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09. / 10. September 2021: Online-Tagung

Berufliche Orientierung oder Career Guidance?

Praxisnahe Perspektiven für die Zusammenarbeit der Akteure

sowie

Verleihung des Josephine-Levy-Rathenau-Preises

Programm

Donnerstag, 09. September 2021

09:00 Uhr: Begrüßung und Eröffnung

Rainer Thiel
Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung e.V. (dvb), Bundesvorsitzender

Prof. Dr. Rudolf Schröder
Institut für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg (IÖB)


Prof. Dr. Bernd-Joachim Ertelt
Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

09:30 Uhr: Keynote

Dr. Verena Eberhard, Bundesinstitut für Berufliche Bildung (BIBB)
Der Einfluss von Werten und Erwartungen auf die Berufswahl

Entscheidungstheoretische Modelle postulieren, dass sich Jugendliche für die Berufe entscheiden, denen sie einen möglichst hohen Wert beimessen und von denen sie zugleich mit ausreichender Sicherheit erwarten, dass sie diese erreichen können. Der Vortrag stellt BIBB-Ergebnisse zum Einfluss von Wert- und Erwartungskomponenten auf die Berufswahl junger Menschen vor, die in der Forschung bisher weniger Beachtung gefunden haben. So wird u. a. die soziale Anerkennung als zentrale Wertkomponente im Zuge der Berufswahl diskutiert. Außerdem wird der Frage nachgegangen, ob Jugendliche ihre Erfolgserwartung nicht nur an ihren Eignungs- und sonstigen übergangsrelevanten Personenmerkmalen festmachen, sondern auch an den beruflich und regional stark variierenden Ausbildungsmarktverhältnissen. Aus den Ergebnissen werden Anknüpfungspunkte für die Praxis der Berufsorientierung abgeleitet.

10:30 Uhr: Kaffeepause

10:45 Uhr: Timeslot 1 / Workshops und Symposien

Download: Programmübersicht

A 1 – Study-Think-Repeat? Studienzweifler*innen zwischen Zukunftslust und Zukunftsfrust

Dr. Katrin Ullmann, Projekt „move – den eigenen Weg finden!“, Hochschule Düsseldorf
Désirée Krüger, Projekt „NEXT STEP niederrhein‘, Hochschule Niederrhein

„Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust!“ – So oder so ähnlich könnte ein junger Faust heute (vielleicht) in der Studienzweifel-Beratung aufseufzen. Der Workshop nimmt die häufig ambivalenten Wünsche und Entscheidungsfindungsprozesse von Studienzweifler*innen zum Anlass, über das Spannungsverhältnis nachzudenken, das die lebenslange Arbeit am „Projekt-Ich“ (Bröckling) neben vielen Chancen auch mit sich bringt.
Viele Ratsuchende beziehen sich in der Beratung auf eine (imaginierte) Normbiografie, die auf die vermeintlichen Bedürfnisse des Arbeitsmarktes abgestimmt wird: Eine frühe Spezialisierung entlang eines ‚roten Fadens‘ im Lebenslauf sowie eine einschlägige Praxis- und Auslandserfahrung werden als notwendige Schritte hin zum eigenen Karriereglück stilisiert. Der durch die vermeintlich einzig passförmige Zielbiographie erzeugte Druck wird noch durch den Wunsch nach Beschäftigungssicherheit gesteigert und lädt Karriereentscheidungen zusätzlich mit Bedeutung auf. Beruf soll gleichzeitig Berufung sein, der gewählte Studiengang zum Selbst passen. Um diesem Druck zu entgehen lockt die Zufallsentscheidung. Ausprobieren und Identitätsfindung finden dann zu einem nennenswerten Teil erst im Studium statt (vgl. Hurrelmann). Die spätere (Neu-)Orientierung im Studium, mit größerem Erfahrungswissen zum Selbst wird damit für Studienzweifler*innen zur Möglichkeit aktiver Gestaltung.
Im Workshop erarbeiten wir aus Berater*innenperspektive den möglichen Umgang mit den Ambivalenzen von Studienzweifler*innen. Wie können wir neutral Unterstützung anbieten, damit Studienzweifel von der erschöpfenden Dauerbefragung zur Chance der Persönlichkeitsentwicklung wird? Die Workshopleiterinnen stellen beispielhafte Methoden für einen möglichen Dreischritt vor: Gemeinsames Refraiming der überfordernden Situation, Erarbeitung von individuellen Handlungsperspektiven und deren Übersetzung in Handlungsfähigkeit.

B 1 – Projekt Guiding Schools –

Dr. Ingo Blaich, Tillmann Grüneberg, Barbara Knickrehm, Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung

Schülerinnen und Schüler sollen durch Berufs- und Studienorientierung an den Schulen in die Lage versetzt werden, ihre Berufslaufbahn aktiv zu gestalten, und auf den Umgang mit beruflichen Umbrüchen und die Anforderungen des lebenslangen Lernens vorbereitet werden. Angesichts des Fachkräftemangels aber auch eines erschwerten Arbeits­marktzugangs für Bildungsbenachteiligte wird dies zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen und macht eine Professionalisierung und Qualitätssicherung der Berufs­orientierung notwendig. 

Da eine Reihe unterschiedlicher Akteure im Feld mitwirken (Wirtschaftsverbände, Bundesagentur für Arbeit, Hochschulen u.a.m.) ist die Verständigung auf gemeinsame Qualitätsstandards für die weitere Ausgestaltung schulischer Berufsorientierung ein notwendiger erster Schritt. Hier setzt das Erasmus+-Projekt GUIDING SCHOOLS unter der Federführung der Universität Bari (Italien) mit dem Ziel an, Schulen in ihrer Rolle zu stärken und zu unterstützen, die sie in der Vorbereitung auf die Berufs- und Studienwahl der Lernenden und deren berufliche Entwicklung einnehmen. Leitende Frage dabei ist, welche Elemente, welche didaktischen Grundsätze und welches Personal für die Verbesserung des Angebotsportfolios sinnvoll oder sogar notwendig sind.

Ausgangspunkt für den Workshop ist ein im Projekt erarbeiteter Qualitätsrahmen für berufsorientierende Maßnahmen, den Schulen als Unterstützung für die Ausgestaltung ihrer Beruflichen Orientierung nutzen können. Diesen möchten wir zur Diskussion stellen und damit zum einen Lehrerinnen und Lehrer ansprechen, die in ihrer Schule mit dem Thema Berufsorientierung betraut sind, um ihre Perspektive auf das Thema Qualität in der Beruflichen Orientierung aufzugreifen. Zum anderen sind aber auch Berufs- und Bildungsberater*innen mit ihrer Expertise eingeladen, die gerade in Deutschland eine wesentliche Rolle in der Beruflichen Orientierung und als Ansprechpartner für Schulen spielen.

Wir möchten mit Ihnen gemeinsam das Thema Qualität näher erschließen: Was verstehen wir darunter? Welche Aspekte von Qualität können betrachtet werden? Was bedeutet dies im Zusammenhang mit Beruflicher Orientierung?

C 1 – Vom Berufswahlpass zur „berufswahlapp“

Ein Klassiker der Portfolio-Arbeit in der Beruflichen Orientierung wird digital

Dr. Christian Staden, Institut Technik und Bildung, Universität Bremen
Prof. Dr. Tim Brüggemann, Fachhochschule des Mittelstands, Bielefeld
Manuel Epker, Institut für Bildungskooperation, Münster
Uta Fiedler, Daniel Susewind, Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung, Bottrop

Seit Frühjahr 2020 wird im Forschungs- und Entwicklungsprojekt „Berufswahlpass 4.0“ die so
genannte „berufswahlapp“ iterativ-zyklisch entwickelt und erprobt. Als E-Portfolio-Instrument wird sie für Schüler*innen perspektivisch bundesweit zur Verfügung stehen und durch zahlreiche Funktionen das Dokumentieren, Reflektieren und Präsentieren von ausgewählten berufsorientierenden Erlebnissen, Erfahrungen und individuell bedeutsamen Materialien ermöglichen. Gleichzeitig wird die „berufswahlapp“ als digitales Werkzeug für die
Unterrichtsgestaltung und Prozessbegleitung von Lehrkräften in der Beruflichen Orientierung eingesetzt werden können. In der „berufswahlapp“ werden bundeslandspezifische Arbeits- und Lernmaterialien hinterlegt sein, die den Berufsorientierungskonzepten der Länder entsprechen. Weiterhin sind Funktionen integriert, die eine Förderung individueller Reflexionsprozesse im Sinne eines selbstorganisierten Lernens zielgerichtet und kontextbezogen unterstützen. Ziel des Forschungs- und Entwicklungsprojekt ist es, mit der „berufswahlapp“ die Möglichkeiten des bereits seit langen Jahren in der Praxis eingesetzten Berufswahlpasses sukzessive so zu erweitern, dass perspektivisch die Potenziale digitaler Medien im Kontext der E-Portfolio-Arbeit sinnvoll und gebrauchswertorientiert genutzt werden können. Ergänzend sind in der Konzeption und Entwicklung der „berufswahlapp“ Elemente des „game-based-learning“ verankert, um die Akzeptanz und Nutzungswahrscheinlichkeit zu erhöhen.

Im Workshop werden neben der technischen wie auch didaktischen Konzeption der
„berufswahlapp“ auch konkrete Gestaltungsoptionen für einen digital gestützten
berufsorientierenden Unterricht in den Sekundarstufen I und II thematisiert. Teilnehmende
können während der Arbeitsphase die „berufswahlapp“ selbst auf ihren Endgeräten testen. Es werden sowohl berufs- und medienpädagogische Potenziale als auch technische
Umsetzungsoptionen diskutiert.

D 1Impulse aus dem Life Designing für Berufsorientierung und Berufsberatung

Reema Fattohi, Prof. Dr. Dennis Mocigemba, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit

Der Workshop zielt darauf ab, Haltungen, Konzepte und Methoden aus dem Life Designing als Impulse für Berufsorientierung und Berufsberatung nutzbar zu machen.
Dazu wird Life Designing in einem Einführungsvortrag zunächst als relativ neues Paradigma der Berufs- und Karriereberatung in der „new world of work“ (Savickas et al. 2009; 2011) vorgestellt und charakterisiert. Es werden Abgrenzungen zu anderen Beratungsparadigmen, wie z. B Career Guidance, vor-genommen und Ähnlichkeiten zu systemischen und narrativen (McLeod 2013) Beratungsansätzen aufgezeigt.
Nach einer konzeptionellen Rahmung stehen konkrete, ausgewählte Methoden des Life Designing, vorwiegend aus dem internationalen Beststeller „Designing Your Life“ der beiden Stanford-Designer Burnett & Evans (2018), im Mittelpunkt. Diese werden vorgestellt und an Beispielen erläutert (Mocigemba & Fattohi 2021). Die Workshopteilnehmer*innen haben ausführlich Gelegenheit, diese in fiktiven Beratungsgesprächen in Kleingruppen praktisch zu erproben. Schließlich werden die in den Kleingruppen gesammelten Erfahrungen auf die Arbeitskontexte der Workshopteilnehmer*innen übertragen, um zu eruieren, welche Life-Designing-Impulse eine Bereicherung für ihre eigene Berufspraxis in Berufsorientierung und -beratung darstellen und wo die Grenzen des Life Designing liegen.

Literatur:
Burnett, B., Evans D. (2018). Designing Your Life. Build the Perfect Career, Step by Step. London: Vin-tage.
McLeod, J. (2013). Beratung als narrative Praxis. In F. Nestmann, F. Engel & U. Sickendiek (Hrsg.), Das Handbuch der Beratung Band 3 (S. 1353-1365). Tübingen: dgvt.
Mocigemba, D. & Fattohi, R. (2020). Ich will das nicht mehr! Anregungen zur Gestaltung einer nächsten, nachhaltigeren Karriere. In. A. Mattheis & C. Schwender (Hrsg.), Als gäbe es ein Morgen – Nachhaltigkeit wollen, sollen, können. Marburg: Metropolis.
Savickas, M.L. et al. (2009). Life designing: A paradigm for career construction in the 21st century. Journal of Vocational Behavior 75, 239-250.
Savickas, M.L. (2011). Career Construction. Washington D.C.: American Psychological Association.

E 1 – Von interdisziplinären Dialogen und multidisziplinärer Sprachverwirrung

Heuristiken und Werkzeuge für eine inhaltlich-klärende Kommunikation in multidisziplinären Teams

Prof. Dr. Gert-Holger Klevenow, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit

Viele kennen die Frage: „Wo geht es hier zum Bahnhof?“ – mit ihren Berufe oder Disziplinen karikierenden Antworten[1]; und oft genug verrät ein Lachen die Spannungsabfuhr des Wiedererkennens.

Mit der Zunahme der Netzwerkarbeit in den vergangenen Jahren zwischen verschiedenen (Teil-) Organisationen, gewinnt die multidisziplinäre Teamarbeit an Bedeutung. „Gute“ Kommunikation gilt dabei als einer der Schlüsselfaktoren, neben dem „guten Willen“ überhaupt kooperieren zu wollen oder einer – zumindest partiellen – Vereinbarkeit von (Teil-) Zielen.
Erkundet man die interdisziplinäre Kooperation genauer, zeigt sich oft, dass disziplinäre Teilaufgaben relativ unabhängig voneinander durchgeführt werden, ohne dass vorher ein Gesamtbild entwickelt wurde, in dem Wechselwirkungen mit ihren Dynamiken erfasst worden sind.

Im Workshop werden verschiedene Heuristiken und Werkzeuge vorgestellt, die ein inhaltsorientiertes Durchdringen von Problemknäueln ermöglichen oder unterstützen, indem sie sie auf verschiedene Arten strukturieren und ihre Dynamiken zu fassen versuchen. Solche inhaltlichen Klärungen, selbst wenn sie „nur“ einen Dissens durchsichtig machen, wirken entlastend auf der Beziehungsebene.
Im Idealfall erkunden die Teilnehmer*innen mit diesen Werkzeugen „Kommunikationsprobleme“ aus dem eigenen multidisziplinären Berufsalltag und tauschen sich darüber aus.

[1]     Ein Moderator: „Schreiben Sie alle möglichen Lösungswege auf diese Kärtchen.“ – Ein Manager: „Fragen Sie nicht lange. Gehen Sie einfach hin!“ – Ein Sozialarbeiter: „Bleiben Sie, wo Sie sind. Ich gehe schon für Sie.“ …

13:00 Uhr: Postersession / Mittagspause

14:00 Uhr: Timeslot 2 / je 2 Vorträge

Download: Programmübersicht

A 2
– Projekt STABIL
Inklusive Berufliche Orientierung: Schüler*innenfirmen

1) Projekt STABIL – Förderung der Selbstbestimmung von Menschen mit geistiger Behinderung im beruflichen Übergang auf der Basis unterstützter Kommunikation

Prof. Dr. Rudolf Schröder, Prof. Dr. Andrea Erdélyi, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg

Die Förderung von Selbstbestimmung im beruflichen Übergang ist ein wesentliches Ziel der Inklusion. Die Aufnahme einer (theoriereduzierten) Berufsausbildung und damit die Integration in den ersten Arbeitsmarkt gelingt insbesondere Menschen mit geistiger Behinderung jedoch äußerst selten. Grundlegend hierfür ist nicht nur das Fehlen notwendiger Qualifizierungsmöglichkeiten unterhalb der theoriereduzierten Ausbildung, die einen anerkannten Abschluss gewährleisten. Ebenso fehlt es betroffenen Menschen an Werkzeugen, die eine selbstständige Reflexion der Fähigkeiten und Neigungen befördern. Verbreitete Kompetenzfeststellungsverfahren beruhen primär auf einer Fremdeinschätzung durch Dritte. Da sich jedoch das Selbstbild von Menschen mit geistiger Behinderung häufig wesentlich von der Fremdsicht durch Dritte unterscheidet, ist die stetige Reflexion eigener Interessen und Fähigkeiten sowie der Abgleich von Selbst- und Fremdeinschätzung bedeutsam.

Das vom BMBF geförderte Projekt STABIL (Selbstbestimmung und Teilhabe für Alle in Berufswahl und –BILdung) nimmt sich dieses Problems an und verfolgt das Ziel, ein digitales Assistenzsystem im Sinne einer Selbstreflexions- und Kommunikationshilfe zu entwickeln. Grundlage ist die unterstützte Kommunikation, d. h. Kommunikationsformen, die eingeschränkte Lautsprache der Zielgruppe Menschen mit geistiger Behinderung zumindest teilweise kompensieren können. Das zentrale Ergebnis von STABIL ist das Joborientierungssystem (Josy), welches aus mehreren Apps sowie weiteren Maßnahmen zur Unterstützung des Einsatzes der Apps in Schulen, Unternehmen, Werkstätten für behinderte Menschen und andere Bildungseinrichtungen besteht.

Mit Hilfe von Symbolen werden dabei überberufliche Kompetenzen und Präferenzen abgefragt und anhand von Fotos die beruflichen Interessen sowie die Bewältigung beruflicher Tätigkeiten. Die Ergebnisse dienen zur Unterstützung der Selbstreflexion und der Beratungsgespräche im Rahmen der Beruflichen Orientierung und Integration, verbunden mit dem Ziel, der Zielgruppe vermehrt Beschäftigungsperspektiven außerhalb der Werkstätten für behinderte Menschen zu ermöglichen.

In dem Beitrag werden zum einen die konzeptionellen Grundlagen sowie die Ausgestaltung und praktischen Einsatzmöglichkeiten von Josy in der beruflichen Orientierung und Integration vorgestellt. Zum anderen werden die besonderen Herausforderungen der Evaluationsarbeit reflektiert.

2) Schüler*innenfirmen in der inklusiven Beruflichen Orientierung

Prof. Dr. Isabelle Penning, Lehreinheit für Wirtschaft-Arbeit-Technik, Universität Potsdam

Schülerfirmen sind eine komplexe Unterrichtsmethode, in der Schülerinnen und Schüler möglichst eigenverantwortlich in der ökonomisch agierenden Einrichtung „Schüler*innenfirma“ tätig werden. Sie stellen eine Möglichkeit dar, um ökonomisches Lernen mit der beruflichen Orientierung und je nach Betätigungsgebiet auch mit technischer oder haushaltsbezogener Bildung zu verbinden. Schüler*innenfirmen sind eine Methode, die sowohl an Regelschulen als auch in Förderschulen verbreitet ist (vgl. de Haan et al., 2009, S. 17; in Bezug auf den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung Frank et al, 2015, S. 12). Dementsprechend scheinen Schüler*innenfirmen formal verbindende Elemente aufzuweisen. Forschungen haben jedoch gezeigt, dass die Methode von Lehrkräften unterschiedlich konstruiert wird (vgl. Penning 2018). Daher stellt die Verbreitung der Methode keinen hinreichenden Beleg für deren inklusives Potential dar. Dieses soll Gegenstand des theoretisch-konzeptionellen Beitrags sein, der sich der Frage widmet: Welches Potential bieten Schüler*innenfirmen für eine inklusive Berufliche Orientierung?

Literatur:
de Haan, G., Grundmann, D. & Plesse, M. (2009). Nachhaltige Schülerfirmen. Eine Explorationsstudie. Berlin: Freie Universität Berlin.
Frank, Bernhard; Sansour, Teresa & Zentel, Peter (2015): Schülerfirmen im Förderschwerpunkt geistige Entwicklung.. (1):. In: Pädagogische Impulse 49 (1), S. 9–24.
Penning, I. (2018). Schülerfirmen aus Sicht von Lehrenden. Eine qualitative Studie zu einem Lernarrangement der ökonomischen Bildung. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.

B 2
– Unterstützung im Berufswahlprozess
Mission ICH

1) Soziale Unterstützung im Berufswahlprozess als Aufgabe von Lehrpersonen?

Prof. Dr. Katja Driesel-Lange, Prof. Dr. Ulrike Weyland, Institut für Erziehungswissenschaft, WWU Münster
Dr. Svenja Ohlemann, Institut für Erziehungswissenschaft, Technische Universität Berlin

Die Berufswahl ist eine Entwicklungsaufgabe im Jugendalter, die mit anderen Aufgaben zeitgleich gemeistert wird. Dabei sind Heranwachsende aufgefordert, eine gut begründete Entscheidung vor dem Hintergrund ihrer individuellen Interessen, Ziele und Wünsche sowie der Perspektiven und Anforderungen in einer dynamischen Arbeits- und Berufswelt zu treffen. Die kompetente Bewältigung des ersten Übergangs von der Schule in nachschulische Bildungswege ist für eine langfristig erfolgreiche Laufbahn von besonderer Bedeutung (Driesel-Lange, Kracke, Hany & Kunz, 2020). Für einen gelingenden Übergangsprozess im Sinne engagierter Laufbahnentwicklung ist soziale Unterstützung zentral: Verschiedene Akteurinnen flankieren die Entwicklung berufswahlrelevanten Wissens sowie motivationaler und aktionaler Aspekte beruflicher Entwicklung (Schindler, 2012; Metheny, McWirther & O´Neil, 2008). Lehrpersonen, als eine der Akteursgruppen, regen durch soziale Unterstützung aus Sicht der Jugendlichen an Gymnasien vor allem wissensbezogene und weniger motivationale und aktionale Aspekte von Berufswahlkompetenz an (Driesel-Lange, Ohlemann & Morgenstern, 2018; Schumann & Ohlemann, 2020). Um diese Zusammenhänge weiter empirisch zu erhellen und Unterstützung im Berufswahlprozess zielgerichtet zu modellieren, wurden in einer Langzeitstudie mit vier Messzeitpunkten Schülerinnen (N1-4 = 1.433) an Gymnasien und Gesamtschulen in ihrer Berufswahlkompetenzentwicklung über zwei Schuljahre hinweg begleitet und die wahrgenommene emotionale, instrumentelle und informationelle Unterstützung durch Lehrpersonen erfasst. Mittels Regressionsanalysen konnten Zusammenhänge unter Kontrolle von Alter, besuchtem Schultyp und Einzelschule sichtbar gemacht werden. Diskutiert werden die Ergebnisse im Kontext notwendiger spezifischer Beiträge durch weitere Akteurinnen wie Berufsberatungspersonen und Schulsozialarbeiterinnen, die in multiprofessionellen Teams Berufswahlprozesse differenziert befördern können.

Literatur
Driesel-Lange, K., Kracke, B., Hany, E., & Kunz, N. (2020). Entwicklungsaufgabe Berufswahl – Ein Kompetenzmodell zur Systematisierung berufsorientierender Begleitung. In T. Brüggemann, & S. Rahn (Eds.), Berufsorientierung: Ein Lehr- und Arbeitsbuch (2nd Ed., pp. 57 – 75). Münster: Waxmann.
Driesel-Lange, K., Ohlemann, S., & Morgenstern, I. (2018). Fördern Lehrpersonen den Berufswahlprozess Jugendlicher? Der Einfluss von sozialer Unterstützung auf die Entwicklung von Berufswahlkompetenz bei Jugendlichen des Gymnasiums. Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Entwicklung (ZSE) 38(4). 346-363.
Metheny, J., McWhirter, E.H., O’Neil, M.E. (2008). Measuring Perceived Teacher Support and Its Influence on Adolescent Career Development. Journal of Career Assessment, 16, 2, 218–237.
Schindler, N. (2012). Lehrerunterstützung im Kontext der Berufswahl von Jugendlichen (Dissertation). Jena: Universität Jena.
Schumann, K., & Ohlemann, S. (2020, September). Berufliche Entwicklung Jugendlicher: Zusammenhänge zwischen individuellen und schulbezogenen Voraussetzungen, berufsorientierender Unterstützung und dem Erwerb berufswahlrelevanten Wissens. Präsentation auf der DGfE-Sektionstagung Berufs- und Wirtschaftspädagogik, Osnabrück.

2) Einblicke in die Arbeit mit „Mission ICH“ – Schul- und Unterrichtsmaterialien für die Sekundarstufe I in Mecklenburg-Vorpommern

Tobias Prill, Jörg Friese, Dr. Claudia Kalisch, Institut für Berufspädagogik, Universität Rostock

Das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern hat sich in den vergangenen Jahren bemüht, die Berufliche Orientierung an den Schulen auszubauen und zu stärken. Im Rahmen der „Initiative Bildungsketten“ sowie des „Berufsorientierungsprogrammes des Bundes (BOP)“ wurde – durch die Universität Rostock sowie zwölf Modellschulen – eine Berufsorientierungsmaßnahme entwickelt, die sich an den „Potenzialanalysen“ anlehnt und dennoch deutlich über diese hinausgeht. „Mission ICH“ ist ein modular aufgebautes, jahrgangsübergreifendes, pädagogisches Angebot, das verstärkt auf Selbstreflexion und individuelle Berufswahlkompetenzentwicklung abzielt. In den Jahrgangsstufen 7., 8. und 9. werden die Schülerinnen und Schüler dabei unterstützt, sich durch Übungen in verschiedenen Aufgabenformaten und Kontexten systematisch Selbstwissen und Entscheidungskompetenzen anzueignen. In dem Beitrag werden zunächst – aufbauend auf zentralen Erkenntnissen der Berufswahlforschung – die, dem „Mission ICH“-Ansatz zugrundeliegenden theoretischen Grundlagen skizziert sowie die entwickelten Materialien für Lehrkräfte und Schüler*innen vorgestellt. Präsentiert werden zudem die (digitalen) Lehrkräfte-Fortbildungen, die derzeit angeboten werden, um die Schulen bei der Einbettung von „Mission ICH“ in die schulische BO-Arbeit zu unterstützen. Aufgegriffen und diskutiert werden hierbei Erfahrungen und Ergebnisse der begleitenden Evaluation. Der Beitrag schließt mit einer Zusammenfassung von Handlungsbedarfen sowie einem Ausblick auf zukünftige Weiterentwicklungen.

C 2
Youtube zur Beruflichen Orientierung
– Netflix als Career Guide

1) Digitale Reflexionsanlässe – inwieweit lassen sich YouTube-Formate zur Beruflichen Orientierung im (Wirtschafts-)Unterricht nutzen?

Prof. Dr. Vera Kirchner, Professur für ökonomisch-technische Bildung und ihre Didaktik, Universität Potsdam

Die berufliche Orientierung im (Wirtschafts-)Unterricht steht vor verschiedenen Herausforderungen: Eine der drängendsten ist dabei sicher die Frage, wie die digitale Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler angemessen und produktiv für eine zeitgemäße und motivierende berufliche Orientierung genutzt werden kann. Daran schließt sich wiederum die Frage an, welche Formate sich eignen, die Lernenden nicht nur digital zu beschäftigen, sondern eine tiefergehende Reflexion mit der Frage zu ermöglichen, wie sich die Heranwachsende ihr zukünftiges (berufliches) Leben vorstellen (vgl. Kirchner 2020). Ein vergleichsweise niedrigschwellig zu nutzendes Portal ist hierbei YouTube, mit dessen (fach-)didaktischem Potential sich mittlerweile verschiedene unterrichtliche Domänen befassen (vgl. u.a. Vock 2020). Interessant ist hierbei u.a. der lebensweltliche Bezug aber auch die Vielzahl an unterschiedlichen Formaten, die zur beruflichen Orientierung auf unterschiedliche Weise didaktisch nutzbar gemacht werden können, wobei datenschutzrechtliche Aspekte zu berücksichtigen sind.
Die im Vortrag als Methode der beruflichen Orientierung skizzierte Nutzung von YouTube-Formaten greift dabei verschiedene Elemente bewährter Unterrichtsmethoden wie der Fallstudie, aber auch von Praxiskontakten auf, die u.a. auf die Auseinandersetzung mit vermittelter Realität setzen, um Schülerinnen und Schülern Einblicke in Ihnen unbekannte (Berufs-)Welten zu geben. Ein wesentliches Kompetenzziel ist hierbei, die Schülerinnen und Schüler anzuregen, eigene berufliche Vorstellungen mit dem Gesehenen abzugleichen bzw. zu kontrastieren und individuelle Vorstellungen zur eigenen Berufstätigkeit zu entwickeln bzw. diese zu reflektieren. Die methodische Anlehnung an die Methode der Fallstudie einerseits und an die Praxiskontakte andererseits ermöglichen es, bei der Vorgehensweise mit dem neuen Format didaktische Anleihen zu machen. Das Videoformat ermöglicht darüber hinaus auch eine differenzierende Vorgehensweise, da mittlerweile verschiedenste YouTube-Formate zur Verfügung stehen, die sich in einem geeigneten didaktischen Rahmen und in der Kombination mit entsprechenden Reflexionsaufgaben zur beruflichen Orientierung eignen.

Literatur:
Kirchner, Vera (2020): Entscheiden: Mehr Reflexion in beruflichen Orientierungsprozessen. Anregungen zur methodischen und differenzierenden Umsetzung im Unterricht. In: Pädagogik 1/20, S. 23-26.
Vock, Johannes (2020): YouTube im Politikunterricht. Frankfurt. a.M.

2) Netflix als Career Guide?
Der Einfluss von Serien auf Studienwahl und Karriereerwartungen

Jochen Kinast, Prof. Dr. Volker Gehrau, Prof. Dr. Katja Driesel-Lange, Institut für Kommunikationswissenschaft, WWU Münster

Medien sind in der beruflichen Entwicklung neben anderen exogenen und endogenen Einflussfaktoren
bedeutsam (McMahon & Patton, 2019). Für die berufliche Orientierung entstehen im Kontext der von jungen Menschen genutzten, insbesondere digitalen Medienangebote weitere Möglichkeiten einer reflektierten Auseinandersetzung mit Berufsbildern und beruflichen Perspektiven. Hier rücken vor allem Serien in den Vordergrund. In den vergangenen Jahren ist der Video-Streaming Konsum von Jugendlichen deutlich gestiegen (Feierabend et al., 2020). So gaben 2020 59% der 12- bis 19-Jährigen an, „mindestens mehrmals pro Woche“
den Streamingdienst Netflix zu nutzen (ebd.). Stets beliebt sind dabei Serien, die Hauptcharaktere bei der Ausübung ihrer Profession zeigen (bspw. Brooklyn 99). Die Hälfte der zehn meist-gestreamten Serien in Deutschland hatte im Januar 2021 dementsprechend ein berufliches Setting (Hein, 2021). Bisher liegen im Hinblick auf berufswahlrelevante Medieneffekte im Kontext von Serien nur wenige Befunde vor, wie z.B. der Einfluss von Crime-Serien auf die Studienwahl von Rechtsmediziner*innen im Gesundheitswesen (Berding et al., 2020; Gehrau & Hofe, 2013; Keuneke et al., 2010). 1.353 Studierenden aus fünf Studiengängen, deren korrespondierenden Professionen in Serien am häufigsten dargestellt werden, wurde ein Fragebogen vorgelegt, um Serienkonsum, Studienwahl und Karrierevorstellungen zu erfassen. Mittels Regressionsanalysen
wurden dazu die Zusammenhänge zwischen Lieblingsserie, Studienwahl und Karriereerwartungen
modelliert und ausgewertet.
Der Beitrag gibt einen Gesamtüberblick über identifizierte Zusammenhänge zwischen Serienkonsum und Studienwahl am Beispiel der Fächer Polizeivollzugsdienst und Betriebswirtschaftslehre. Im Anschluss werden die daraus resultierenden Implikationen für die Berufswahl aus Sicht der Beruflichen Orientierung eingeordnet. Diskutiert werden Ansätze der Integration digitaler Medienangebote für die Begleitung beruflicher Entwicklung.

Literatur:
Berding, F., Dreisiebner, G., Jahncke, H., Slepcevic-Zach, P., & Porath, J. (2020). Berufsdarstellungen in populären Jugendserien. Eine videoanalytische Annäherung an ein volatiles Forschungsfeld. Berufs- und Wirtschaftspädagogik Online, 38, 1-25. https://www.bwpat.de/ausgabe38/berding_etal_bwpat38.pdf
Feierabend, S., Rathgeb, T., Kheredmand, H., & Glöckler, S. (2020). JIM-Studie 2020 Jugend, Information, Medien: Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2020/JIM-Studie-2020_Web_final.pdf
Gehrau, V., & Hofe, H. J. v. (2013). Medien und Berufsvorstellungen Jugendlicher. Eine Studie zur Darstellung von Berufen in Fernsehseiren und deren Eingluss auf die Berufsvorstellungen Jugendlicher In T. S. R. Brüggemann (Ed.), Berufsorientierung – Ein Lehr- und Arbeitsbuch (pp. 123-133). Waxmann.
Hein, D. (2021). Das waren die meistgestreamten Serien und Filme im Januar. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/870095/umfrage/meistgestreamteonline-serien-in-deutschland/
Keuneke, S., Graß, H., & Ritz-Timme, S. (2010). “CSI-Effekt” in der deutschen Rechtsmedizin: Einflüsse des Fernsehen auf die berufliche Orientierung Jugendlicher. Rechtsmedizin, 20, 400-406.
McMahon, M., & Patton, W. (2019). The Systems Theory Framework: A Systems Map for Career Theory, Research and Practice. In J. A. Athanasou & H. N. Perera (Eds.), International Handbook of Career Guidance (pp. 97-114). Springer Nature, Cham

D 2
– Entrepreneurship Education
Orientierung im Museum

1) Entrepreneurship Education-Konzept in Schleswig-Holstein

Ilona Ebbers, Florian Frenz, Europa-Universität Flensburg

Berufsorientierung wird längst nicht mehr allein als Vorbereitung auf eine abhängige Erwerbstätigkeit gesehen. Vielmehr öffnet sich das Spektrum der Berufswahloptionen auch in Richtung unabhängiger Erwerbsarbeit. Allgemein wird hierunter die Disziplin der Entrepreneurship Education (EE) verstanden, die sich mittlerweile an vielen Schulen im Bereich der Berufsorientierung einordnet. Ziel dieser EE ist, allgemein unternehmerisches Denken und Handeln zu vermitteln, welches als Kompetenz tätigkeitübergreifend nutzbar werden soll. Eine solche Nutzbarmachung erscheint vor dem Hintergrund der Veränderung des Arbeitsmarktes und der strukturellen Anpassung von Arbeitsplätzen unabdingbar. Dieses Vorhaben sieht sich verschiedenen Herausforderungen gegenübergestellt. EE an Schulen wird keineswegs flächendeckend angeboten und wird eher als freiwilliges Programm in Wahlbereich des Schullehrplans aufgenommen. EE strukturell zu verankern, benötigt daher eine politische Legitimation, damit EE obligatorisch angeboten und nachgefragt werden kann.

Diese politische Legitimation wird derzeit im Bundesland Schelswig-Holstein etabliert. Das Landeskonzept Entrepreneurship Education möchte, anknüpfend an die schulische Berufsorientierung, fächerübergreifend als fester Bestandteil des Schulcurriculums an Schulen unternehmerisches Denken und Handeln ermöglichen. Es möchte die Schüler*innen auf zukünftige Herausforderungen des Arbeitsmarktes vorbereiten und damit einen Startpunkt für ein lebenslanges Lernen setzen.

Im Vortrag wird hierfür der Frage nachgegangen, wie ein Landeskonzept gestaltet sein kann, um flankierende Akteure und zu erschließende Zielgruppen einzubeziehen? Um diese Frage zu beantworten, wird das entrepreneuriale Ökosystem, welches das Konzept umschließt, aus bildungsinstitutioneller Perspektive beschrieben, womit auch Aspekte der Career Guidance verdeutlicht werden können.

2) Orientierung in Arbeits- und Berufswelt! Im Museum?
Empirische Exploration von Möglichkeiten und Grenzen einer außerschulischen Lerngelegenheit

Prof. Dr. Thomas Retzmann, Steffen Spitzner, Lehrstuhl für Wirtschaftsdidaktik, Universität Duisburg-Essen

Die KMK (2017, 4) misst außerschulischen Lerngelegenheiten eine besondere Bedeutung für die Berufliche Orientierung bei. Zukünftige Erwerbstätige sollen ihre Vorstellungen und Kenntnisse durch das Zusammenwirken von Informationen über und Erfahrungen in der Arbeits- und Berufswelt sowie durch multiprofessionelle Beratung in unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Lernsituationen erweitern. Die Vernetzung mit außerschulischen Akteuren vor Ort sei dafür unabdingbar.
Praxiskontakte sollen bei der Gestaltung der beruflichen Biographie helfen. Angesichts reduzierter Anschauungs- und Erkundungsmöglichkeiten fordern Kaiser/Kaminski (2011, 260 ff.) die Entwicklung ergänzender Lerngelegenheiten, zum Beispiel Messen (IÖB 2018/19) und Museen (Burkard 2003, 4 ff.) Museen sind pädagogisch arrangiert und dürften ungenutzte Potenziale für das angestrebte lebenslange Überdenken von „Arbeit, Leben und Lernen im Lichte neuer Informationen und Erfahrungen“ bieten. Die Bedeutung der Wirtschaftsgeschichte für die ökonomische Bildung ist wohl unstrittig (Burkard 2020). Gilt dies auch für die Geschichte von Arbeit und Beruf im Hinblick auf die Orientierung in der Arbeits- und Berufswelt?
In einer empirischen Erhebung wurde exploriert, ob und inwiefern sich Museen und Ausstellungen historischer Berufs- und Arbeitswelten sowie historischer und moderner Arbeitsplätze ggf. zur Reflexion des individuellen Verhältnisses von Arbeit und Leben eignen. Über die zentralen Befunde hinaus, die auch die Perspektive der unternehmerischen Selbstständigkeit umfassen, wurden Unterschiede in Abhängigkeit von Region und Museumsart gefunden, ebenso zur tatsächlichen Nutzung und Ausgestaltung musealer Lerngelegenheiten durch Schulen. Als ein praktisches Desiderat hat sich die Zusammenarbeit von Lehrer*innen und Museumspädagog*innen erwiesen. Der Beitrag schließt mit den Desideraten fachdidaktischer Forschung zu den Gelingensbedingungen zur Orientierung in der Arbeits- und Berufswelt im Lernort Museum.

Literatur
Burkard, K.-J. (2003): Museen als Lernorte der ökonomischen Bildung. In: Unterricht Wirtschaft, 4 (14), 4-9.
Burkard, K.-J. (2020): Aus der Wirtschaftsgeschichte lernen? Geschichte und ökonomische Bildung. Oldenburger Universitätsreden Nr. 217.
Institut für Ökonomische Bildung (2018/19) (Hrsg.): Praxiskontakt Messen. Teile I-V. 1./2. Aufl. Oldenburg. http://www.ioeb.de/praxiskontakt-messen (15.03.19).
Kaiser, F-J./Kaminski, H. (2011): Methodik des Ökonomieunterrichts. Grundlagen eines handlungsorientierten Lernkonzepts mit Beispielen. 4. Aufl., Bad Heilbrunn.
Retzmann, Thomas/Steffen Spitzner/Fabio Fortunati (2019): Orientierung im Wandel der Berufs- und Arbeitswelt durch außerschulische Lerngelegenheiten. Essen. 173 S. https://doi.org/10.17185/duepublico/70630
Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) (2017): Empfehlung zur Beruflichen Orientierung an Schulen. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 07.12.2017. Online: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2017/2017_12_07-Empfehlung-Berufliche-Orientierung-an-Schulen.pdf (06.02.2019).
Wiepcke, C./von der Heydt, C. (Hrsg.): Tatort Wirtschaftsmuseum. Ravensburg

E 2
– Fuzzy Goals
Kompetenzerleben durch Resonanz

1) Fuzzy Goals – von unscharfen Zielen zu beruflicher Innovation

Cornelia Eybisch-Klimpel, Frau und Beruf, Berlin

Unscharfe Ziele werden von Menschen in beruflichen Übergangssituationen oft als Problem wahrgenommen, das ihre Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit behindert. Viele BeraterInnen und Coaches leiten davon den Auftrag ab, unscharfe Ziele in smarte Ziele umzuwandeln. Im Widerspruch zu dieser Praxis wird hier die These aufgestellt, dass unscharfe Ziele für die berufliche Innovation nicht ein Hindernis, sondern eine Voraussetzung darstellen.
Das Konzept des Fuzzy Goals basiert auf den Überlegungen des amerikanischen Innovationsberaters und Organisationsentwicklers Dave Gray, wonach es bei Innovationen, um etwas Neues geht, etwas, das erst ge- oder erfunden werden muss und deshalb nicht als klares, scharfes Ziel gesetzt werden kann. Da sich in einer disruptiven, volatilen Arbeitswelt Jobprofile permanent ändern und sich neue Gelegenheiten öffnen liegt die Frage auf der Hand, wie Fuzzy Goals beschaffen sein müssen, damit sie Menschen in beruflichen Veränderungssituationen zu ihnen passenden neuen Jobs geleiten.

Nach Dave Gray zeichnen sich funktionierende Fuzzy Goals durch ein ausreichendes Maß an ESP aus, damit sind drei Eigenschaften gemeint: Sie sind
E emotional: d.h. sie müssen für die Person eine emotionale Bedeutung haben
S sensorisch: d.h. sie müssen fassbar, sinnlich wahrnehmbar sein
P progressiv: d.h. sie müssen sich entwickeln.
Der Vortrag buchstabiert aus, was ESP konkret im Kontext des beruflichen Übergang bedeuten können und wie sie ins Beratungshandeln übersetzt und verstärkt werden. Es wird skizziert, wie die Reflektion berufsrelevanter Erfahrungen, Werte und Emotionen den Rechercheprozess voranbringen und das Ziel immer schärfer erkennbar machen. Schließlich sollen Möglichkeiten und Grenzen des Konstruktes ausgelotet werden.

Literatur:
Gray, Dave: The Connected Company, O’Reilly, Sebastopol 2012.
Gray, Dave; Brown, Sunni; Macanufo, James: Gamestorming. Ein Praxisbuch für Querdenker, Moderatoren und Innovatoren, O’Reilly Verlag, Köln 2011
.

2) „Gold schürfen“: Kompetenzerleben durch Resonanz – Career Guidance im beruflichen Übergang

Gabriele Witzenrath, Frau und Beruf, Berlin

Kompetenzfeststellung erfolgt oft auf einem hohen Abstraktionsniveau und fühlt sich unpersönlich und austauschbar an. Menschen in der unsicheren Situation beruflicher Übergänge fällt es häufig schwer, sich Kompetenzen zu zuschreiben, weil die Begriffe so umfassend und allgemein erscheinen, dass eigenes Handeln und Wissen darin nicht erkannt werden: Es bleibt eine Distanz zwischen Person und Kompetenz. Anderen erscheinen Kompetenzen zu selbstverständlich, die daher externer Zuordnung unzugänglich sind. Kompetenzen bewegen nicht.

Bei den „Erfolgsgeschichten“ und ähnlichen Ansätzen werden aus Erzählungen über herausragende Situationen die Kompetenzen einer Person abgeleitet. Dieser Ansatz wurde für die Praxis der Kurzberatung im beruflichen Übergang angepasst und weiterentwickelt. Die Herausforderung besteht darin, dass Klientinnen solche eindeutigen Erfolgserlebnisse nicht vorweisen oder transferieren können. In der Beratung werden niedrigschwellige Selbstwirksamkeitsmomente (Mikroprozesse) aufgespürt und erlebbar gemacht. Die Beraterin stellt durch ihr detailliertes Interesse am erfolgreichen Handeln der Klientin, ihr Berührtsein und Wertschätzung einen Resonanzraum bereit, in dem die Fähigkeiten der Klientin „zum Klingen kommen“. Gemeinsam wird exploriert, rekonstruiert und auf einer mittleren Abstraktionsebene verbegrifflicht (Visualisierung), wieauf welche Art und Weise – die Person durch ihre Haltung und Handlungen Wirkung erzielt hat. Die im Erleben verankerten Kompetenzen motivieren und bieten Anknüpfungspunkte, mit denen Klientinnen berufliche Kontexte aktiv suchen oder gestalten, in denen sie sich wirksam einbringen und weiterentwickeln können (Zone der nächsten Entwicklung). Die gemeinsame erlebnisorientierte Rekonstruktion wirksamen Handelns wird körperlich und begrifflich verankert und stärkt die Resilienz. Das ermöglicht in Bewerbungssituationen, Kompetenzen anschaulich belegen und verkörpern sowie in neue Arbeitsfelder transferieren zu können.

15:00 Uhr: Kaffeepause

15:15 Uhr: Timeslot 3 / je 2 Vorträge

Download: Programmübersicht

A 3
Inklusive Berufsorientierung: Qualifikation pädag. Fachkräfte
Berufliche Orientierung – intersektional gedacht

1) Qualifikationen pädagogischer Fachkräfte in der Inklusiven Berufsorientierung

Ergebnisse des Forschungsprojekts BEaGLE (Berufsorientierung im Gemeinsamen Lernen der Sekundarstufen – eine Herausforderung für pädagogische Fachkräfte)

Prof. Dr. Thomas Retzmann, Prof. Dr. Thomas Bienengräber, M.Sc. Marie Schröder, Universität Duisburg-Essen
M. A. Houdä Lenzen, Universität Wuppertal
Prof. Dr. Silvia Greiten, Pädagogische Hochschule Heidelberg

Die Forderung nach inklusiver Bildung stellt die Schulen der Sekundarstufen vor neue Herausforderungen, denn Inklusion ist auf die Erhöhung der Teilhabemöglichkeit aller Menschen ausgerichtet. Damit sind zwar nicht nur Menschen mit Behinderung gemeint, das ist aber jene Zielgruppe, bei der die Teilhabe stärker in Gefahr ist als bei nicht behinderten Menschen. Damit bezieht sich Inklusion nicht zuletzt auf die Berufsorientierung, denn diese ist intentional auf den Zugang zum Arbeitsleben von behinderten und nicht behinderten Menschen auszurichten.
Inklusive BO stellt allerdings für die Schulen eine besondere Herausforderung dar. Sie induziert einen erhöhten Kooperationsbedarf, und zwar als Querschnittsaufgabe verschiedener Institutionen, wie eben der Schulen, der Betriebe, der Bundesagentur für Arbeit usw. Es sind unterschiedliche Professionen beteiligt, bspw. die Berufs-, Wirtschafts- und Sonderpädagogik, darüber hinaus betriebliche Akteure. Problematisch dabei ist, dass insbesondere die jeweiligen Lehrkräfte unzureichend auf diese Aufgabe der inklusiven Berufsorientierung vorbereitet sind.
Der Beitrag stellt ein Qualifikationstableau für pädagogische Fachkräfte vor, die innerhalb eines inklusiven Schulsystems für die inklusive Berufsorientierung Verantwortung tragen beziehungsweise daran mitwirken, das in einem vom BMBF geförderten Forschungsvorhaben unter Einsatz von qualitativen und quantitativen Methoden der empirischen Forschung entwickelt wurde.
Ausgangspunkt des Erkenntnisinteresses war das Fehlen universitärer Studiengänge beziehungsweise Studienangebote innerhalb der Bildungswissenschaften und der einschlägigen Fachdidaktiken, die angehende Lehrkräfte auf die schulische Aufgabe der beruflichen Orientierung von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und zieldifferentem Lernen curricular vorbereiten.
Im Ergebnis liegt nunmehr ein Qualifikationstableau für fünf Handlungsfelder vor, die in Subhandlungsfelder aufgegliedert werden können.

2) Berufliche Orientierung – intersektional gedacht

Prof. Dr. Alisha M.B. Heinemann, Dr. Franziska Bonna, Institut für Technik und Bildung, Universität Bremen

In einer Gesellschaft, in der lineare Berufsbiographien schon lange keine Selbstverständlichkeit sind, zahlreiche Kompetenzen von Migrant*innen verloren gehen, weil ihnen die formale Anerkennung verweigert wird, Menschen mit Rassismuserfahrung und/oder Be_hinderungen mit einem Defizitblick begegnet und die Schere zwischen reich und arm immer größer wird, ist eine differenzierte, diversitätssensible pädagogische Beratung und Begleitung von Prozessen beruflicher Orientierung auch schon in der Schule vor besondere Herausforderungen gestellt. Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen stellen mit ihren Biographien jedoch in meisten Fällen noch genau den diametral entgegen gesetzten Fall dar: Nach der Schule ins Studium von dort zurück in die Schule und in die lebenslange Verbeamtung. Sie verfügen noch immer nur zu einem geringen Prozentsatz über eigene Migrations- und/oder Rassismuserfahrung (DIPF 2010, Massumi 2014), eigene Be_hinderungen und (Lehramts-)Studierende stammen in den meisten Fällen selbst aus akademisch geprägten Elternhäusern (Nationaler Bildungsbericht 2020). Um Schüler*innen beraten und begleiten zu können, deren Lebenswelten Lehrkräfte nicht aus eigener Erfahrung kennen, braucht es pädagogischer Kompetenzen, die es ermöglichen, sich kritisch-reflexiv zu gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu positionieren. Im Rahmen eines bis September abgeschlossenen Forschungsprojekts zur Beruflichen Orientierung an den gymnasialen Oberstufen im Lande Bremens, konnten dazu qualitative Daten und Impulse gesammelt werden, die wir im Rahmen des Vortrags vorstellen und diskutieren möchten.

Literatur:
Bildungsberichterstattung, Autorengruppe (2020): Bildung in Deutschland 2020. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung in einer digitalisierten Welt. Bielefeld: wbv
Massumi, Mona (2014): Diversität in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung – zur Bedeutung von Lehrkräften mit Migrationshintergrund. In: Haushalt & Bildung. Heft 1. S. 87-95.

B 3
– Videoberatung – Herausforderungen und Chancen
Academia+: Austauschprogramm für Beratende

1) Videoberatung – Herausforderungen und Chancen eines digitalen Beratungsformats
in der Career Guidance

Prof. Dr. Tim Stanik, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit

Seit Anfang des Jahres werden aufgrund der corona-bedingten Kontaktbeschränkungen von den Kammern, den Agenturen für Arbeit und den (Hoch-)Schulen zunehmend Studien-/Berufsberatungen als Videoberatungen angeboten. Wenngleich videobasierte Beratungen seit über zwei Dekaden technisch möglich sind, stand das Format im Unterschied zu Mail-, Chat- oder Forenberatungen bislang kaum im Fokus wissenschaftlicher Studien und professioneller Reflexionen (Engelhardt 2018). Wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzungen mit dem
Format sind jedoch insofern notwendig, als Videoberatungen klassische Face-to-Face-Beratungen lediglich emulieren können (Held 2020). Dabei hält das Format sowohl spezifische Chancen als auch professionelle An- und Herausforderungen für Berater:innen bereit. So sind Videoberatungen nicht nur kanalreduzierte Kommunikationen, sondern weisen mit dem „eye contact dilemma“ (Schulte 2020) eine professionelle Herausforderung auf, die den Kern von Beratungen berührt. Darüber hinaus sind Videoberatungen zwar ortsungebunden, werden jedoch stets in hybriden Beratungsräumen vollzogen, in denen Berater:innen Einblicke in die (räumlichen) Lebenswelten ihrer Ratsuchenden erhalten und mit diesen reflexiv umzugehen haben (Stanik/Rott i.E.). Auf der anderen Seite bietet das Format auch neue Möglichkeit z.B. durch Screen-Sharing und Co-Browsing.
In dem eingereichten Vortrag werden auf Basis des internationalen Forschungsstandes zur Videokommunikation und -beratung Chancen, Risiken und professionelle Anforderungen des Formats für die Career Guidance zur Diskussion gestellt.

Literatur
Engelhardt, E. (2018). Lehrbuch Onlineberatung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Held, T. (2020): Vom realen Gespräch zum digitalen Pendant: Überlegungen zur Reproduktion der Face-to-Face-Kommunikation im Cyberspace. Visual Past. A Journal for the Study of Past Visual Cultures, V.5, S. 139–173.
Schulte, O. (2003): Blick nach vorn: Das eye contact dilemma und andere Problemfelder der Videokonferenzforschung. In: Döring, J. et al. (Hrsg.): Connecting Perspectives. Videokonferenz: Beiträge zu ihrer Erforschung und Anwendung. Aachen: Shaker, S. 43–57.
Stanik, T./Rott, K. (i.E.): Online-Kompetenzen für die Berufs- und Bildungsberatung – Ergebnisse einer explorativen Studie. Erscheint in: Rohs, M. et al. (Hrsg.): Perspektiven erwachsenenpädagogischer Digitalisierungsforschung. Bielefeld: Bertelsmann.

2) Academia+ EU-Projekt: Studien- und Ausbildungsaustauschprogramm für Berater*innen zu zentralen Herausforderungen der europäischen Arbeitsmärkte und Gesellschaften

Prof. Dr. Jane Porath, Prof. Dr. Clinton Enoch, Dr. Rebeca García-Murias, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit

Der europäische Arbeitsmarkt befindet sich im Umbruch und die europäischen Gesellschaften stehen vor einer Reihe erheblicher beschäftigungspolitischer und sozialer Herausforderungen, die durch die Covid-19-Pandemie noch verstärkt werden.

Vor diesem Hintergrund unterstützt und konsolidiert das Academia+-Projekt den Austausch und die transnationalen Trainingserfahrungen von Beratern in Europa. Es schärft das Profil der internationalen Zusammenarbeit innerhalb der Beratung, indem es konkrete Werkzeuge und Ressourcen bereitstellt, die den Wert des transnationalen Lernens für Fachkräfte aufzeigen und dazu beitragen, dass Beratungsmöglichkeiten in verschiedenen Ländern besser genutzt werden.

Academia+ entwickelt drei einwöchige forschungsbasierte „Counsellors Study and Training Exchange Programs“ ((C-STEPs) als Online-Trainings) für qualifizierte Berufs- und Laufbahnberater, die eine transnationale, europäische Perspektive widerspiegeln und den Bedürfnissen der Zielgruppen entsprechen. Jeder der C-STEPs fokussiert eine aktuelle Schlüsselherausforderung auf dem europäischen Arbeitsmarkt und in den Gesellschaften, und kombiniert Theorie, Forschung und Praxis der Beratung unter Berücksichtigung der speziellen sozioökonomischen und politischen Bedingungen in den europäischen Ländern. Neben der Bereitstellung von State-of-the-Art-Informationen liegt ein starker Fokus der C-STEPs darauf, den Teilnehmern einen tieferen Einblick in die Ansätze zur Bewältigung aktueller und zukünftiger Herausforderungen unterschiedlicher Länder zu ermöglichen, um den Austausch und die transnationale Ausbildung von Berufsberatern in Europa und darüber hinaus zu unterstützen

In der Präsentation dieses Projektes werden wir das inhaltliche und didaktisch-methodische Konzept und die Evaluation der drei C-STEPs zu den Themen “Counseling Migrants and Refugees” (C-STEP1 Mai/Juni 2020), “Future Jobs” (C-STEP2 März 2021) und “Demographic Change” (C-STEP3 Mai 2021) vorstellen.  

C 3
– Digitalversion des Fragebogens Berufswahlkompetenz
Digitale Angebote der Beruflichen Orientierung

1) Zur Relevanz von standardisierter Diagnostik in der beruflichen Orientierung – Entwicklung einer Digitalversion des Fragebogens Berufswahlkompetenz

Antonia Landgraf, Silvio Kaak, Prof. Dr. Bärbel Kracke, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Der Übergang von der Schule in den Beruf ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe im Jugendalter, die sowohl durch schulische als auch außerschulische Angebote unterstützt werden muss (Super, 1990; Driesel-Lange et al., 2010). Jugendliche unterscheiden sich darin, wie gut sie mit dieser Aufgabe umgehen können bzw. wie gut ihre Berufswahlkompetenz ausgebildet ist (Burda-Zoyke, 2020). Um Heranwachsende im Berufswahlprozess angemessen begleiten und individuell fördern zu können, bedarf es geeigneter Diagnostikinstrumente zur Erfassung des individuellen Entwicklungsstands. Auf Basis des Thüringer Berufswahlkompetenzmodells (Driesel-Lange et al., 2010) wurde im Forschungsprojekt „ThüBOM“ der Fragebogen Berufswahlkompetenz entwickelt, der den individuellen Stand der Berufswahlkompetenz erfasst (Kaak et al., 2013; Lipowski et al., 2015). Er wird seither in der Schul- und Bildungspraxis erfolgreich eingesetzt. Seitens der Anwender wurde jedoch der Wunsch nach einer zeit- und ressourceneffizienteren Digitalversion deutlich. Zudem erscheint es aus pädagogischer Sicht bedeutsam, Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, auch selbstständig den Stand der eigenen Berufswahlkompetenz zu ermitteln.
Dazu wurde eine Digitalversion des Fragebogens erarbeitet. Sie enthält im Vergleich zur Papierversion umfassende Verbesserungen, um den Jugendlichen eine autonome Nutzung zu ermöglichen. Der Fragebogen ist online uneingeschränkt verfügbar und kann beliebig oft unterbrochen und fortgesetzt werden. Die Auswertung der Ergebnisse erfolgt automatisch. Sie werden grafisch und sprachlich so aufbereitet, dass sie leicht verständlich sind. Die detaillierten Rückmeldungen werden Anhand von Beispielen und Interpretationshilfen erläutert. Anschließend erhalten die Jugendlichen auf Basis ihrer individuellen Ergebnisse Tipps, welche gezielten Maßnahmen sie ergreifen können, um ihre individuelle Berufswahlkompetenz zu fördern.
Im Beitrag wird die digitale Version des Fragebogens vorgestellt und die Funktionsweise erläutert. Im Vordergrund stehen dabei der Ergebnis- und Interpretationsteil. Zudem wird der potentielle Einsatz des Fragebogens in der Bildungs- und Beratungspraxis diskutiert und Möglichkeiten der individuellen Förderung Jugendlicher werden erörtert.

Literatur
Burda-Zoyke, A. (2020). Individuelle Förderung in der Berufs- und Studienorientierung. In: T. Brüggemann, & S. Rahn (Hrsg.), Berufsorientierung. Ein Lehr- und Arbeitsbuch (2. Aufl., S. 319–325). Münster, New York: Waxmann.
Driesel-Lange, K., Hany, E., Kracke, B., & Schindler, N. (2010). Berufs- und Studienorientierung. Erfolgreich zur Berufswahl. Ein Orientierungs- und Handlungsmodell für Thüringer Schulen. (Materialien 165). Online verfügbar unter: https://www.bildungsketten.de/_media/ThueBOM_Broschuere.pdf (15.02.2021).
Kaak, S., Driesel-Lange, K., Kracke, B., & Hany, E. (2013). Diagnostik und Förderung der Berufswahlkompetenz Jugendlicher. In K. Driesel-Lange, & B. Dreer (Hrsg.), bwp@ Spezial 6 – Hochschultage Berufliche Bildung 2013, Workshop 14 (S. 1–13). Online verfügbar unter: http://www.bwpat.de/ht2013/ws14/kaak_etal_ws14-ht2013.pdf (5.11.2020).
Lipowski, K., Kaak, S., Kracke, B., & Holstein, J. (2015). Handbuch Schulische Berufsorientierung. Praxisorientierte Unterstützung für den Übergang Schule–Beruf. Reihe Berufs- und Studienorientierung. Materialien 189. Bad Berka: Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien (Thillm).
Super, D. E. (1990). A life-span, life-space approach to career development. In D. Brown & L. Brooks (Eds.), Career choice and development (p. 197-261). Jossey-Bass.

2) Digitale Angebote und Instrumente der Beruflichen Orientierung – Ergebnisse eines systematischen Reviews
Teilprojekt im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung „Digitalisierung in der Lehrerbildung“, BMBF

Marie Tuchscherer, Claudia Wiepcke, Pädagogische Hochschule Karlsruhe, Institut für Ökonomie und ihre Didaktik

Berufliche Orientierung ist eine zentrale Aufgabe weiterführender Schulen. Jugendliche wachsen in eine Multioptionsgesellschaft hinein, die immer stärker durch Digitalisierung geprägt wird. Auf der einen Seite wandeln sich Berufsbilder und -felder durch Industrie 4.0, auf der anderen Seite vervielfachen sich die digitalen Angebote der Beruflichen Orientierung.
Noch nie gab es – verstärkt durch die Corona-Krise – so viele digitale Informationen und Unterstützungsangebote für Jugendliche: Internetplattformen, Videos oder Podcasts stellen Berufe vor, Arbeitsagenturen, IHK’s, HK’s bieten Chats oder Berufsspeed-Datings an, es entstehen Computerspiele und Online-Simulationen mit Bildungsanspruch, die es Jugendlichen ermöglichen, Berufe spielerisch kennenzulernen und vieles mehr (vgl. Driesel-Lange 2021).
Es ist festzustellen, dass im Bereich der Beruflichen Orientierung bereits viele digitale Angebote und Instrumente existieren (vgl. Brüggemann et al. 2017). Diese sind in der Fachdidaktik der Beruflichen Orientierung jedoch noch nicht hinreichend verankert und der systematische Erwerb digitaler Berufsorientierungskompetenzen ist nur im Ansatz vorhanden (vgl. Staden/ Howe 2013; Dreer/ Kracke 2013). Das Aufzeigen der Einsatzmöglichkeiten dieser digitalen Angebote und Instrumente im Unterricht sowie der Aufbau digitaler Kompetenzen stellen aktuelle Anforderungen an die Lehrer*innenbildung dar. Das Projekt setzt an dieser Stelle an und verfolgt das Ziel, Möglichkeiten und Gelingensbedingungen der fachlichen Nutzung digitaler Medien in der Beruflichen Orientierung zu erforschen, fachspezifische Anwendungsoptionen aufzuzeigen, konzeptionell zu fundieren und für alle Phasen der Lehrer*innenbildung zu erschließen.
Im Rahmen des Vortrages wird die erste Projektphase präsentiert. Auf Basis eines systematischen Reviews (vgl. Boland et al. 2017; Moher et al. 2009; Zawacki-Richter et al. 2020) wird eine Ist-Analyse digitaler Angebote und Instrumente mit unterschiedlichen Akteur*innen der Beruflichen Orientierung durchgeführt. Hierbei wurden u.a. die Ziele verfolgt, die bereits existierenden digitalen Angebote und Instrumente in der Beruflichen Orientierung in Hinblick auf die Fülle, die Vielfalt (z.B. Apps, Videos, Spiele, Informationsplattformen, Beratungsangebote etc.) sowie methodisch-didaktische Ansätze dieser Angebote zu
analysieren. Aus den Ergebnissen des systematischen Reviews werden ein Kategoriensystem abgeleitet, digitale Potenziale sowie Schnittstellen identifiziert, Anforderungen an fachdidaktische Rahmenbedingungen einer digitalen Beruflichen Orientierung formuliert und mit dem Plenum diskutiert.

Literatur:
Bertelsmann Stiftung (2017): Monitor digitale Bildung. Bielefeld. Online verfügbar.
Boland, A./ Cherry, M. G./ Dickson, R. (2017): Doing a systematic review: A student’s guide (2nd edition). Thousand Oaks, CA: SAGE Publications.
Brüggemann, T./ Driesel-Lange, K. / Weyer, C. (2017): Instrumente der Berufsorientierung. Münster: Waxmann.
Dreer, B./ Kracke, B. (2013): Können Lehrer Berufsorientierung? Kompetenzorientierung von Lehrpersonen im Bereich Berufsorientierung erfassen. In: BWPat 2013: Online verfügbar unter: https://www.bwpat.de/ht2013/ws14/dreer_kracke_ws14-ht2013.pdf (letzter Zugriff am 18.01.20201)
Driesel-Lange K/ Weyland U. (2021): Studien- und Berufsorientierung als Aufgabe von allgemeinbildenden Schulen – Empirische Befunde zur beruflichen Entwicklung und ihrer institutionellen Begleitung. In Lin-Klitzing, S. (Hrsg.), Allgemeine und berufliche Bildung. Rolle des Gymnasiums. (S. 1-20). Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
Moher D./ Liberati A./ Tetzlaff J./ Altman D. G./ The PRISMA Group (2009): Preferred Reporting Items for Systematic Reviews and Meta-Analyses: The PRISMA Statement. PLoS Med 6(7): e1000097. doi:10.1371/journal.pmed1000097
Staden, C./ Howe, F. (2013): Digitale Medien und Internet in der Berufsorientierung. In: bwp@ Spezial 6 – Hochschultage Berufliche Bildung 2013, Fachtagung 02, hrsg. v. Friese, M./ Benner, I./ Galyschew, A., 1-15. Online verfügbar unter: http://www.bwpat.de/ht2013/ft02/staden_howe_ft02-ht2013.pdf (letzter Zugriff am 18.01.20201)
Zawacki-Richter, O./ Kerres, M./ Bedenlier, S./ Bond, M./ Buntins, K. (Hrsg.). (2020): Systematic reviews in educational research: Methodology, perspectives and application. Heidelberg: Springer Open, Verlag für Sozialwissenschaften.

D 3
– Geschlechtsspezifische Berufswahl
Begabungs- und Berufswahlforschung

1) Geschlechtsspezifische Berufswahl und kulturell bedingte (geschlechts)stereotypische Einstellungen

Dr. Irina Gewinner, Mara Esser, Institut für Soziologie, Leibniz Universität Hannover

Der Beitrag thematisiert individuelle (geschlechts)stereotypische Einstellungen, die in der Kultur einer jeden Gesellschaft tief verankert sind. Diese Auffassungen können als Erklärung einer geschlechtsspezifischen Berufswahl, die in Deutschland persistent ist, herangezogen werden. Der Beitrag erweitert die bisherige Forschung auf eine breitere Deutung der (geschlechts)stereotypischen Einstellungen und argumentiert, junge Menschen verlassen sich bei der Berufswahl und Vision einer darauffolgenden beruflichen Tätigkeit auf die allgemeinen gesellschaftlichen stereotypisierten Vorstellungen, sog. Images, über die Berufe.

Zunächst wird über das Verständnis der Berufswahl konzeptionell diskutiert. Während Berufs- und Studienfachwahl im deutschen Gebrauch überwiegend wegen unterschiedlicher Bildungslaufbahnen getrennt werden, kann ‚Berufswahl‘ eine breitere Perspektive auf berufliche Tätigkeit in einer sich schnell ändernden Gesellschaft bedeuten. Vielmehr stellt sie eine langfristige Perspektive für die jungen Menschen in Bezug auf ihre Aktivität im Arbeitsmarkt nach einer formalen Ausbildungsphase dar. Anschließend, basierend auf Gruppendiskussionen mit unterschiedlichen Stakeholdern aus der Praxis (IHK, Berufsverbände), werden Handlungsmöglichkeiten diskutiert, die zur Reduktion der Stereotypisierungen in Bezug auf Berufswahl beitragen können. Zudem werden die Möglichkeiten eines Aufbrechens der stereotypisierten Handlungsmuster erörtert.

2) Begabungs- und Berufswahlforschung – Möglichkeiten einer produktiven Verschränkung?

Tillmann Grüneberg, Universität Leipzig, Zentrum für Potentialanalyse und Begabtenförderung

Die Begabungsforschung entwickelt seit einiger Zeit dynamische multifaktorielle und systemische Entwicklungs-Modelle (Heller 2001, Harder 2012) als Kontrast zum statischen eindimensionalen IQ-Verständnis (Rost 2009). Diese nehmen sowohl weitere Begabungsfaktoren, als auch moderierende Einflüsse und Förderungsbedingungen auf (z.B. deliberate practice, Leistungsmotivation, Kreativität, soziale Umwelt, etc.). Auch in der Berufswahlforschung findet sich eine solche Dynamik. Trotz früher Entwicklungstheorien (Super 1957) dominiert(e?) das sogenannte RIASEC-Modell von Holland (1997) trotz Kritik v.a. die Testentwicklung (Tarnai 2014). Dieses wird auch von Begabungsmodellen aufgegriffen (Gagné 2004). Überschneidungen von RIASEC-Dimensionen zu Begabungsbereichen (Sparfeldt 2006) erklären sich auch dadurch, dass die Dimensionen nicht trennscharf auch Fähigkeiten umfassen. Über differentialpsychologisch messbare Dimensionen hinaus nehmen neuere Berufswahltheorien die komplexen sozialen und individuellen Entwicklungs- und Entscheidungsdimensionen von beruflichen Biografien in den Blick (z.B. SCCT von Lent et al. 1994, CIP von Peterson et al. 2002, Life Designing von Savickas 2011). Diese werden von der Begabungsforschung (noch) nicht aufgegriffen (Ausnahme Jung 2020, in Bezug auf Gottfredson 1981). Umgekehrt kann eine an multifaktoriellen Modellen orientierte Berufs- und Studienberatung helfen, das Begabungs- und Kompetenzprofil als Potential einer Person systematisch zu analysieren und für Bildungsentscheidungen zu beachten. Die personelle und wissenschaftliche Trennung zwischen Begabungsforschung und Berufswahlforschung ist verwunderlich, da die jeweils maßgeblichen Modelle einen vergleichbaren Kern der Kompetenzentwicklung junger Menschen abzubilden versuchen. Ziel des Vortrags ist es, gegenseitige theoretische Anknüpfungsmöglichkeiten aufzuzeigen, aus denen sich auch praktisches Potential für die Beratung ableiten lässt.

E 3
– Überzeugungen von Lehrpersonen
Relevante Wissensbestände von Lehrpersonen

1) Überzeugungen von Lehrpersonen zur Beruflichen Orientierung

Dr. Tina Fletemeyer, Institut für ökonomische Bildung, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg

Eine moderne und systematische schulische Berufliche Orientierung definiert sich als schulische
Gesamtaufgabe, an welcher alle Lehrpersonen einen Anteil haben (vgl. u. a. Jung 2013). Demzufolge
wird die Berufliche Orientierung zu einer zentralen Aufgabe einer jeden Lehrperson (vgl. Niedersächsisches Kultusministerium 2018). Insofern Lehrpersonen ihre Schülerinnen und Schüler
„[…] über den Schulabschluss hinaus auf das Leben nach der Schule vorbereiten“ (Dreer/Kracke
2013, 1) und „durch pädagogisches und didaktisches Handeln […] bei der Erreichung von fachlichen
und überfachlichen Bildungszielen […] unterstützen“ (Reusser/Pauli 2014, 642) sollen, muss die
Berufliche Orientierung als Dimension mitbedacht werden. Dies bedarf jedoch einer pädagogischen
Expertise, die es sowohl als Querschnittsaufgabe für alle Fächer als auch als Teil des
Professionsverständnisses mitzudenken gilt. Dass Lehrpersonen mit diesem „fächerübergreifenden
Bildungsauftrag“ (Niedersächsisches Kultusministerium 2018) vor einer Herausforderung stehen,
bekräftigen gegenwärtige Forschungsarbeiten, die beschreiben, unter welchen Voraussetzungen
Lehrpersonen die Berufliche Orientierung in ihrem pädagogischen Handeln umsetzen. Sie fühlen sich
fachlich nicht hinreichend ausgebildet, überschätzen ihre Qualifikation in diesem Bereich und
scheinen die Potenziale ihres Fachunterrichts nur unzureichend zu kennen (vgl. u. a.
Schröder/Lembke/Fletemeyer 2018; Nentwig 2014; Dreer 2013; Beinke 2004). Fehlend sind jedoch
Arbeiten, die Aufschluss über die subjektiven Orientierungen der Lehrpersonen zu diesem
Themengebiet wiedergeben. An dieser Stelle setzt das vorliegende Vorhaben an, da es
berufsbezogene Überzeugungen („teachers-beliefs“) von Lehrpersonen zur Beruflichen Orientierung
untersucht. Es wird ein theoretisches Grundgerüst herangezogen, welches „subjektive
Erklärungssysteme […] von an […] Lehr-Lern-Prozessen Beteiligten als wesentliche Lehr-Lern-
Voraussetzungen und Kompetenzdimensionen“ rekonstruiert und analysiert (vgl. Kirchner 2015, 57).
Die Zielsetzung liegt demzufolge darin, einen Einblick in die „subjektiven fachpädagogischen Ideen
und Anschauungen […]“ zu erhalten, „die die grundlegende Sicht auf den gesonderten
Aufgabenbereich der Berufsorientierung beleuchten“ (Nentwig 2018, 194). Im Rahmen der Erhebung
wurden 19 problemzentrierte Interviews (vgl. Witzel 1985; Witzel/Reiter 2012) mit gymnasialen
Lehrpersonen durchgeführt. Hierbei wurde mittels eines theoriegeleiteten Kategoriensystems
(angelehnt an Calderhead 1996; Woolfolk et al. 2006) der Frage nachgegangen, welche
Überzeugungen Lehrpersonen (mit unterschiedlichen Fächern) zur schulischen Beruflichen
Orientierung äußern. Im Rahmen des Vortrags sollen didaktische Implikationen dargestellt und zur
Diskussion gestellt werden.

Literatur:
Beinke, L. (2004): Berufsorientierung und Peer-groups und die berufswahlspezifischen Formen der Lehrerrolle. Bad Honnef: K.H. Bock.
Bylinski, U. (2011): Der Weg von der Schule in die Arbeitswelt: Herausforderungen für die pädagogischen Fachkräfte, in: bwp@ Spezial 5 – Hochschultage Berufliche Bildung 2011, Workshop 10, hrsg. v. Bylinski, U., 1-17. Gefunden unter URL: http://www.bwpat.de/ht2011/ws10/bylinski_ws10-ht2011.pdf (Stand: 12.12.2017).
Dreer, B. (2013): Kompetenzen von Lehrpersonen im Bereich Berufsorientierung, Beschreibung, Messung und Förderung, Wiesbaden: Springer.
Dreer, B./ Kracke, B. (2013): Können Lehrer Berufsorientierung? – Kompetenzen von Lehrpersonen im Bereich Berufsorientierung erfassen. In: bwp@ Spezial 6 – Hochschultage Berufliche Bildung 2013, Workshop 14, hrsg. v. Driesel-Lange, K./ Dreer, B, 1-10. URL: http://www.bwpat.de/ht2013/ws14/dreer_kracke_ws14-ht2013.pdf (Stand: Januar 2019).
Jung, E. (2013): Didaktische Konzepte der Studien- und Berufsorientierung für die Sekundarstufen I und II, in: Brüggemann, T./ Rahn, S. (Hg.): Berufsorientierung, Ein Lehr- und Arbeitsberuf, Münster: Waxmann, 298-314.
Kaminski, H. (2017): Fachdidaktik der ökonomischen Bildung. Stuttgart: utb/Schöningh.
Kirchner, V. (2015): Subjektive Sichtweisen als fachdidaktisches Forschungsfeld: Schüler- und Lehrervorstellungen in der ökonomischen Bildung. in: Zeitschrift für Didaktik der Gesellschaftswissenschaften, (02/2015), S. 56-76.
Kircher, V. (2016): Wirtschaftsunterricht aus der Sicht von Lehrpersonen, eine qualitative Studie zu fachdidaktischen teachers` beliefs in der ökonomischen Bildung, Wiesbaden: Springer.
Nentwig, L. (2014): Berufsorientierung als unbeliebte Zusatzaufgabe? Einstellungen und Selbstwirksamkeitserleben von Lehrpersonen zur Berufsorientierung im Gemeinsamen Lernen der Sekundarstufe 1, online in bwpat unter URL: https://www.bwpat.de/ausgabe/27/nentwig (Stand: August 2018).
Nentwig, L. (2018): Berufsorientierung als unbeliebte Zusatzaufgabe in der Inklusion? Eine Studie zur Bedeutsamkeit der professionellen Handlungskompetenz unter Fokussierung der motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften von Lehrpersonen zum Engagement in der inklusiven Berufsorientierung, URL: https://eldorado.tu-dortmund.de/bitstream/2003/36345/1/Dissertation_Nentwig.pdf (Stand Januar 2019).
Niedersächsisches Kultusministerium (2018): Berufliches Orientierung an allgemein bildenden Schulen, URL:
https://www.mk.niedersachsen.de/download/136855/Erlass_Berufsorientierung.pdf (Stand Januar 2019).
Oser, F./ Blömeke, S. (2012): Überzeugungen von Lehrpersonen. Einführung in den Thementeil, in: Zeitschrift für Pädagogik, 58(4), 415-421.
Reusser, K./ Pauli, C. (2014): Berufsbezogene Überzeugungen von Lehrerinnen und Lehrern, in: Terhart et al. (2014): Handbuch der Forschung zum Lehrerberuf, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Münster: Waxmann, S. 642-616.
Schröder, R. (2017): Berufsorientierung als zunehmend multidimensional vernetzte Aufgabe: Perspektiven eines fächer- und lernortübergreifenden Lernern und Lehrens oder Überforderung der Akteure?, in: Arndt, H. (Hg.)(2017): Perspektiven der Ökonomischen Bildung, Disziplinäre und fächerübergreifende Konzepte, Zielsetzungen und Projekte, Wochenschau Verlag: Schwalbach, 56-71.
Schröder, R./ Lembke, R./ Fletemeyer, T. (2018): Konzeptionelle Gestaltung der Berufs- und Studienorientierung in gymnasialen Schulformen. Eine qualitative Studie zur unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Realisierung, in: Ziegler, B./Wittmann, E./Frommberger, D. (2018): Jahrbuch der berufs- und wirtschaftspädagogischen Forschung, Opladen: Budrich Verlag, 179-193.
Witzel, A./Reiter, H. (2012): The problem-centred interview, London: Sage.
Witzel, A. (1985): Das problemzentrierte Interview, in: Jüttemann, G. (Hg.): Qualitative Forschung in der Psychologie: Grundfragen, Verfahrensweisen, Anwendungsfelder, Weinheim: Beltz, 227-255. URL: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-5630 (Stand: Januar 2019).

2) Relevante Wissensbestände von Lehrpersonen in der beruflichen Orientierung

Dr. Rebecca Lembke, Institut für ökonomische Bildung, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg

Die Berufliche Orientierung wird schulformübergreifend als eine schulische Gesamtaufgabe
oder Querschnittsaufgabe beschrieben, womit sie eine Bedeutung für alle Lehrpersonen
erhält. Sie kann nicht auf ein einzelnes Unterrichtsfach begrenzt werden, sondern ist vielmehr
als Auftrag eines breiten Fächerspektrums auszulegen (vgl. Schudy 2002, 12; KMK 2017, 3).
Damit hat sie sowohl eine inhaltliche als auch eine konzeptionelle und organisatorische
Relevanz für die Schulentwicklung und Qualifikation der Lehrpersonen.
In der vorliegenden Studie wurden die Überlegungen zur Professionalisierung von
Lehrpersonen in der schulischen beruflichen Orientierung fortgeführt und an aktuelle
Herausforderungen angeknüpft. Auf der Grundlage bestehender Kompetenzmodelle (vgl.
Baumert/Kunter 2011; Dreer 2013; Bylinski 2014) zur Abbildung erforderlicher Kompetenzen
von Lehrpersonen in der beruflichen Orientierung wurde eine Ausdifferenzierung nach
Facultas und Funktionsrolle von Lehrpersonen in der Schule vorgenommen. Diese
differenzierte Betrachtung ermöglicht eine konkrete Beschreibung erforderlicher
Wissensausprägungen, wodurch inhaltliche Unterschiede und Spezialisierungen der
Fachinhalte formuliert werden können.
Die theoretischen Analysen wurden mit Experteninterviews mit Schulpraktiker*innen und
Wissenschaftler*innen, die einen ausgewiesenen inhaltlichen Bezug zur beruflichen Orientierung
haben, angereichert, um die differenzierten Anforderungsprofile der unterschiedlichen
Personengruppen konkreter zu klassifizieren.

Literatur:
Baumert, J./Kunter, M. (2011): Das Kompetenzmodell von COAKTIV. In: Kunter, M./ Baumert, J./Blum,
W./Klusmann, U./Krauss, S./Neubrand, M. (Hrsg.): Professionelle Kompetenz von Lehrkräften.
Ergebnisse des Forschungsprogramms COAKTIV. Münster u. a.: Waxmann, 29-55.
Bylinski, U. (2014): Gestaltung individueller Wege in den Beruf. Eine Herausforderung an die
pädagogische Professionalität. Herausgegeben vom Bundesinstitut für Berufsbildung. Bonn:
Bertelsmann Verlag.
Dreer, B. (2013): Kompetenzen von Lehrpersonen im Bereich Berufsorientierung. Beschreibung,
Messung und Förderung. Wiesbaden: Springer.
Kultusministerkonferenz (KMK) (2017): Empfehlungen zur Beruflichen Orientierung an Schulen.
Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 07.12.2017. Online:
https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2017/2017_12_07-
Empfehlung-Berufliche-Orientierung-an-Schulen.pdf
Lembke, R. (2021): Berufliche Orientierung in der Schule. Bedeutung und Anspruch für die
Professionalisierung von Lehrpersonen in gymnasialen Schulformen. Wiesbaden: Springer.
Schudy, J. (2002): Berufsorientierung als schulstufen- und fächerübergreifende Aufgabe. In: Schudy, J.
(Hrsg.): Berufsorientierung in der Schule. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 9-17.

16:15 Uhr: Postersession / Pause

17:00 Uhr: Josephine-Levy-Rathenau-Preis

Der Deutsche Verband für Bildungs- und Berufsberatung e.V. lobt gemeinsam mit seinem langjährigen Publikationspartner wbv Media einen Nachwuchspreis für die Beratung in Bildung, Beruf und Beschäftigung aus. Der Preis soll der Professionalisierung der Beratung dienen, der Beratungswissenschaft und -praxis eine größere Sichtbarkeit verschaffen und den Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis vertiefen.

Benannt wird der Preis nach Josephine Levy-Rathenau (1877-1921), einer Begründerin der Berufsberatung und der Erwachsenenbildung in Deutschland, die sich insbesondere für Frauen eingesetzt hat.

Laudatio des Jury-Vorsitzenden Dr. Ingo Blaich, Universität Dresden/Vorstand dvb

Vortrag des Preisträgers/der Preisträgerin

Freitag, 10. September 2021

09:00 Uhr: Keynote

Prof. Dr. Marc Schreiber, Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW)

Life Design bei der Beruflichen Orientierung

Berufliche Orientierung oder Career Guidance? Unterstützungsangebote für die berufliche Laufbahnentwicklung von Jugendlichen und Erwachsenen orientieren sich seit ihren Anfängen um 1900 sowohl am Individuum als auch an der Arbeitswelt. Dabei haben sich die Paradigmen der Passung (vocational guidance), des lebenslangen Lernens (career education) sowie des Life Designs (career counseling) etabliert und bewährt. In der Keynote wird aufgezeigt, welche Fragestellungen und Methoden mit den drei Paradigmen adressiert werden können und welche Rolle dabei der Beratungsperson zukommt. Ein Hauptfokus wird auf die Life Design Ansätze gelegt. Diese nehmen Bezug zur gegenwärtigen schnelllebigen Arbeitswelt und unterstützen Klient*innen dabei, ihre berufliche Identität zu reflektieren und weiter zu entwickeln.

10:00 Uhr: Kaffeepause

10:15 Uhr: Timeslot 4 / Workshops und Symposien

Download: Programmübersicht

A 4 – Entwicklung neuer Prototypen für Berufsorientierungsangebote

Und dann kam Corona: ‚pandemische‘ Erfahrungen und co-kreative Entwicklung neuer Prototypen für digitale und hybride Studien- und Berufsorientierungsangebote

Anna Zeien, Carolin Wohlert, Pilotprojekt FIGEST, Katholische Hochschule NRW
Uwe Botzenhart, Srdjan Petcovic, Agentur für Arbeit Aachen/Düren
Silke Tölle-Pusch, ArbeiterKind.de

Schon vor der Coronapandemie zeigte sich zunehmend der Bedarf an digitalen Angeboten zur Beratung und Orientierung von Studieninteressierten, um den Bedürfnissen dieser Zielgruppe besser gerecht werden zu können.
In einem Impulsvortrag stellen die beiden Referentinnen des Pilotprojektes FIGEST (der Förderinitiative „Innovative Hochschule“) die digitalen Angebote des Projektes zur Unterstützung von reflektierten Entscheidungen für oder gegen ein Studium der Sozialen Arbeit vor. Mithilfe agiler Methoden erarbeitet das Pilotprojekt FIGEST gemeinsam mit seinen Kooperationspartner*innen, der Bundesagentur für Arbeit (Aachen/Düren), Coach e.V. und ArbeiterKind.de, in einem multiprofessionellen Projektsetting seine Unterstützungsangebote. Hier bindet FIGEST vor allem auch Studierende als Peers in die Konzeptionierung und Umsetzung ein. Mit seinen Angeboten unterstützt das Projekt FIGEST insbesondere Studienpionier*innen und Personen, denen das System Hochschule wenig bis gar nicht vertraut ist. Die Angebote für Studieninteressierte bieten neben Informationen zum Studium die Möglichkeit, die eigenen Potentiale sowie die eigene Studienmotivation zu reflektieren.
Im weiteren Verlauf bietet dieser Workshop den teilnehmenden Akteur*innen aus Praxis und Wissenschaft die Möglichkeit, ein einstündiges Mini Design Thinking in multiprofessionellen Kleingruppen auszuprobieren. In dieser co-kreativen Arbeitsphase werden das vielfältige Wissen und die Erfahrungen der Tagungsbesucher*innen dazu genutzt, erste Ideen/Prototypen zu neuen digitalen und hybriden Beratungs- und Orientierungsangeboten für die „Zeit nach der Pandemie“ entstehen zu lassen.
Auf Basis der in den Arbeitsgruppen entstandenen Ideen/Prototypen werden im Workshop-Plenum abschließend die Ergebnisse gemeinsam reflektiert und gebündelt.

B 4Barcamp als Peer-to-Peer-Lernformat

Barcamp als Peer-to-Peer-Lernformat multiprofessioneller Beratungsteams

Cornelia Eybisch-Klimpel, Frau und Beruf, Berlin

Im Impulsteil des Workshops wird zunächst kurz erläutert und mit Bildmaterial gezeigt, was
ein Barcamp ist, wie es funktioniert und in welchen Kontexten das Format eingesetzt wird. Es folgt ein Erfahrungsbericht (mit Bildern). Es wird erläutert, wie das Barcamp den Peer-to-Peer-Austausch und die Vernetzung organisationsübergreifender kollegialer Beratung vorbereitet, organisiert und dokumentiert.

Im interaktiven Teil werden zunächst Fragen beantwortet und dann Möglichkeiten des
Transfers in andere Kontexte erarbeitet. Für die Darstellung der Gruppenergebnisse werden Templates vorbereitet, die eine gute Erfassung der Inhalte gestatten.

C 4 – Online-Self-Assessments in Training und Beratung

OSA-Symposium: Innovative Nutzung von Online-Self-Assessments in Training und Beratung

Prof. Dr. Dennis Mocigemba, Prof. Dr. Stefan Höft, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit – HdBA
Dr. Katja Pässler, Fachhochschule der Nordwestschweiz – FHNW

Online-Self-Assessments (OSAs) kommen seit 20 Jahren in der Berufs- und Studienorientierung zum Einsatz. Seither wächst das Angebot an OSAs mit unterschiedlichen Ausrichtungen sowohl in Quantität als auch Diversität kontinuierlich. Sowohl Berufs- und Studieninteressierte als auch Berater*innen stehen vor der Herausforderung, aus dem vielfältigen Angebot das für sich selbst bzw. ihre Klient*innen geeignete OSA auszuwählen und auf gewinnbringende Weise in Orientierungsveranstaltungen oder individuelle Beratung zu integrieren. Hierzu bieten die drei einander ergänzenden Vorträge dieses Symposiums Anregungen: 

Orientierungshilfen für den OSA-Dschungel – Prof. Dr. Stefan Höft
Zunächst gibt Stefan Höft mit Hilfe des OSA-Portals einen Überblick über das deutschsprachige OSA-Angebot. Er stellt gängige Klassifikationen zur Unterscheidung von OSAs vor (allgemeine und fachspezifische, diagnostisch ausgerichtete und informationsorientierte OSAs), illustriert diese mit ausgewählten Beispielen und skizziert Überlegungen zu einer Qualitätsdifferenzierung. Dabei fokussiert er auf die nicht angeleitete Nutzung von OSAs und analysiert Rückmeldeberichte für OSA-Nutzer*innen.

OSAs in der Berufsorientierung am Beispiel von BEST – Dr. Katja Päßler
Anhand von BEST, einem zweitätigen Entscheidungstrainings zur Berufs- und Studienorientierung (BEST) für Schüler*innen, stellt Katja Päßler anschließend vor, wie OSAs zielführend in ein Orientierungstraining integriert werden können. Dazu werden Erfahrungsberichte der Teilnehmenden und Evaluationsergebnisse exemplarisch vorgestellt und Erfolgsfaktoren (z.B. Training der Berater*innen, kontinuierliche Evaluation und Überarbeitung der Trainingsbestandteile) erörtert und diskutiert.

Einbindung von OSAs in individuelle Beratungsprozesse – Prof. Dr. Dennis Mocigemba
Schließlich widmet sich Dennis Mocigemba der Frage, wie OSAs auf kreative Weise in den Prozess der individuellen Studien- und Berufsberatung integriert werden können. Auf Basis unterschiedlicher Beratungsparadigmen (z. B. Career Guidance und Career Construction) sowie etablierter Handlungs- und Leitprinzipien guter Beratung (z. B. Ressourcenorientierung, Perspektivenvielfalt, Berufswahlreife) werden OSA-Nutzungsszenarien entwickelt und illustriert.

Alle drei Beiträge sind als wissenschaftlich fundierte Impulsvorträge konzipiert, die unter den Teilnehmer*innen des Symposiums eine rege Diskussion zur innovativen OSA-Nutzung sowie zu deren Qualitätsbewertung anregen sollen.

D 4Berufliche Orientierung – was meint das eigentlich?

Workshop zum Tagungstitel: Berufliche Orientierung oder Career Guidance?

Prof. Dr. Bernd-Joachim Ertelt, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit
Prof. Dr. Marc Schreiber, Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Prof. Dr. Rudolf Schröder, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg
Rainer Thiel, Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung

Der Tagungstitel fordert Fragen heraus. Umfasst der im deutschen Sprachraum gebräuchliche Oberbegriff Berufliche Beratung (oder Bildungs- und Berufsberatung) nicht nur einen Teilaspekt des komplexen Geschehens in unserem professionellen Tätigkeitsbereich? Für diese These spricht u. a., dass in der deutschen Übersetzung der EU-Ratsentschließung von 2004 (über den Ausbau der Politiken, Systeme und Praktiken auf dem Gebiet der lebensbegleitenden Beratung in Europa) für den Begriff Guidance zwar die Übersetzung Beratung gewählt wurde, aber eine mehrzeilige Fußnote benötigt wurde, um zu definieren, was damit gemeint sei: „Beispiele für solche Tätigkeiten sind u.a. Information und Beratung, Beratungsdienste, Kompetenzbewertung, Mentoring, Fürsprache, Vermittlung von Fähigkeiten zur Entscheidungsfindung und zur Planung der beruflichen Laufbahn…“

Auf der anderen Seite steht der Begriff Berufsorientierung, der im deutschsprachigen Raum ursprünglich mit Informationsveranstaltungen an Schulen gleichgesetzt wurde. Dies wirkt nach, so dass sich die Kultusministerkonferenz veranlasst sah, Berufliche Orientierung als Begriff für das prozesshaft angelegte berufs- und bildungsbezogenes Lernen in Schulen einzuführen (KMK 2017). Auf die Lebensperspektive ist diese Bezeichnung der KMK jedoch noch nicht bezogen.

Umschreibt Berufliche Orientierung dennoch das vielfältige Geschehen sprachlich treffender? Wenn Hooley et al. (2017) den lebenslangen Bezug von Career Guidance fokussieren, passt die Übersetzung Beratung nicht, sondern: „Berufliche Orientierung kann vielfältige Formen annehmen … Im Kern … ist sie eine zielgerichtete Lernmöglichkeit, die Einzelpersonen und Gruppen dabei unterstützt, Arbeit, Leben und Lernen im Lichte neuer Informationen und Erfahrungen wieder und wieder zu überdenken und daraus sowohl individuelles als auch kollektives Handeln abzuleiten.“ Die vorhergehende Keynote von Prof. M. Schreiber bringt definitorisch die Paradigmen der Passung (vocational guidance), des lebenslangen Lernens (career education) sowie des Life Designs (career counseling) in die Diskussion ein.

Anliegen des Workshops ist es, mehr Klarheit in die Bedeutung der internationalen wie der deutschsprachigen Begriffe wie (Lifelong) Career Guidance, Berufliche Orientierung und Bildungs-, Studien- und Berufsberatung zu bringen, um die Verständigung über Konzepte und Arbeitsweisen zu erleichtern und einen Beitrag zu einer zeitgemäßen Beschreibung und Begrifflichkeit dieses Arbeitsfeldes zu versuchen.

Literatur:
Rat der EU – Rat der Europäischen Union 2004: Entwurf einer Entschließung des Rates und der im Rat vereinigten Vertreter der Regierungen der Mitgliedstaaten über den Ausbau der Politiken, Systeme und Praktiken auf dem Gebiet der lebensbegleitenden Beratung in Europa. Nr. 9286/04 Brüssel. Verfügbar unter: https://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-9286-2004-INIT/de/pdf. Englische Version: https://data.consilium.europa.eu/doc/document/ST-9286-2004-INIT/en/pdf (Zugriff am: 17.05.2021) 
KMK – Kultusministerkonferenz 2017: Empfehlung zur Beruflichen Orientierung an Schulen  Verfügbar unter: https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2017/2017_12_07-Empfehlung-Berufliche-Orientierung-an-Schulen.pdf  (Zugriff am: 17.05.2021) 
T. Hooley, R.G. Sultana & R. Thomsen (2017) The neoliberal challenge to career guidance – mobilising research, policy and practice around social justice. In T. Hooley, R.G. Sultana & R. Thomsen (eds) Career guidance for social justice: Contesting neoliberalism. London: Routledge.

E 4Beraterische Kompetenzen für Lehramtsstudierende

Prof. Dr. Gert-Holger Klevenow, Hochschule der Bundesagentur für Arbeit – HdBA
Prof. Dr. Peter Cornelius, Institut für ökonomische Bildung, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg

Initiiert durch das IÖB fand erstmalig im Mai 2019 an der Universität Oldenburg im Rahmen des Moduls „Berufs- und Studienorientierung im allgemeinbildenden Schulwesen“ ein Wochenendseminar statt, um zu erkunden und auszuprobieren, wie Lehramtsstudierende für die beraterischen Aspekte des Themas der beruflichen Orientierung von Schüler*innen sensibilisiert und wie ihnen dafür erste beraterische Kompetenzen vermittelt werden könnten, die gleichzeitig die interdisziplinäre und -institutionelle Kooperation mit Berufs- und Studienberater*innen erleichtern und damit mittelbar fördern sollen. Im Setting wurde das durch ein Teamteaching ermöglicht mit Lehrenden aus dem Institut und der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit.

Neben grundlegenden Inputs zu theoretischen Aussagen über Kommunikation, Beratung und Beziehungsgestaltung stand vor allem das unmittelbare Üben im Vordergrund.  

Für die Entwicklung des Seminars haben wir uns an folgender Leitfrage orientiert: Wie können die Selbsterkenntnis und -erkundung von Jugendlichen (im schulischen Setting), bspw. hinsichtlich ihrer Kompetenzen, Wertvorstellungen oder Interessen durch beratende Gesprächsformen begleitet oder unterstützt werden?

Aufgrund der überaus positiven Rückmeldungen der Teilnehmer*innen, stellen wir dieses Seminarangebot der Universität Oldenburg vor: Die pädagogischen Ziele, die beratungsbezogenen Inhalte sowie die didaktische Umsetzung des Seminars, einschließlich exemplarisch ausgewählter Übungen.

Wir sind an einem Gedanken- und Erfahrungsaustausch interessiert mit Teilnehmer*innen, die an vergleichbaren Projekten arbeiten.

12:30 Uhr: Abschlussgespräch

Rainer Thiel
Deutscher Verband für Bildungs- und Berufsberatung e.V. (dvb), Bundesvorsitzender

Prof. Dr. Rudolf Schröder
Institut für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg (IÖB)

Prof. Dr. Bernd-Joachim Ertelt
Hochschule der Bundesagentur für Arbeit (HdBA)

Organisation und Anmeldeinformationen

Die Tagung wird online mit dem Konferenztool Zoom durchgeführt. Thematische Poster und ein digitaler Büchertisch werden in einem digitalen Raum, voraussichtlich bei Wonder.me, während der gesamten Tagung zur Verfügung stehen. Informationen hierzu erhalten die Angemeldeten rechtzeitig vor Tagungsbeginn.

Die Tagungsgebühr beträgt 30,00 €.

Eine Anmeldung ist ab sofort möglich:

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