  • Motivation und Eigenverantwortung
  • Umgang mit Stress und Burnout, Gesundheit und Wohlbefinden
  • Veränderungsmanagement und Problemlösung
  • Teamarbeit und generationenübergreifende Kommunikation und Wissensweitergabe
  • IT (z.B. Künstliche Intelligenz, Cloud-Anwendungen, Remote-Arbeit)

Diese Übungen sorgen dafür, dass im Rahmen eines proaktiven HR-Managements die Beschäftigten 50+ ihre Arbeit im Sinne ganzheitlicher Beruflichkeit erleben, was wir als Chancengerechtigkeit hinsichtlich ihres Potenzials definieren.

Der Workshop umfasst folgende Inhalte:

  • Vorstellung des Projektes „Silver Grow“ (Erasmus+)
  • Exemplarische Übungen und Diskussion
Präsentation

Kurzbiografien der Referierenden:
Dr. Bernd-Joachim Ertelt, Professor für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Lehrbeauftragter an der HdBA und Universität Mannheim sowie Gastprofessor an der National University of Mongolia in Ulaanbaatar/Mongolei. Mitbegründer des Instituts für angewandte Beratungswissenschaften GmbH (INfaBW).

Dr. Michael Scharpf, Professor an der HdBA mit dem Schwerpunkt Public Management und Controlling sowie Gastprofessor an der National University of Mongolia in Ulaanbaatar/Mongolei. Mitbegründer des Instituts für angewandte Beratungswissenschaften GmbH (INfaBW).

A7: Berufliche Orientierung – Heterogene Angebote treffen auf heterogene Bedürfnisse

Dr. Tillmann Grüneberg, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

Die berufliche Orientierung (BO) in Deutschland ist durch eine ausgeprägte Heterogenität geprägt – sowohl auf Angebots- als auch auf Nachfrageseite. Unterschiedliche bildungspolitische Entwicklungen in den Bundesländern (KMK, 2023), eine Vielzahl an Akteur*innen sowie uneinheitliche Umsetzungspraxen führen zu einer fragmentierten BO-Landschaft (Linten & Prüstel, 2008; Weyland et al., 2021; Bertelsmann Stiftung, 2022). Im Projekt „Guiding Schools“ wurde versucht Angebote und Anbieter für Schulen systematisch zu erfassen (Blaich et al., 2022), für einige Programme lassen sich Evaluationen finden (Borchers et al., 2017; Sommer & Rennert, 2020; Kalisch et al., 2023; BiSMit, 2024), jedoch wird selten ein vergleichender Blick auf den Nutzen unterschiedlicher BO-Formate geworfen. Auf Seiten der Schüler*innen zeigt sich ebenfalls eine große Spannbreite: Begabungsvielfalt, ein undifferenziertes Kompetenz- und Interessenprofil (Grüneberg, 2024), sowie unterschiedliche Zugänge und Zugangsbarrieren durch soziale Herkunft und Migrationshintergrund (Mutlu et al., 2024) verdeutlichen die Herausforderung heterogener Anforderungen an BO-Angebote und Beratung.
Die Roland-Berger-Stiftung (RBS) fördert leistungsstarke Schüler*innen, die durch soziale Situation und ggf. Migrationsgeschichte benachteiligt wären. Die laufende bundesweite Studie (angestrebt n ≥ 100, Klassenstufen 9–12) mit RBS-Stipendiat*innen beleuchtet deren Informationsbedarfe, Suchverhalten und Nutzung digitaler Tools (Online-Self-Assessments (OSA), Apps, KI). Im Fokus steht das Reflexionspotenzial dieser Tools, sowie die Nutzung und Bewertung schulischer und außerschulischer Orientierungsformate. Eingebunden sind die Fragen in die Evaluation der BO-Angebote der Stiftung und deren Weiterentwicklung. Der Workshop lädt zur Diskussion über Perspektiven einer diversitätssensiblen BO ein und bietet Einblicke in empirische Befunde sowie in die praktische Weiterentwicklung bestehender Angebote (von Workshops zu digitalen Tools).

Präsentation

Kurzbiografie des Referierenden:
Dr. Tillmann Grüneberg vertritt aktuell die Aufgaben der Professur für Beratungswissenschaft mit dem Schwerpunkt “Beratung in digitalen Kontexten” an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Schwerin und ist als Studien- und Berufsberater für die Roland-Berger-Stiftung tätig.

Verleihung des Josephine-Levy-Rathenau-Preises

Vorstellung der preisgekrönten Arbeit von Michael Hoenninger, Evangelische Hochschule Freiburg:
Supervision in der Landwirtschaft. Oder Supervision als primärpräventiver Ansatz in der Landwirtschaft

Download der Arbeit

V.l.n.r.: Prof. Dr. Ingo Blaich, Juryvorsitzender; Michael Hoenninger, Preisträger; Torsten Tomenendal, dvb-Vorstand

Freitag, 26.09.2025

Workshop-Phase B

B1: Beratung von Studierenden mit beruflicher Vorqualifikation bei Studienzweifeln

Ann-Marie Olthoff, Agentur für Arbeit Osnabrück

Eine quantitativ relevante Komponente studentischer Heterogenität an deutschen Hochschulen stellt das Thema der beruflichen Vorqualifikationen dar – im Sommersemester 2021 besaßen 25,5 % aller Studierenden einen vor dem Studium erworbenen beruflichen Ausbildungs- bzw. Fortbildungsabschluss (Kroher et al. 2023). Hierbei ist neben Studierenden im dritten Bildungsweg insbesondere auf die große Gruppe beruflich vorqualifizierter Studierender mit schulischer Hochschulzugangsberechtigung hinzuweisen. Beruflich vorqualifizierte Studierende weisen insgesamt, etwa hinsichtlich Alter, Berufserfahrung und bildungsbiografischem Werdegang, eine große Heterogenität auf (Kamm et al. 2016). Beim Studium mit Berufsausbildung handelt es sich zudem um ein „soziales Phänomen“ (Ordemann et al. 2023), das vielfach von Einflüssen der sozialen Herkunft geprägt ist. Studierende dieser
Zielgruppe bringen berufspraktische Kompetenzen und Erfahrungen ins Studium mit, können dort jedoch auch auf Schwierigkeiten stoßen, die nicht nur Studierende im dritten Bildungsweg vor Herausforderungen stellen. Entsprechend stellt sich die Frage, wie beruflich vorqualifizierte Studierende bei Studienzweifeln beraterisch unterstützt werden können. Eine Rückkehr in den Ausbildungsberuf mag für einige Studierende eine Option darstellen (Tieben 2024), angesichts individueller Orientierungsprozesse hin zur Studienaufnahme kann die Entscheidungssituation jedoch ebenso ein hohes Maß an Komplexität aufweisen. Bei beruflich vorqualifizierten Studierenden finden sich insofern viele Aspekte studentischer Diversität und spezifische Bedarfslagen, die auch in der Beratung relevant werden.

Im Workshop sollen daher, nach einem Einstieg mit Theorieinput, Erfahrungen aus der Beratung von Studierenden mit beruflichen Vorqualifikationen, deren Anliegen und Fragen, ausgetauscht werden. Aus diesen Impulsen und dem Rückgriff auf Beratungsansätze, z.B. Life Designing, sollen gemeinsam Ideen entwickelt werden, wie beruflich vorqualifizierte Studierende bei Studienzweifeln beraterisch sinnvoll unterstützt werden können.

Präsentation

Literatur:
Kamm, Caroline; Spexard, Anna; Wolter, Andrä; Golubchykova, Olga (2016): Beruflich Qualifizierte als spezifische Zielgruppe an Hochschulen. Ergebnisse einer HISBUSBefragung. In: Andrä Wolter, Ulf Banscherus und Caroline Kamm (Hg.): Zielgruppen Lebenslangen Lernens an Hochschulen. Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung des Bund-Länder-Wettbewerbs “Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen”: Waxmann (Band 1), S. 165-196.

Kroher, Martina; Beuße, Mareike; Isleib, Sören; Becker, Karsten; Ehrhardt, Marie-Christin; Gerdes, Frederieke et al. (2023): Die Studierendenbefragung in Deutschland: 22. Sozialerhebung. Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2021. Hg. v. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Berlin. Online verfügbar unter https://www.dzhw.eu/pdf/ab_20/Soz22_Hauptbericht.pdf, zuletzt geprüft am 09.04.2025.

Ordemann, Jessica; Buchholz, Sandra; Spangenberg, Heike (2023): Von direkten und alternativen Wegen ins Studium: Eine quantitative Analyse zum sozialen Phänomen der beruflich-akademischen Doppelqualifizierung von Studienberechtigten. In: Jessica Ordemann, Frauke Peter und Sandra Buchholz (Hg.): Vielfalt von hochschulischen Bildungsverläufen. Wege in das, durch das und nach dem Studium. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 47–77.

Tieben, Nicole (2024): Destinations after higher education non-completion: the role of social background and pre-tertiary vocational qualifications. In: Empirical Research in Vocational Education and Training 16 (1), S. 1–21. DOI: 10.1186/s40461-024-00161-5 .

Kurzbiografie der Referierenden:
Ann-Marie Olthoff ist Berufsberaterin und hat Beratung für Bildung, Beruf und Beschäftigung an der HdBA Mannheim sowie Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Kindheit und gesellschaftliche Diversität an der Universität Osnabrück und der University of Sussex studiert.

B2: Digital Divide und Teilhabe in der Beratung – gefährdete Gruppen erkennen und digitale Kompetenzen erfassen

Prof. Dr. Peter C. Weber, Jenny Schulz (M.A.), Hochschule der Bundesagentur für Arbeit

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt und die Beratung grundlegend. Gleichzeitig besteht die
Gefahr, dass bestimmte Personengruppen (z.B. Ältere, Arbeitslose, Personen mit Migrationshintergrund, Personen mit Beeinträchtigungen) digital abgehängt werden. Diese ungleiche digitale Teilhabe wird als Digital Divide bezeichnet. Die digitale Spaltung stellt eine Herausforderung für Beraterinnen in Bildung, Beruf und Beschäftigung bei der Erreichung ihrer Kundinnen und der Vermittlung in/Aufrechterhaltung von Beschäftigung (Guitert et al., 2020) dar.
Im Rahmen dieses Praxisworkshops (Praxislabor) sensibilisieren sich die Teilnehmenden für die Problematik des Digital Divide und seine Auswirkungen auf die Teilhabe an Beratung und am Arbeitsmarkt. Die Teilnehmenden versetzen sich in die Sichtweise von Ratsuchenden, die Gefahr laufen, durch die Digitalisierung den Anschluss zu verlieren, und reflektieren, welchen Zugang diese Klient*innen zu Beratung, zu Weiterbildung und zum Arbeitsmarkt finden. Die Teilnehmenden lernen im zweiten Teil den DigiTrans-Kompetenzrahmen zur Clusterung digitaler Kompetenzen (Weber & Schulz, 2023) kennen und wenden ihn als stärkenorientiertes Tool zur Erhebung digitaler Kompetenzen an.

Literatur:
Guitert, M., Romeu, T & Colas, J.F. (2020) Basic digital competences for unemployed citizens: conceptual framework and training model, Cogent Education, 7:1, 1748469, DOI: 10.1080/2331186X.2020.1748469


Weber, P., & Schulz, J. (2023). CGC-DigiTrans Report CGC – Roundabouts for Digital Transformation (CGC–DigiTrans) – Professional Guidance & Counselling (CGC) in Multi-Actor-Networks. https://digitransformation.net/wp-content/uploads/2024/10/CGC-DigiTrans-Report.pdf

Präsentation

Empathy Map
Fallbeschreibung

Kurzbiografien der Referierenden:

Prof. Dr. Peter C. Weber ist seit Juni 2016 Professor für Beratungswissenschaften an der HdBA. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in Digitalisierung und KI in der beruflichen Beratung sowie dem Lernen und den Kompetenzen von Erwachsenen. Zudem ist Prof. Dr. Weber Projektleiter der Projekte CGC-DigiTrans und E-KI-B.
Jenny Schulz ist seit September 2022 an der HdBA beschäftigt und in den beiden Erasmus+ Projekten „Include³“ und „CGC-DigiTrans“ als Wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Zuvor durchlief sie unterschiedliche Positionen in der BA, unter anderem in der Arbeitgeberberatung.

B3: Beraten mit Haltung – Methodenvielfalt im Spannungsfeld von Vocational Guidance, Career Education und Life Design


Cyrill Ziegler, Prof. Dr. Marc Schreiber, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Institut für Angewandte Psychologie (IAP)

Wie planbar sind Laufbahnen in der heutigen Zeit noch und welche Beratungshaltungen vertreten wir diesbezüglich als Beratungspersonen? Abhängig davon stellt sich die Frage, welche Methoden sich anbieten, um unsere Klientinnen bestmöglich zu unterstützen. Ist es unsere Aufgabe, gemäss dem vocational guidance den Klientinnen zu helfen, einen Job zu finden, der möglichst gut zu ihrer Persönlichkeit und ihren Werten passt? Dann drängen sich Tests und Fragebögen als vielversprechende Methoden für ein gutes Matching auf. Oder geht es doch eher gemäss dem Paradigma der Career Education darum, Klient*innen mit ihren Motiven und Interessen beim proaktiven Management ihrer linearen und planbaren Laufbahn zu unterstützen? Wenn wir dieses Paradigma vertreten, erscheint eine Unterstützung durch Methoden aus dem lösungsorientierten Coaching sinnvoll. Geht man davon aus, dass die sich ständig verändernde Arbeitswelt eine verlässliche Karriereplanung gar nicht mehr zulässt und wir vielmehr unsere Laufbahn (und den Sinn darin) innerhalb unseres sozialen Kontextes fortlaufend selbst konstruieren müssen, dann können narrative Verfahren im Sinne des Life Designs gewinnbringend eingesetzt werden.
Innerhalb des Workshops werden die drei Laufbahnparadigmen und deren Entstehung kurz in einem theoretischen Input vorgestellt. Danach geht es aber vor allem darum, pro Laufbahnparadigma jeweils eine konkrete Methode punktuell auszuprobieren und in der Gruppe zu reflektieren. Ebenso soll eine Auseinandersetzung bezüglich der Unterschiedlichkeiten aber auch Gemeinsamkeiten der verschiedenen Methoden wie auch deren gezielten Anwendungsmöglichkeiten je nach eingenommenem Paradigma besprochen werden. Abschliessend gibt es sicherlich auch noch genügend Zeit und Raum, um die eigene
Haltung sowie deren Einwirkung auf unsere Beratungspraxis zu betrachten und mit anderen Workshopteilnehmenden zu diskutieren.

Präsentation

Kurzbiografien der Referierenden:
Cyrill Ziegler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Zentrum für Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung am IAP. Er hat A&O-Psychologie studiert und war in der Arbeitsintegration als Job-Coach tätig. Seit April 2025 doktoriert er nun im Bereich Meaning at Work mit Fokus auf narrativen Methoden.

Marc Schreiber ist Professor für Laufbahn- und Persönlichkeitspsychologie im IAP. Er berät in Fragen der Laufbahnentwicklung. Seine Schwerpunkte liegen in der Laufbahnberatung in der Arbeitswelt 4.0, Laufbahn- und Persönlichkeitspsychologie sowie qualitative und quantitative Beratungsmethoden.

B4: Chancengerecht beraten: Fallarbeit im Kontext der Diversität und Inklusion mit der Critical Incident Technique

Prof. Dr. Gundula Gwenn Hiller, Prof. Dr. Silvia Keller, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

Beratung in einer vielfältigen Gesellschaft ist ein zentraler Baustein zur Förderung von Chancengerechtigkeit – insbesondere für Menschen, die aufgrund körperlicher oder psychischer Beeinträchtigungen, sprachlicher Hürden oder traumatischer Erfahrungen als besonders vulnerabel gelten (Keller & Zick-Varul, 2024). Gerade im Kontext der Beratung in der Bundesagentur für Arbeit und Job-Center treffen Beratende auf eine heterogene Kundschaft aus unterschiedlichen sozialen und kulturellen Milieus. In solchen behördlichen Gesprächen können vielfältige Irritationen auftreten – von Sprachbarrieren über institutionelles Misstrauen bis hin zu psychisch bedingten Auffälligkeiten (Heidig et al., 2015).

Im Workshop wird ein Konzept vorgestellt, das auf die Entwicklung diversitätssensibler Beratungskompetenz abzielt. Grundlage ist die Critical Incident Technique (CIT) nach Flanagan (1954), die mit realen, irritierenden Situationen aus der Beratungspraxis arbeitet. Die Methode wurde von uns weiterentwickelt, um sie gezielt auf Fragestellungen einer chancengerechten Beratung vulnerabler Gruppen anzuwenden (Hiller & Zillmer-Tantan, 2022).

Die Fallbeispiele stammen aus dem arbeitsmarktbezogenen Beratungskontext und wurden multiperspektivisch – unter anderem durch Expert*innen und Betroffene – kommentiert. Sie geben Einblick in Herausforderungen im Zusammenhang mit Krankheit, Trauma oder Behinderung und stellen eine didaktisch fundierte Methode dar, das eigene Beratungshandeln zu reflektieren und zu erweitern. Das speziell hierfür entwickelte D-P-S-I-Analyseraster (Diversity – Person – Situation – Institution) ermöglicht eine strukturierte Reflexion komplexer Beratungssituationen.

Im Workshop diskutieren wir Fallbeispiele, reflektieren eigene Wahrnehmungsmuster und entwickeln Handlungsansätze für eine ressourcenorientierte und professionelle Beratungspraxis. Ziel ist es, die eigene Beratungsarbeit im Umgang mit Diversität, Trauma und Behinderung weiterzuentwickeln.

Präsentation

Literatur:
Flanagan, J. C. (1954). The critical incident technique. Psychological Bulletin, 51(4), 327–358.

Heidig, J., Schmidt, M., Jäkel, I., & Zips, B. (2015). Gesprächsführung im Jobcenter: Über die Kunst, wirksam zu beraten und gesund zu bleiben. EHP.

Hiller, G. G., & Zillmer-Tantan, U. (2022). Eine Frage der Perspektive 2: Critical Incidents aus den Bereichen arbeitsmarktbezogene Beratung, Vermittlung und Integration. Mannheim: Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (Ed.).

Hiller, G.G., & Keller, S. (wird 2025 erscheinen): Eine Frage der Perspektive 3: Critical Incidents in der arbeitsmarktbezogenen Beratung von Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen.: Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (Ed.).

Keller, S. & Zick-Varul, M. (2024): Work4Psy – ein innovatives Modell für die berufliche Beratung von jungen Menschen mit psychischen Erkrankungen und seelischen Behinderungen – Curricula beruflicher Bildung. In: Ixmeier, S., Buck, P. & Münk, D. (Hg.). Chancen für Alle durch (berufliche) Bildung: Inklusion und Teilhabe für Menschen mit gesundheitlicher Beeinträchtigung. Bielefeld: wbv Publikation.

Kurzbiografien der Referierenden:
Prof. Dr. Gundula Gwenn Hiller ist Professorin für Beratungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Interkulturelle Kompetenz und Migration an der HdBA. Sie forscht zur diversitätssensiblen Beratung und entwickelt praxisnahe Weiterbildungsformate mit der Critical Incident Technique.
Prof. Dr. Silvia Keller ist seit Mai 2019 Professorin für Integration in Arbeit – Teilhabe am Arbeitsleben an der HdBA. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Inklusion und Integration von Menschen mit körperlichen, geistigen und psychischen Behinderungen in den Arbeitsmarkt.

B5: Personzentrierte Beratung im Übergang Schule – Beruf: Jugendliche mit Förderbedarf

Paul Feitler, Michèle Schmitz, ATVA (Agence pour la transition vers une vie autonome) Luxembourg

Wie gelingt chancengerechte Beratung für junge Menschen mit Förderbedarf und Beeinträchtigung im Übergang von der Schule ins Berufsleben? Der Workshop stellt den personzentrierten Ansatz der ATVA – Agence pour la transition vers une vie autonome (Agentur für den Übergang in ein autonomes Leben, Luxemburg) – vor, der auf den Grundhaltungen von Empathie, bedingungsloser Wertschätzung und Kongruenz basiert. Im Mittelpunkt steht dabei immer der junge Mensch – mit seinen individuellen Lebensentwürfen, Fähigkeiten und Träumen. Beratung bedeutet hier nicht, Lösungen vorzugeben, sondern gemeinsam Wege zu eröffnen, Erfahrungen zu ermöglichen und Entwicklungsräume zu schaffen – auch über Umwege.

Fehlversuche gelten nicht als Scheitern, sondern als Lernchancen. Die Beratung erfolgt prozessorientiert und langfristig, wobei der Aufbau einer stabilen, verlässlichen Beziehung zwischen Berater*in und Jugendlichem zentral ist. Diese Beziehung bietet Orientierung, Sicherheit und Vertrauen – besonders für junge Menschen, die bislang oft Ausgrenzung erfahren haben.

Fachwissen über Arbeitsmarktbedingungen ist unerlässlich, doch entscheidend bleibt die Beziehungsgestaltung. Die Jugendlichen werden ermutigt, Verantwortung zu übernehmen, eigene Entscheidungen zu treffen und aus ihren Erfahrungen zu lernen. Die Rolle der Berater*innen ist es, diesen Prozess zu begleiten – als Gegenüber auf Augenhöhe.

Anhand konkreter Praxisbeispiele diskutieren wir, welche Chancen, aber auch Herausforderungen dieses Modell im deutschsprachigen Beratungskontext mit sich bringt.

Präsentation

Kurzbiografien der Referierenden:
Paul Feitler ist Direktor der ATVA (Agence pour la transition vers une vie autonome). Nach langjähriger Tätigkeit im nationalen Sonderschulsystem (Éducation différenciée) gründete er 2018 die ATVA zur Begleitung von Jugendlichen mit Förderbedarf in die aktive Lebensphase.
Michèle Schmitz ist Koordinatorin der ATVA-Direktion. Nach über 20 Jahren Erfahrung in der inklusiven Grundschule wechselte sie 2018 zur ATVA. Sie hat dort zunächst direkt mit Jugendlichen gearbeitet und ist heute u.a. für den Bereich der internen Weiterbildung zuständig.

B6: Talente im Fokus: Mehr Chancengerechtigkeit durch Talentscouting

Simone Jawor-Jussen, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Levent Semercioglu, Annika Schneider, Westfälische Hochschule

Die soziale Herkunft beeinflusst die Bildungsentscheidungen junger Menschen sowie ihre Teilhabe an beruflichen und akademischen Bildungsgängen nach wie vor deutlich. In NRW besteht mit dem NRW-Talentscouting ein dauerhaftes Beratungsangebot für Schüler*innen der Sekundarstufe II, dessen ausgeprägte Wirkung auf einen chancengerechteren Zugang zum Hochschulstudium und in die Berufsausbildung durch eine experimentelle Panelstudie nachgewiesen wurde (Erdmann et al. 2022). Im Rahmen des Programms begleiten und beraten inzwischen 110 Talentscouts landesweit über 30.000 engagierte Schüler*innen, die insbesondere aus nichtakademischen und weniger privilegierten Familien stammen, langfristig und individuell während des (Fach-)Abiturs und auf dem anschließenden Weg in eine Berufsausbildung oder ein (duales) Studium. Die Talentscouts sind hauptamtlich an 27 Fachhochschulen und Universitäten in NRW angestellt und absolvieren eine berufsbegleitende zertifizierte Weiterbildung am NRW-Zentrum für Talentförderung. Eine Grundlage der Talentförderung ist das Prinzip Leistung im Kontext, das die Leistungen junger Menschen im schulischen und außerschulischen Bereich unter Berücksichtigung risikobehafteter Lebenssituationen anerkennt (Bienek und Kottmann 2025).

Im Workshop wird das Programm NRW-Talentscouting praxisbezogen vorgestellt. Dazu werden die Grundprinzipien der Talentförderung sowie die Weiterbildungen des NRW-Zentrums für Talentförderung, die sich u.a. an Talentscouts und Lehrkräfte richten (vgl. NRW-Zentrum für Talentförderung 2025), erläutert. Anhand von Einblicken in die Weiterbildung sowie in die Praxis der Talentscouts wird der Beratungsansatz des Talentscoutings diskutiert. Anliegen des Workshops ist es herauszuarbeiten, wie die flexible, potenzialorientierte und adressatengerechte Beratung im Talentscouting dazu beiträgt, ein breites Spektrum junger Menschen zu adressieren und damit Chancengerechtigkeit bei der Gestaltung von Bildungsbiografien zu fördern.

Präsentation

Literatur:
Bienek, Magdalena; Kottmann, Marcus (2025): Hintergrund und Genese des NRW-Talentscoutings. Vom Strategiekonzept zu Bildungsinnovationen. In: Melinda Erdmann, Juliana Schneider, Irena Pietrzyk, Marcel Helbig und Marita Jacob (Hg.): Auf dem Weg zur Hochschulbildung. Beiträge aus Wissenschaft und Praxis aus NRW. Münster: Waxmann, S. 47–64
.

Erdmann, Melinda; Helbig, Marcel; Jacob, Marita; Pietrzyk, Irena; Schneider, Juliana; Allmendinger, Jutta (2022): Soziale Ungleichheit beim Hochschulzugang verringern. Intensive Beratung fördert die Passung zwischen Potenzialen und Bildungsentscheidungen (WZBrief Bildung, 45). Online verfügbar unter https://bibliothek.wzb.eu/wzbrief-bildung/WZBriefBildung452022_erdmann_helbig_jacob_petrzyk_schneider_allmendinger.pdf, zuletzt geprüft am 08.01.2025.

NRW-Zentrum für Talentförderung (Hg.) (2025): Den Blick auf Talente weiten: TALENTFÖRDERUNG IN DER PRAXIS. Qualifizierungs- und Weiterbildungsangebote des NRW-Zentrums für Talentförderung. Online verfügbar unter https://www.nrw-talentzentrum.de/fileadmin/user_upload/Redakteure/Bilddaten/Imagefotos/BQW/BQW_Brosch%C3%BCre_web.pdf, zuletzt geprüft am 20.01.2025.

Kurzbiografien der Referierenden:
Simone Jawor-Jussen, M.A., Bildungsberaterin (RQZ NRW), begleitet Talente seit 2017 im Raum Düsseldorf und Rhein-Kreis Neuss als zertifizierter NRW-Talentscout und koordiniert das Talentscouting der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Levent Semercioglu, Diplom-Pädagoge, Systemischer Berater und Systemischer Therapeut leitet den Bereich Beratung, Qualifizierung und Weiterbildung des NRW-Zentrum für Talentförderung der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen.
Annika Schneider, M.Ed., begleitet Talente seit 2022 als zertifizierter Talentscout an weiterführenden Schulen im Ruhrgebiet und koordiniert das Talentscouting der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen.

B7: Beratung im Spiegel der Gesellschaft: Empirische Impulse für eine gerechtere Praxis

Caroline Dietz, M.A., Dr. Martin Reuter, Justus-Liebig-Universität Gießen

Der Beratung für Bildung, Beruf und Beschäftigung (BBB-Beratung) wird seit einigen Jahren vielfach eine große Bedeutung bei der Steigerung der Weiterbildungsbeteiligung zugesprochen (u. a. Käpplinger, 2020; Weiß, 2008). Ein damit oft verbundener, normativer Leitgedanke ist hier, wie Beratung Individuen dabei unterstützen kann, gute Entscheidungen zu treffen. Beratung sollte kein dominant politisches Steuerungsinstrument sein, um bestimmte Bildungsentscheidungen regulativ explizit oder implizit anzubahnen (Käpplinger, 2016), z. B. aufgrund aktueller Arbeitsmarkt- und Wirtschaftslage.
Im Workshop wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutungen Menschen in der Bevölkerung der
BBB-Beratung zuschreiben. Hierzu liefern die empirischen Ergebnisse unseres durchgeführten BMBF-Projekts „Lebensbegleitendes Lernen und Weiterbildungsberatung“ an der JLU-Gießen (Käpplinger, Dietz & Reuter, im Erscheinen) auf Basis von acht qualitativen Gruppendiskussionen erkenntnisreiche
Einsichten. Die Ergebnisse zeigen, dass unterschiedliche Präferenzen an Beratungssettings,
Einstellungen und Bedürfnisse nach sozialer Herkunft bestehen, die wertvolle Impulse für die
Weiterentwicklung der Beratungslandschaft geben. In der Reflexion von Chancengerechtigkeit wird
sichtbar, dass Beratung diese einerseits unterstützt andererseits bestehende Ungleichheiten
erkennbar werden. Der Workshop soll zum kritischen Diskurs anregen: Der Workshop soll zum kritischen Diskurs anregen: Mithilfe eines World-Cafés soll ein offener Gesprächsraum eröffnet werden, der gemeinsames Denken und den kritischen Diskurs zu Möglichkeiten fördert, wie Beratung in Bezug auf unsere Ergebnisse und Empfehlungen in ihrer Komplexität gerechter gestaltet werden kann.

Präsentation

Literatur
Käpplinger, B. (2016). Gutscheinberatung – Regulative Beratung. In W. Gieseke & D. Nittel (Hrsg.), Handbuch Pädagogische Beratung über die Lebensspanne (S. 259–266). Beltz Juventa.
Käpplinger, B. (2020). Weiterbildungsberatung: Mantra oder manifester Bedarf? Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis, 49(1), 17–21.
Käpplinger, B., Dietz, C., & Reuter, M. (im Erscheinen). Lebenslanges Lernen und Weiterbildungsberatung. Politisch-wissenschaftliche Diskurse und Perspektiven in der Bevölkerung. Peter Lang.
Weiß, R. (2008). Weiterbildung: Beratung tut not. Berufsbildung in Wissenschaft und Praxis (BWP), 37(1), 3–4.

Kurzbiografien der Referierenden
Caroline Dietz ist seit 2021 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Weiterbildung. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Bildungs- sowie Qualifizierungsberatung im Kontext Lebenslangen Lernens, Programmforschung und pädagogische Organisationsforschung.
Martin Reuter ist seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Weiterbildung. Seine Forschungsschwerpunkte sind Qualitätsmanagement, pädagogische Organisationsforschung, Struktur und Governance des Weiterbildungssystems, lebenslanges Lernen und pädagogische Beratung.

Keynote II

Prof. Dr. Paulina Jedrzejczyk
Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA), Mannheim

Wie ein Vorhang zur Chancengerechtigkeit beitragen kann

Diversität von Klientinnen und Klienten stellt hohe Herausforderungen an die Professionalität der Beratenden dar. Moderne Ansätze bieten neue Perspektiven. Um die Akteure dabei zu unterstützen, empathisch, vorurteilsfrei und selbstreflexiv zu handeln, wird Abstand von Schulungsmaßnahmen genommen, weil diese, laut belastbarer empirischer Evidenz, nur bedingt geeignet sind, das Verhalten von Menschen zu verändern. Auch die Gleichbehandlung als Strategie steht nicht mehr hoch im Kurs. Stattdessen rücken Rahmenbedingungen, Prozesse und Strukturen in den Mittelpunkt einer kritischen Betrachtung.

Das neue Motto lautet: „Stop fixing human being, fix the system“ (Fox 2017).

Was bedeuten diese Überlegungen für die Beratung? Wir laden Sie zu einem gedanklichen Experiment ein. Im Rahmen der Keynote nehmen wir Beratungsprozesse genau unter die Lupe: Wir analysieren die einzelnen Prozessschritte und suchen gemeinsam nach „Fallen“, in welche Beratende zum Nachteil von ihren Klientinnen und Klienten tappen können. Ganz im Sinne des obigen Mottos werden dabei die Fallen im Prozess und nicht die Beraterinnen und Berater als Problem gesehen.

Präsentation

Fox, C. (2017): Stop Fixing Women. Why building fairer workplaces is everybody’s business, New South Publishing.

Ko-finanziert durch die Europäische Union

und

Bildnachweis: Die im Rahmen der Dokumentation verwendeten Fotos wurden aufgenommen von Martin Claus, Zeyneb Dincer, Jörg Ehmke, Simone Jawor-Jussen, Elena Manvelian und Rainer Thiel.

Konzept und Dokumentation: Barbara Knickrehm