Migration und Beratung

Herausforderungen für die Integration in Bildung, Arbeit und Beruf

dvb-Jahrestagung vom 06. bis 07. November 2020 in Münster

Integration Gerd Altmann / Pixabay

Programm

Freitag, 06. November 2020

Begrüßung

Rainer Thiel, Bundesvorsitzender des dvb

Keynote

Karl-Heinz P. Kohn: In Vielfalt beraten

Wer auch in Zukunft gut beraten will, muss migrationsspezifische Kompetenzen entwickeln

Karl-Heinz P. Kohn ist Politologe an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit; Lehr- und Forschungsschwerpunkte: Beschäftigungsorientierte Beratung, Arbeitsmarktpolitik, Arbeitsmarktstatistik, arbeitsmarkt­orientierte Zuwanderung und Integration; langjährige Tätigkeit in der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung; Politikberatung insbesondere für den Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration sowie für den Nationalen Integrationsplan der Bundesregierung sowie als Leiter des europäischen Projekts CMinaR. 

Europa wird auch in Zukunft noch vielfältiger werden. Es wird neue Zuwanderung aus humanitären Gründen geben, und wir werden gut qualifizierte Fachkräfte aus Drittstaaten für unsere schrumpfenden Bevölkerungen anwerben. Wenn sich die Bildungs- und Berufsberatung in dieser Entwicklung zukunftsfähig erweisen will, muss sie in mehr kultureller Vielfalt und mit Ratsuchenden funktionieren, die aus anderen Kulturen zu uns kommen und noch wenig Vorwissen über unsere Gesellschaft und über unser Bildungs- und Berufssystem mitbringen. Welche Kompetenzen und Methoden brauchen wir hierfür – und warum brauchen wir sie alle?

Samstag, 07. November 2020

In den Workshop-Pausen besteht die Möglichkeit, sich mit Materialien und Publikationen zum Tagungsthema zu befassen und Netzwerkpartner*innen kennenzulernen.

Workshop A1:   Kultur, Inter- und Transkulturalität in der Beratung

Referentin: Helga Barbara Gundlach

Interkulturelle und Diversity Trainings und Beratung, Religionswissenschaftlerin, zertifizierte Xpert-Culture Communication Skills®-Trainerin, Prüferin und Regionalbeauftragte und Mitglied im bundesweiten Beratungsausschuss. Mitglied Arbeitsstelle diversitAS Leibniz Universität Hannover.

Dieser Workshop behandelt verschiedene Ansätze Interkultureller Kompetenz und ihrer Anwendung in der Beratung. In einer Begriffsklärung werden die Unterschiede von Inter- und Transkulturalität und der darin vermittelten Haltung erläutert. Diese Haltung hat Auswirkungen im Beratungskontext. Es werden die jeweilig zugehörigen Kulturmodelle veranschaulicht sowie die Arbeit mit diesen Modellen in der Beratung an Beispielen betrachtet. Eine Definition von Kultur ermöglicht die Übertragung auf die jeweiligen Kulturen der Tagungsteilnehmenden.

Methoden: Theoretischer Input, Aufstellung, Kleingruppenarbeit, Selbstreflexion, Austausch.

Max. Teilnehmer*innenzahl: 25

Workshop A2: Grundlagen einer differenz- und diskriminierungssensiblen Beratung

Referentin: Anne Broden

Bildung und Beratung in der Migrationsgesellschaft.
Anne Broden leitete 17 Jahre das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in NRW (IDA-NRW) und ist seit drei Jahren freiberuflich tätig. Thematische Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Rassismus- und Antisemitismuskritik, Migrationspädagogik und Rechtsextremismusprävention. Neben Fortbildungen für LehrerInnen und Fachkräfte der Sozialen Arbeit bietet sie regelmäßig Seminare für Studierende der Sozialen Arbeit an der Technischen Hochschule in Köln an.

In diesem Workshop werden wir uns zunächst anhand eines Inputs dem aktuellen Rassismus nähern, seine Funktionsweisen betrachten und der Verwobenheit der Individuen in problematisches strukturelles Handeln nachgehen. Darüber hinaus werden „Edelsteine“ und „Stolpersteine“ einer rassismuskritischen Beratung vorgestellt, die sich als differenz- und diskriminierungssensibel erweist. Die praktischen Beratungserfahrungen der Teilnehmenden werden auf diesen Grundlagen reflektiert und vielleicht neue Impulse für die Arbeit entwickelt. 

Methoden: Input und Reflexion der Erfahrungen

Max. Teilnehmer*innenzahl: 25

Workshop A3: Studium nach der Flucht

Rahmenbedingungen, Herausforderungen und Ansatzpunkte für die Bildungs- und Berufsberatung

Referent: Michael Grüttner

Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), Projektleitung WeGe – Wege von Geflüchteten an deutsche Hochschulen

Der Workshop führt in die Thematik des Studiums nach der Flucht ein. Dabei werden sowohl aufenthalts- und hochschulrechtliche Rahmenbedingungen beschrieben als auch ein Überblick über das deutsche System der Studienvorbereitung für sogenannte Bildungsausländer gegeben und anhand von Fallbeispielen einzelner Hochschulstandorte illustriert. Neuzugewanderte Geflüchtete mit Studienwunsch und BeraterInnen stehen einem Geflecht politischer und privater Akteure und verschiedenen Spannungsfeldern gegenüber. Aktuelle Statistiken sowie illustrative Forschungs­ergebnisse vermitteln ein Bild von der Situation von Geflüchteten auf dem Weg ins Studium und den zentralen Herausforderungen dabei. Einer prozessorientierten Perspektive folgend, werden Punkte auf dem Weg ins Studium oder eine berufliche Alternative mit ihren je spezifischen Beratungsanlässen und Beratungsbedarfen identifiziert. Nach einem Impulsvortrag wird in Anlehnung an ein World-Café die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und zur Vertiefung einzelner Themenschwerpunkte in Gruppen geben. Eine gemeinsame Diskussion der Inhalte schließt den Workshop ab.

Methoden: Impulsvortrag, World Café

Max. Teilnehmer*innen: 25

Workshop B1: Migrationskurve

Auswirkungen von Migration und Flucht auf Beratungssituationen

Referentin: Helga Barbara Gundlach

Interkulturelle und Diversity Trainings und Beratung, Religionswissenschaftlerin, zertifizierte Xpert-Culture Communication Skills®-Trainerin, Prüferin und Regionalbeauftragte und Mitglied im bundesweiten Beratungsausschuss. Mitglied Arbeitsstelle diversitAS Leibniz Universität Hannover.

Die Migrationskurve beschreibt die inneren Folgen der Migration anhand verschiedener Phasen und Dauer. Mögliche psychische und physische Folgen, das Bewusstwerden und Festhalten der eigenen Kultur, Auswirkungen auf nachfolgende Generationen sowie unterschiedliche Phasenverläufe innerhalb von Paaren und Familien werden dargestellt. Schlussfolgerungen für die Beratung zu Bildung, Beruf und Beschäftigung schließen sich an: Welche Interventionen sind in welchen Phasen möglich und hilfreich? Welche Ermutigung/Unterstützung braucht es?

Methoden: Erarbeitung der Kurve in Kleingruppen, theoretischer Input, Austausch über eigene Beratungssituationen

Max. Teilnehmer*innenzahl: 20

Wokshop B2: Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse

Alles rund um die Anerkennung in 90 Minuten

Referentin: Carolin Kleeberg

Seit 2016 Anerkennungs- und Qualifizierungsberaterin für ausländische Bildungsabschlüsse (IQ Netzwerk) beim Institut für Berufsbildung und Sozialmanagement gGmbH in Erfurt,
Aufgabenbereiche: Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung, MultiplikatorInnenschulungen und Informations­veranstaltungen.
Seit 2016 Mitglied im dvb in der Regionalgruppe Sachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen und seit Februar 2019 Sprecherin der Fachgruppe Fortbildung beim dvb. 

Die Teilnehmenden bekommen einen Überblick über alle Themen, die bei der Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse wichtig sind: Voraussetzungen, Verfahrensablauf, Finanzierungsmöglichkeiten, Alternative Verfahren, Qualifizierungsmöglichkeiten. Im Anschluss können individuelle Fälle und Fragen eingebracht und diskutiert werden. 

Methoden: Input und Überblick, Diskussion und Fallbesprechung 

Max. Teilnehmer*innenzahl: 30

Workshop B3: Den Übergang Schule – Beruf erfolgreich gestalten

Referent*innen:
Murat Koç, Projektleiter
Kasia Duda, Pädagogische Mitarbeiterin

KAUSA Servicestelle Dortmund

Trotz des zunehmenden Fachkräftemangels bleibt eine erhebliche Zahl von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ohne Ausbildungsplatz. Dieser Workshop beschäftigt sich mit der Frage, was bei der Begleitung von Ausbildungssuchenden mit Migrationserfahrung beachtet werden muss. Wie können die Übergangschancen durch ganzheitliche Beratungskonzepte verbessert werden und welche Akteure sind zur Verbesserung des Übergangs Schule-Beruf anzusprechen? Neben Hintergrundwissen gibt es konkrete Tipps und Handlungsansätze für die praktische Umsetzung der Beratungsprozesse vor Ort.

Methoden: Theoretischer Input, Kleingruppenarbeit, Diskussion

Max. Teilnehmer*innenzahl: 20

Workshop C1: Psychische Belastungen bei Geflüchteten

Referentin: Susanne Wessels

Fachärztin für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapeutin

Im Workshop wird inhaltlich behandelt:

  • (innere) Lebenswelten von geflüchteten Menschen, Gegenwart und Vergangenheit       
  • Was ist ein Trauma? – Begriffsklärung, Ursachen und Auswirkungen
  • Verstehen und Handeln – eigene Haltung entwickeln vor dem Hintergrund des Verstehens von inneren Befindlichkeiten und Verstehen von Verhaltensweisen von traumatisierten Menschen mit Fluchterfahrung
  • Vermittlung praktischer Kenntnisse im traumasensiblen Umgang mit geflüchteten Klient*innen, Techniken und Übungen für die eigene Beratungspraxis

Das Einbringen von eigenen Fallbeispielen ist ausdrücklich erwünscht.

Methoden: Input, praktische Übungen, ggf. Gruppenarbeit

Max. Teilnehmer*innenzahl: 16

Workshop C2: Von Selbsteinschätzung bis Validierung

Verfahren zur Kompetenzfeststellung von Migrantinnen und Migranten

Referent*innen: Laura Roser, Dr. Andreas Fischer

Laura Roser ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut für Betriebliche Bildung
(f-bb) und schwerpunktmäßig im Kompetenzfeld „Migration und Arbeitsmarkt“ tätig. Sie hat u.a. zu Verfahren der Kompetenzfeststellung im Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ sowie im Kontext der Berufsorientierung für Geflüchtete gearbeitet.  

Dr. Andreas Fischer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut für Betriebliche Bildung (f-bb) und schwerpunktmäßig im Kompetenzfeld „Kompetenzfeststellung und -entwicklung“ tätig. Er hat zu Kompetenzmessung promoviert und war u.a. an der Entwicklung und Implementierung der Testverfahren MYSKILLS und IdA KompetenzCheck beteiligt. 

Der Workshop vermittelt einen Überblick über das Spektrum aktueller Verfahren zur Feststellung formal, informell und non-formal erworbener Kompetenzen von Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchteten. Berücksichtigt werden Verfahren und Instrumente, die im Kontext der Berufsorientierung und/oder der Berufsberatung eingesetzt werden können. Besonderes Augenmerk liegt auf zielgruppenspezifischen Anforderungen.

Methoden: Input/Präsentation und Austausch in Gruppen 

Max. Teilnehmer*innenzahl: 20

Workshop C3: Nutzen des Migrationspaketes

Integrationsfähigkeit des deutschen Bildungs- und Erwerbssystems

Referent*innen: Prof. Dr. Matthias Knuth, N.N.

Prof. Dr. Matthias Knuth ist seit seinem altersbedingten Ausscheiden aus dem Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen im Juli 2016 diesem weiterhin als Research Fellow verbunden. Von 2011 bis 2017 war er Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Sozialwissenschaftliche Arbeitsmarktforschung (SAMF). Von 2007 bis 2011 leitete er im IAQ die Forschungsabteilung „Entwicklungstrends des Erwerbssystems“, von 2003 bis 2006 einen Forschungsschwerpunkt mit gleicher Bezeichnung im NRW-Landesinstitut Arbeit und Technik in Gelsenkirchen. Forschungsschwerpunkte: Mobilität auf dem Arbeitsmarkt, Arbeitsmarktpolitik, international vergleichende Sozialpolitik, Erwerbstätigkeit von Älteren und von Personen mit Migrationshintergrund. 

Das „Migrationspaket“ ist exemplarisch für das widersprüchliche Ringen um die deutsche Einwanderungspolitik. Es beinhaltet

(1) überwiegend restriktive Regelungen des Asylbewerbermanagements
(„Geht weg oder kommt gar nicht her!“),

(2) Verbesserungen bei Sprachunterricht, Ausbildung und Beschäftigung für Asylsuchende und Geduldete
(„Integriert Euch, solange wir Euch nicht loswerden!“) sowie

(3) Einladungen an Fachkräfte und solche, die es werden wollen, jenseits der Einwanderung aus humanitären Gründen
(„Kommt her, aber nicht als Flüchtlinge!“).

Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz erweitert den Fachkräftebegriff auf beruflich Qualifizierte und Ausbildungssuchende. Es verbessert das System von Übergangsmöglichkeiten für diejenigen, die aufgrund eines nicht-humanitären Aufenthaltstitels bereits im Lande sind. Für den „ersten Schritt“ nach Deutschland geht es jedoch von der unrealistischen Annahme aus, es gäbe „irgendwo da draußen“ Fachkräfte im spezifisch deutschen Verständnis, die entweder ein konkretes Arbeitsplatzangebot aus Deutschland bekommen könnten oder über erhebliche Ersparnisse verfügten, mit denen sie während der Arbeitsplatzsuche oder des beruflichen Anerkennungsverfahrens ihren Unterhalt in Deutschland bestreiten könnten.

Die Bildungs- und Berufsberatung wird sich an diejenigen richten müssen, die bereits hier sind. Aufgrund der Verweigerung eines „Spurwechsels“ unterscheiden sich die für Geflüchtete und für andere Migrant*innen zugänglichen „Wegenetze“ weiterhin grundlegend.

Methoden: Input, Diskussion

Max. Teilnehmer*innenzahl: 23

Workshop C4: Selbstreflexion in der Beratung

Welche eigenen Einstellungen zu Migration spielen in der Beratung eine Rolle?

Referent: Wolfgang Oppacher

Geschäftsführer, Trainer und Berater in der Bildungseinrichtung faktorM — Mensch im Unternehmen, thematische Arbeitsschwerpunkte: Kommunikation, Gesprächsführung, Konflikte, Trainer- und Beraterfortbildung 

Auch bei Beratenden können Vorurteile und Ressentiments gegen migrierte oder geflohene Beratungskundinnen und -kunden wirksam werden. Wichtig sind ein positives Verständnis der eigenen Einstellungen und ein wertschätzender Umgang mit sich selbst. 

Zum Beispiel ist ein ablehnendes Ressentiment vielleicht nur die überlaute Stimme, die den positiven Kern des Selbstschutzes verdeckt in sich trägt. Wir arbeiten im Workshop einige unserer in der Beratung wirksamen inneren Einstellungen heraus und versuchen, diese mit dem Wertequadrat nach Schulz von Thun in eine positive Dynamik zu bringen.

Methoden: durchgehend interaktiver Workshop 

Max. Teilnehmer*innenzahl: 16

Was nehmen wir mit? Moderierte Zusammenfassung der Tagungserkenntnisse

Rainer Thiel, Bundesvorsitzender des dvb